Sigmar Gabriel im Interview: "Kein Thema für Blümchenschützer"

Sigmar Gabriel im Interview: "Kein Thema für Blümchenschützer"

Bild vergrößern

Umweltminister Sigmar Gabriel

Umweltminister Sigmar Gabriel über den Wert des Regenwaldes, den Kampf gegen Biopiraterie und die Tücken des Artenschutzes – auch in der SPD.

WirtschaftsWoche: Herr Gabriel, im vergangenen Jahr drehte sich alles um das Klima. Bei der Naturschutz-Konferenz in Bonn soll es nun um die Rettung von Flora und Fauna gehen. Rückt der Feldhamster jetzt wieder in den Fokus des Umweltschutzes?

Gabriel: Klima- und Naturschutz gehören eng zusammen. Der Klimawandel wird zu einem Fünftel durch Entwaldung verursacht, weltweit geht in jedem Jahr eine Waldfläche von der dreifachen Größe der Schweiz verloren. Das wiederum gefährdet die Artenvielfalt und schadet letztendlich auch dem Menschen. Auch wenn Sie Ihre Frage so ironisch stellen, geht es beim Naturschutz um entscheidende Fragen für die Menschheit und auch für die Wirtschaft.

Anzeige

Und was genau hat der Feldhamster nun mit der Menschheit zu tun?

Wir müssen Lebensräume erhalten, um Arten zu schützen. Aus einigen vom Aussterben bedrohten Bäumen im Regenwald gewinnen wir genetische Ressourcen zur Herstellung von Medikamenten gegen Krebs. Die Rinde der Silberweide bildet einen der beiden pflanzlichen Ausgangsstoffe für eines der meistgenutzten Arzneimittel: Aspirin. Es geht immer auch darum, wie wir eine wachsende Weltbevölkerung mit Rohstoffen versorgen, und dafür werden wir in Zukunft immer mehr Kenntnisse aus der Natur benötigen. Zurzeit allerdings löschen wir die Daten der Natur und hinterlassen unseren Kindern am Ende eine leere Festplatte.

Deutschland ist Gastgeber der internationalen Konferenz, geht aber selbst nicht mit gutem Beispiel voran. Ein Drittel der Tier- und Pflanzenarten ist hierzulande gefährdet. Umweltschützer werfen Ihnen vor, den Naturschutz in Deutschland zu vernachlässigen.

Wir haben in Deutschland große Erfolge im Naturschutz erzielt. In Rhein und Elbe tummeln sich fast so viele Fischarten wie vor der Industrialisierung. 14 Prozent des Landes sind als Schutzgebiete ausgewiesen. Wolf und Luchs kehren zurück. Gleichzeitig aber sind zwei Drittel der deutschen Biotope bedroht, weil der Flächenverbrauch von Bauprojekten und die Intensität der Landwirtschaft steigen.

Und was wollen Sie dagegen tun?

Derzeit werden in Deutschland 115 Hektar pro Tag versiegelt. Wir wollen, dass es künftig nur noch 30 Hektar sind. Wir stehen in einer besonderen Verantwortung, denn wenn ein reiches Land wie Deutschland beim Naturschutz versagt, können wir kaum von Entwicklungsländern Anstrengungen erwarten. Den Afrikanern vorzuschreiben, ihre Elefanten zu schützen und dann den ersten Bär abzuschießen, der hier um die Ecke kommt – das lässt sich auf einer internationalen Konferenz schlecht erklären.

Sie haben davor gewarnt, dass die Naturschutz-Konferenz in der nächsten Woche scheitern könnte. Warum sind Sie so pessimistisch?

Ich bin nicht pessimistisch. Aber ich stelle fest, dass sich die Vereinten Nationen schon vor 16 Jahren in Rio auf Vereinbarungen geeinigt hatten, die bis heute zu wenig bewirkt haben. Entweder gelingt es uns jetzt, substanzielle Fortschritte zu machen – oder wir müssen öffentlich ganz klar bekennen, dass die Völkergemeinschaft beim Naturschutz versagt hat. Mit einer netten Konferenz und einem Formelkompromiss ist niemandem gedient. Auch und gerade als Gastgeber will ich nicht am Ende einen Erfolg herbeireden, wenn es ihn nicht gibt.

Was wäre denn ein substanzieller Fortschritt?

Wir brauchen zum Beispiel gegen Biopiraterie endlich ein verbindliches völkerrechtliches Abkommen. Wir müssen dafür einen klaren Verhandlungsauftrag bis zur nächsten Konferenz 2010 in Japan haben, ein „Bonner Mandat“, so wie es seinerzeit das Berliner Mandat gab, das dann zum Kyoto-Protokoll geführt hat. Bonn wird noch keinen Vertragsabschluss bringen, aber hoffentlich den Weg dorthin festlegen. Länder, die genetische Ressourcen in der Natur haben und schützen, müssen an den Gewinnen derer beteiligt werden, die damit etwa Medikamente herstellen.

Um es kurz zu machen: Sie wollen also die Pharmaindustrie zur Kasse bitten?

Wir können doch nicht von den Brasilianern verlangen, dass sie ihren Regenwald schützen – und uns dann am reich gedeckten Tisch genetischer Ressourcen bedienen, ohne etwas zurückzugeben. Das finde ich unfair. Und die betroffenen Länder empfinden das als Biopiraterie.

Die Pharmakonzerne wiederum werden das als finanzielle Bedrohung empfinden.

