_

Siemens-Korruptionsprozess: Deutsche Justiz beschädigt mit Urteil eigenen Ruf

von Wilfried Eckl-Dorna

Das erste Urteil im Prozess um Schmiergeld-Kassen bei Siemens fiel mild aus. Der Richter ließ zwar keinen Zweifel daran, dass die oberste Führungsriege von den schwarzen Kassen wusste. Doch das geringe Strafmaß schadet dem Ruf der deutschen Justiz.

Sitzungssaal A 101 des Quelle: dpa
Sitzungssaal A 101 des Landgerichts München I: Das Urteil gegen den ehemaligen Siemens-Manager Reinhard Siekarczek schadet vor allem dem Ansehen der deutschen Justiz. Quelle: dpa

Er baute für seinen Arbeitgeber ein System schwarzer Kassen auf – und kam doch mit einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Zahlung von 108.000 Euro davon. Keine Frage, für den ehemaligen Siemens-Manager Reinhard Siekaczek ist der Prozess um Schmiergeldzahlungen des Technologiekonzerns glimpflich ausgegangen. Der deutschen Justiz schadet das Urteil mehr als dem Verurteilten: Denn Deutschlands Ansehen bei der Korruptionsbekämpfung wird unter dem Richterspruch leiden.

Anzeige

Gewiss, Siekaczek gestand seine Verfehlungen früh, und das bewahrte ihn vor einer höheren Strafe. Laut der Urteilsbegründung trug er maßgeblich dazu bei, Licht ins Dunkel der systematischen Korruption bei Siemens zu bringen. Sein Ruf ist ruiniert. Wirklich bluten wird er nicht. Nicht mehr als 108.000 Euro Strafe muss der ehemalige Siemens-Direktor zahlen. Diese Summer mag ihn schmerzen, richtig weh tut sie ihm nicht.

Zögerliches Vorgehen der Justiz bei Korruptionsdelikten

Das milde Urteil zeugt vom Zaudern der deutschen Justiz bei Korruptionsdelikten. Immerhin wies die Staatsanwaltschaft Siekaczek in 49 Fällen Untreue nach. Rund 50 Millionen Euro hat der heute 57-jährige über Tarnfirmen und fingierte Beraterverträge in schwarze Kassen geschleust. Wahrlich kein Kavaliersdelikt. Das Geld ist in einem „undurchdringlichen Firmengeflecht“ versickert, wie es der Richter des Verfahrens formulierte – und das alles passierte mit „augenzwinkernder Zustimmung“ der Vorgesetzten von Siekaczek.

Freuen darf sich der Siemens-Aufsichtsrat, der heute über mögliche Schadenersatzforderungen gegen von Pierer und Co. berät: Denn das gestrige Urteil liefert dem Kontrollorgan scharfe Munition. Der Richter ging in seiner Urteilsbegründung von einer Mitwisserschaft der obersten Führungsriege aus. Durch die Zeugenaussagen „drängt sich der Verdacht auf“, dass der Zentralvorstand über Siekarczeks Taten Bescheid wusste. Aussagen wie diese liefern dem Aufsichtsrat Futter, um die früheren Siemens-Chefs doch noch dranzukriegen.

Eine ganze Reihe von Siemens-Managern verweigerte in dem Verfahren die Aussage. Gegen sie wollen die Gerichte nun Stück um Stück vorgehen.

Nun ist klar, dass sich die Verfahren noch jahrelang hinziehen werden. Bis dahin können sich die Siemens-Top-Manager ordentliche Verteidigungsstrategien zurechtlegen – oder überlegen, wie viel ihnen ein Ablasshandel wert ist. 

Wie das geht, hat der ehemalige VW-Personalvorstand Peter Hartz vor wenigen Monaten vorexerziert. Er gestand seine Verantwortung für die Lustreisen des VW-Betriebsratsvorsitzenden Volkert ein, zahlte 576.000 Euro, und verließ das Gericht als freier Mann. Was er sonst noch wusste, wird für immer im Dunklen bleiben.

Zu diesem Artikel
7 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 30.07.2008, 11:59 Uhr.. Inlandskorruption ist das Problem

    „Man gebe den Deutschen ein Parole oder eine Lüge ein, dann schlagen sie ihrem bruder den Schädel ein.“ Oder: „Keine Lüge kann grob genug ersonnen werden – die Deutschen glauben sie.“ So oder ähnliche sagte es schon Napoleon. Was man uns heute erzählt, kennt jeder.

    Korruption gegenüber Staaten, in denen Korruption normal ist, darf hier aus Wettbewerbsgründen nicht strafbar sein, denn wenn jeder nachhilft, darf es uns nicht verboten sein. Wir müssen hier ebenso frei sein wie Anbieter aus anderen Ländern.

    Korruption im eigenen Land dagegen muß aufs Schärfste bekämpft werden. Dazu gehört die schlimmste Form der Korruption, die verdeckt ablaufende Korruption, nennen wir sie „Seilschaften-Postenvergabe-Korruption“: Das Vergeben von Posten für definitives Nichtstun, absolutes Nichtskönnen bei ganz offensichtlichem Auftrag. Das muß unter Strafe gestellt werden. Und niemand möge sagen, das liße sich nicht realisieren. Alles läßt sich realisieren, sofern man nur will. Hier gilt die alte Regel: „ich kann nicht heißt ich will nicht“. Das ganze Land wird erschüttert von Pfeifen, die irgendwo sitzen, nichts können, z.T. nicht einmal eine Ausbildung haben, aber beste beziehungen besitzen und alles ruinieren. Das ist unser eigentliches Problem, nicht das Vergeben von gewissen Zuwendungen im Ausland ohne die ein Auftrag nie zu bekommen wäre.

  • 30.07.2008, 11:28 Uhrasia

    Die Milde ist in Ordnung, denn ohne die Kooperation des Angeklagten würden alle beteiligten Organe(Staatsanwaltschaft und Gericht) noch Jahre mit einer langen Stange im tiefen Wasser stochern. Den ganzen Kommentatoren sei die Frage gestellt: Wer zahlt jetzt die Schmiergelder? Abb, Enel, Alstom,GE und andere wollen weiterhin Aufträge erhalten, - die Vergabe findet nach wie vor zu den bekannten und gerichtsanhängigen bedingungen statt.

  • 29.07.2008, 17:27 UhrElmar

    Wenn gegen die eigentlichen Urheber nicht einmal mehr ermittelt wird, warum soll es dann ausgerechnet die befehlsempfänger hart treffen? Wenn hier irgendjemand den Ruf der deutschen Justiz beschädigt hat, sind es die weisungsgebundenen Staatsanwälte und nicht die Richter.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Was die Bahn bewegte: Rückblick auf die Woche 21
Was die Bahn bewegte: Rückblick auf die Woche 21

Viel passiert ist nicht. Die nachrichtenarme Zeit haben Institutionen und Verbände genutzt, um auf den desolaten Zustand...

    Folgen Sie uns im Social Web

WirtschaftsWoche Shop

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.