Slowfood-Präsident Geisel im Interview: "Was gut ist, schmeckt gut"

Slowfood-Präsident Geisel im Interview: "Was gut ist, schmeckt gut"

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Slowfood-Präsident Otto Geisel

Der Präsident von Slowfood Deutschland, Otto Geisel, über den Wert bäuerlicher Arbeit und den Weg zu guten Produkten.

WirtschaftsWoche: Herr Geisel, die Arche des guten -Geschmacks ist ein Projekt von Slowfood, das Essen mit gutem -Geschmack retten will. Ertrinken wir im schlechten Geschmack?

Geisel: Wir wollen, dass die Lebensmittelvielfalt erhalten bleibt. Wir wollen daran erinnern, dass es ganz unterschiedliche Sorten von Tomaten oder Äpfeln gibt und nicht nur eine uniformierte, die durch den globalen Handel zwar überall erhältlich, aber eben auch austauschbar sind. Und das beginnt bei der Milch, die inzwischen als „länger frisch“ vermarktet wird.

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Dienst am Kunden – was ist daran schlecht?

Die Länger-Frische-Milch ist ja kein Dienst am Kunden, sondern erlaubt es, sie von weiter her zu transportieren. Es gibt kein Bewusstsein für Herkunft. Der Hersteller weckt Assoziationen mit heimischer Idylle, aber die Milch kann aus Bulgarien kommen oder aus Schleswig-Holstein.

Woran erkenne ich eigentlich, ob Milch, Eier oder Fleisch gut hergestellt wurden?

Sie können davon ausgehen, dass es gut ist, wenn es gut schmeckt.

Aber was ist besser an der Milch aus meiner Nähe?

Der Slowfood-Gedanke basiert darauf, dass der Produzent für seine Ware einen fairen Preis erhält. An der Milch verdienen viele, vom Handel bis zum Logistiker. Nur der Produzent nicht. Ihm bleibt nicht viel, um in bessere Qualität zu investieren.

Warum sind wir in Deutschland besonders geizig, wenn es um Essen geht?

Das hat auch mit unserer Geschichte zu tun. Nach dem Wirtschaftswunder waren wir der Überzeugung, dass alles jederzeit an jedem Ort zur Verfügung stehen sollte. Da haben wir in den Sechzigerjahren Strategien angewendet, die dazu führten, dass wir kein Bewusstsein für Produkte mehr haben. Die Lebensmittelvielfalt ist nicht mehr wichtig. Die Tomate sieht immer gleich aus und schmeckt fast immer gleich. Das Wissen darüber, mit welcher Sorte Tomate oder Kartoffel ich was am besten mache, ist fort. Also suchen wir nur noch nach dem Preis aus.

Viele Menschen können es sich gar nicht leisten, viel für hochwertige Produkte auszugeben.

Nehmen Sie die Tiefkühlpizza, die ist nicht preiswert. Da sind vom Hersteller für die Verpackung über die Marketingfirma fürs Image bis zum Logistiker, der sie ausliefert, viele Unternehmen beteiligt. Und ich meine, dass eine selber hergestellte Pizza besser und günstiger ist, wenn Sie den Hefeteig selber machen oder beim Bäcker bestellen und ihn dann selber belegen.

Warum ist eine Kartoffel gut, nur weil sie um die Ecke wächst?

Je näher das Produkt am Kochtopf hergestellt wird, desto eher habe ich die Chance, zu hinterfragen, was damit geschieht. Beim Einkauf im Supermarkt haben wir Deutschen die Information über die Ware weitgehend ausgeschaltet. Der Spezialist aber steht hinter seinem Produkt, ihn kann man fragen, was ein Produkt auszeichnet. Sind die Tiere artgerecht gehalten worden? Welches Futter bekommen sie? Ein Landwirt, der seinen Beruf ernst nimmt, wird antworten.

Thilo Bode, Chef der Vereinigung Food Watch, sagt, Vertrauen sei der schlechteste Ratgeber beim Einkauf.

Umso wichtiger ist es, ein Netzwerk zu haben, das Informationen über gute, vertrauenswürdige Produzenten austauscht. Das kann Ihre Nachbarschaft genauso sein oder Geschäftspartner. Reden Sie über das Essen.

Das kostet vor allem Zeit.

Wenn die Menschen täglich mehrere Stunden vor dem Fernseher sitzen, es aber als Last empfinden, täglich eine halbe Stunde in den Lebensmitteleinkauf zu investieren, dann wird es schwierig. Aber das ist das Entscheidende, denn ein gutes Huhn macht sich fast von selbst. Zum Produzenten hinzufahren ist der richtige Ansatz. Auch auf dem Bauernmarkt kann ich fragen, wo die Händler selbst einkaufen. So sammelt man schnell Tipps.

Das ist doch auch abhängig vom Wohnort.

Wir sind hier im Hohenloher Land sicher begünstigt. Aber auch rund um Flensburg, Osnabrück oder München bekommen sie hervorragende Produkte. In Berlin nimmt die Zahl guter Märkte wieder zu. Dass das funktionieren kann mit einem Agrarprodukt, zeigt der deutsche Wein, der lange keine Bedeutung spielte und inzwischen international eine Anerkennung erfährt, die es jungen Menschen ermöglicht, die Arbeit der Eltern fortzuführen.

Beim Wein mag es funktionieren – aber internationale Anerkennung für eine Kartoffel?

Wir müssen ja nicht so übertreiben wie die Franzosen das tun mit ihrer Charlotte oder der Bonnotte von der Insel Noirmoutier. Aber das Bewusstsein, dass wir verschiedene Sorten haben, führt dazu, dass die Arbeit des Bauern wieder höher geschätzt wird. Und so kommen wir über den Genuss zu guten Produkten, die auch nicht zu teuer sein müssen.  

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