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Siemens: Korruptionsaffäre trifft Siemens-Topmanager bis ins Mark

von Michael Kroker und Andreas Wildhagen

Der Nächste, bitte: Nach dem Rücktritt von Siemens-Vorstand Erich Reinhardt kommen weitere Top-Manager ins Visier der Korruptionsermittler.

Siemens-Finanzvorstand Joe Quelle: REUTERS
Siemens-Finanzvorstand Joe Kaeser: Angebliche "Anscheinsvermutung" beim Ex-Finanzchef der Kommunikationssparte - bislang ohne Beweise Quelle: REUTERS

Montag vergangene Woche, Flughafen Düsseldorf: Lufthansa-Flug 839 startet pünktlich um 13.45 Uhr nach München. Auf Platz 2A in der Businessclass, er hat die Reihe für sich, sitzt Gerhard Cromme, Aufsichtsratschef von Siemens und ThyssenKrupp. Interessiert studiert er die Nachrichtenlage zum Thema Siemens in mehreren Tageszeitungen. Was zu dem Zeitpunkt noch niemand weiß: Cromme selbst hat Material im Gepäck, mit dem er den Nachrichtenfluss weiter einheizen wird. Es handelt sich um einen 15-seitigen Zwischenbericht über das Schmiergeldsystem bei Siemens, angefertigt von der US-Anwaltskanzlei Debevoise & Plimpton.

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Am Dienstag spricht er mit Erich Reinhardt, Chef des Medizintechnikgeschäfts und Konzernvorstand. Anlass sind neue Informationen über ein Finanznetz in Reinhardts Sparte. Laut Debevoise-Erkenntnissen sollen über Konten in Dubai zwischen 2001 und 2006 dubiose Gelder in Höhe von 70 Millionen Euro geflossen sein.

Am Mittwoch verkündet Reinhardt seinen Rücktritt. Er sei persönlich nicht in die Vorgänge involviert, übernehme damit aber die Verantwortung für Verfehlungen in seinem Bereich. Am Donnerstag kündigte die Staatsanwaltschaft München Ermittlungen in der Siemens-Medizinsparte an.

Damit kommt die Schmiergeldaffäre bei Siemens in eine neue Dimension. Denn mit Reinhardt muss ein altgedienter Siemensianer gehen, ein langjähriger Weggefährte von Ex-Konzernchef Heinrich v. Pierer. Womit sich nun die Frage stellt: Wer steht noch auf Crommes Liste, mit welchen Bewertungen und Härtegraden hinter jedem einzelnen Namen?

Gut 150 ehemalige und aktive Siemensianer haben die Anwälte von Debevoise im Auftrag Crommes in unterschiedlichen Kategorien bewertet: Täter, Wisser, Mitwisser. Aufsichtsrat und Prüfungsausschuss von Siemens schauten zu Beginn der vergangenen Woche auf das Konvolut, das Cromme mit sich im Fluggepäck geführt hatte und in der Konzernzentrale am Wittelsbacher Platz auf den Tisch legte.

Es sollen diverse bekannte Namen auf dem Debevoise-Dossier stehen, Joe Kaeser etwa, was besonders heikel für Siemens wäre – er ist amtierender Finanzvorstand des Konzerns. Es steht für den Neuanfang nach der Ära Pierer, vor Analysten präsentiert der Nachfolger des Ex-Siemens-Finanzvorstandes Heinz-Joachim Neubürger das neue Siemens-Gesicht. Die Debevoise-Fahnder haben sich ihn dennoch hart vorgenommen, heißt es. Denn auch Kaeser hat eine Siemens-Vergangenheit, er war jahrelang in verantwortlicher Position bei der von Schmiergeldzahlungen besonders betroffenen Com-Sparte tätig.

„Es gibt bei Kaeser eine Anscheinsvermutung“, heißt es im Siemens-Umfeld. Siemens-Controller haben jeden Beleg aus der Com-Zeit von Kaeser umgedreht. Heute sagt einer von ihnen: „Die Debevoise-Leute haben sich auf Kaeser eingeschossen.“ Mit einem Ergebnis der Bewertung ist aber bis nächste Woche nicht zu rechnen. Offiziell wollte Siemens dazu keine Stellung nehmen. Kaeser war bis zum Redaktionsschluss nach Angaben seiner Anwälte auf einem langen Auslandsflug und nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Anders bei zwei weiteren Namen, die auf der Liste stehen sollen: Ex-Finanzchef Neubürger und der frühere Aufsichtsratsvorsitzende Karl-Hermann Baumann, gegen den die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth ermittelt. Neubürger und Baumann droht der Siemens-Aufsichtsrat mit einer Schadensersatzklage. Am Montag und Dienstag soll die Entscheidung fallen.