Warum eigentlich? Es ist doch selbstverständlich, dass man für Ressourcen, die man nutzt, auch bezahlt. Vermutlich geht es in der Praxis nicht einmal um riesige Summen. Wichtig ist die Bereitschaft der Industrieländer, mit den Entwicklungs- und Schwellenländern auf Augenhöhe zu agieren. Nur wenn wir zeigen, dass es uns ernst mit dem Vorteilsausgleich ist, bekommen unsere Firmen überhaupt den Zugang zum weltweiten Genpool – anders werden die Entwicklungsländer zu Recht nicht mehr mitmachen. Europa hätte übrigens einen klaren Wettbewerbsvorteil: Die USA haben die Konvention bisher nicht unterschrieben, amerikanischen Forschern wäre der Zugang damit künftig verweigert.

Müssen die Industriestaaten künftig mehr in den Artenschutz investieren?

Wir müssen ein weltweites Netz von Schutzgebieten entwickeln. Das lässt sich nicht erzwingen, aber viele Entwicklungsländer würden mehr Schutzgebiete schaffen, wenn wir bei der Finanzierung helfen.

Und wie viel will die Bundesregierung für den Schutz des Regenwaldes zahlen?

Wir haben uns bisher mit insgesamt 170 Millionen Euro jährlich an der Finanzierung von Naturschutzprojekten aus Mitteln des Entwicklungsministeriums beteiligt. Ich werde ab diesem Jahr diese Mittel um 40 Millionen aus dem Erlös der teilweisen Versteigerung der Emissionszertifikate aufstocken. Darüber, wie hoch unser Beitrag in der Zukunft sein sollte, werden wir jetzt reden müssen. Norwegen zum Beispiel setzt mit einem Beitrag von 500 Millionen jedenfalls Maßstäbe.

In einer Kampagne Ihres Hauses heißt es: „Artenschutz ist sauwichtig“. Verheimlichen Sie dabei nicht, dass Artenschutz auch sauteuer ist?

Artenschutz ist in der Tat sauwichtig, weil der Mensch auf die biologische Vielfalt angewiesen ist. Der Wert der Natur und die Kosten zu ihrem Schutz lassen sich schwer bemessen. Derzeit sitzen Wissenschaftler unter der Führung des Ökonomen Pavan Sukhdev von der Deutschen Bank an einer ökonomischen Bewertung der Ökosystem-Dienstleistungen, die wir zusammen mit der Europäischen Kommission in Auftrag gegeben haben. Erste Ergebnisse zeigen, dass der Marktwert der Biodiversität höher ist als der der weltweiten industriellen Produktion. Naturschutz ist mehr als ein niedliches Blümchenschützerthema.

Wo zeigt sich denn die wirtschaftliche Bedeutung von Naturschutz?

Ein Beispiel: Es gibt weltweit 6273 Reissorten. Vor ein paar Jahren gab es einen Virus, der die Reisernte in Indien fast vollständig zerstört hat. Forscher haben damals nach einer Reissorte gesucht, die gegen diesen Virus resistent ist. Sie fanden nur EINE einzige. Stellen Sie sich mal vor, ausgerechnet die hätten wir getilgt – was das für Welternährung und Wirtschaftswachstum bedeutet hätte. Selbst der größte umweltpolitische Ignorant, der nur an ökonomischer Gewinnmaximierung interessiert ist, muss einsehen, dass Artenvielfalt die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg von morgen ist.

Wie steht es eigentlich um die Biodiversität in Ihrer Partei? Fallen Reformpolitiker in der Sozialdemokratie inzwischen unter Artenschutz?

Nein, warum? Wir haben mit Peer Steinbrück einen erfolgreichen Finanzminister – vielleicht einen der erfolgreichsten, den das Land je hatte. Reformpolitik bedeutet nicht nur, den Gürtel immer enger zu schnallen. Wir wollen auch die mitnehmen, die hart arbeiten, aber ihr Geld nicht in die Schweiz bringen können – und in diesem Sinne gibt es bereits eine Menge Reformen in unserem Land.

In der SPD ist doch längst eine Personaldiskussion entbrannt: Wer ist der beste Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2009?

Da gibt es bei uns eine klare Regel: Wenn der Parteivorsitzende es will, wird er Kanzlerkandidat. Das ist allein seine Entscheidung. Ich bin dafür, dass wir uns nicht mit dieser Frage aufhalten. Wenn man das Spiel gewinnen will, müssen alle raus aufs Feld. Wir müssen den Ball gemeinsam vors gegnerische Tor bringen – das schafft einer alleine nicht.

Die Wähler könnten die Dauerdebatten aber als nervig empfinden. Wäre es gut, wenn die SPD sich bald auf einen Kanzlerkandidaten festlegt?

Nein, wieso? Damit Sie etwas zu schreiben haben? Für uns sehe ich keinen Grund dazu. Die Bundestagswahl ist in anderthalb Jahren, wir haben also noch jede Menge Zeit. Mit der inhaltlichen Ausrichtung hat das nichts zu tun – ich sehe keine Differenzen zwischen Frank-Walter Steinmeier und Kurt Beck. Oder zwischen Peer Steinbrück und Beck.

Wir würden da schon einige finden. Aber nun zu Ihnen: Stellen Sie sich denn schon auf eine zweite Amtszeit als Umweltminister ein?

Aber sicher. Mein Ziel ist es, auf der Klimakonferenz in Kopenhagen das Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll zu unterschreiben – und die findet nach der Bundestagswahl statt.

Sind Sie dann nicht schon längst SPD-Fraktionschef? Bei der Suche nach einem Nachfolger für Peter Struck fällt Ihr Name bei den Abgeordneten sehr häufig…

Meine Aufgabe als Umweltminister gefällt mir. Das würde ich gern weitermachen, wenn es das Wahlergebnis zulässt.

Sie wollen also erst die Welt retten – und dann die Sozialdemokratie?

Ich würde eher sagen, die Sozialdemokratie gibt es, um die Welt zu retten. Ich bin da Traditionalist.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%