Das Debevoise-Material wird noch gesichtet und bewertet. Was schwer wiegt: Baumann war als Aufsichtsratsvorsitzender nach Angaben von Siemens-Controllern in den sogenannten Nigeria-Fall verwickelt. Unterlagen darüber stammen aus einer Großrazzia bei Siemens im November 2006. Erste konzerninterne Hinweise darauf stammten vom Oktober 2003. In der Sparte Kommunikation sollen mehr als vier Millionen Euro in Bargeld an nigerianische Unterhändler gezahlt worden sein, um einen Auftrag für den Bau eines Telefonnetzes zu ergattern. Siemens-Mitarbeiter hatten Banknoten angeblich im Flugzeug nach Nigeria mitgeführt und Angaben beim Zoll gefälscht.

Neubürger, gegen den die Staatsanwaltschaft München seit Anfang 2007 wegen Beihilfe zur Untreue und Steuerhinterziehung ermittelt, sagte bei einer Vernehmung zu der Nigeria-Affäre, es tue im im Nachhinein leid, den frühen Hinweisen der Revision nicht nachgegangen zu sein. Und auch der damalige Aufsichtsratsvorsitzende soll involviert gewesen sein. „Über diese Bargeldzahlungen soll Baumann unterrichtet worden sein, Nachfragen vermied er“, sagen Siemens-Mitarbeiter heute. Ob der Vorgang für eine Schadensersatzklage ausreicht, wird am 28. und 29. April vom Siemens-Aufsichtsrat entschieden.

6 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 29.04.2008, 13:41 UhrZamir Zebulovic

    Jetzt sollte man wirklich ersteinmal abwarten, bis alle Ermittlungen
    abgeschlossen sind und die Resultate auf dem Tisch liegen, ca. Ende
    2015. Es ist bestimmt nicht leicht in der heutigen Zeit ein Unternehmen auf Wachstumskurs zu halten und dann noch dieses ewig neidische und geistig verarmte Volk, wer soll das auf Dauer verkraften ? Da sind doch sämtliche Millionengehälter nur am
    untersten Limit angesiedelt, bei diesem Stress und der Verantwortung.
    Gruss Zamir

  • 28.04.2008, 14:19 Uhrasia

    Unabhängig von den Siemens zur last gelegten Delikten sollte man den bewertungsansatz dahingehend erweitern, daß in den "Empfängerländern" solche Zahlungen als notwendig und somit normal angesehen werden. Jeder Wettbewerber erhält seine Zuschläge unter gleichen Voraussetzungen wie Siemens, - oder eben nicht!! Da brauch man keine amerikanische Anwaltskanzlei zur Feststellung dieser Vorgänge zu beschäftigen, es sei den, man möchte die SEC befrieden.

  • 28.04.2008, 09:43 UhrZamir Zebulovic

    Zamir erklärt die Siemens-Chef-Psyche:
    Es ist schon sehr erstaunlich, dass in der deutschen Öffentlichkeit, von einem Korruptionsskandal die Rede ist. Siemens steht für ein international verzweigtes, dem Globalisierungszwang verpflichtetes
    Unternehmen. Wenn nun solche "Praktiken", in großem Stil, bekanntwerden, dann bezeugt dies, die gar doppelte Unfähigkeit
    und plumpe Arroganz, der Chef-Sessel-inhaber, sowohl in der
    Vergangenheit, als auch in der Gegenwart. Naivität, Gut-gläubigkeit,
    deutscher Ordnungssinn und deutsche Disziplin, vielleicht noch christliche Nächstenliebe, sind die Tugenden, die sich hierbei
    angeekelt und erstaunt abwenden möchten und tragischerweise,
    ermöglichten erst diese Grundwerte, den betrug immensen Ausmaßes; vielleicht noch mit Unterstützung von McKinsey und Roland berger ? Nicht umsonst war ja ein gewisser Herr von Pierer,
    (deutscher Adel, deutsche ´Rüstungsindustrie und deutscher Größenwahn haben in den vergangenen 100 Jahren genug Unheil
    und Vernichtung angerichtet) auch wirtschaftlicher berater der
    bundesregierung. Was "der" wohl, den politisch-verantwortlichen
    noch beibringen und Nahelegen wollte ? Man kann Siemens nur raten, sich schleunigst einen neuen Namen zuzulegen: z.b..
    Münchner Lach- und Schieß-Gesellschaft; halt, halt, diesen Namen gibt es ja schon, würde aber optimal passen. Und darum: "Feste
    Jungs, macht nur weiter so. Jetzt wird auch deutlich warum München,
    Deutschlands unheimliche Hauptstadt genannt wird; hier ist auch die
    Zentrale der Allianz, hier in der Nähe liegt ganz versteckt, Pullach
    der Sitz des bND und der Kreis schliesst sich. So einfach und doch
    interessant-unterhaltsam kann deutsche Geschichte sein.
    Gruss Zamir

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