
Die rund 700 Spezialisten arbeiten nicht am SAP-Hauptsitz in Walldorf, sondern im acht Kilometer entfernten St. Leon-Rot, strikt getrennt vom normalen Entwicklervolk, im Walldorfer Gebäude Nummer fünf. Zutritt eröffnet nur ein spezieller Ausweis; gewöhnliche SAPler müssen draußen bleiben. Die Abschottung hat Geheimdienstniveau: Die Entwickler wurden zu Stillschweigen gegenüber der Außenwelt vergattert. Wie Insider berichten, sind die Festplatten der Teammitarbeiter eigens verschlüsselt. Jeden Abend marschiert ein Sicherheitsdienst durch die Räume und verteilt rote Karten, falls jemand sensibles Material auf dem Schreibtisch liegen lässt.
Die Entwicklertruppe mit dem Codenamen „Vienna“ hat einen gewaltigen Auftrag: Sie soll die Strategie des weltgrößten Anbieters von Unternehmenssoftware revolutionieren. Vorstandschef Henning Kagermann stellt das 30.000-Mitarbeiter-Unternehmen neu auf, ein Jahr, nachdem er die Alleinverantwortung für SAP übernommen hat.
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Die neue Strategie: Statt wie bisher in erster Linie Computerprogramme zu verkaufen, will SAP in Zukunft das elektronische Herz seiner Kunden sein. Die neue Softwareplattform Netweaver soll wie ein Betriebssystem alle Geschäftsprozesse des Unternehmens steuern – vergleichbar Microsofts Windows-Software, die heute alle Abläufe und das Zusammenspiel aller Komponenten in einem PC koordiniert. „Es ist ein Kampf um die Kontrolle im Unternehmen“, sagt Phil Carnelly, Research Director beim britischen IT-Analysehaus Ovum. „Wer die zentrale Softwareplattform stellt, kontrolliert alle anderen Anwendungen – genau da will SAP hin.“
Aus gutem Grund: „Kagermanns Pläne spiegeln den Megatrend in der Softwareentwicklung der Zukunft wider“, sagt der freie Softwareanalyst Wolfgang Martin. Statt komplexer, umfangreicher Mammutprogramme, so prognostizieren IT-Marktforscher, werden binnen fünf Jahren schlanke Softwarehäppchen die Computerwelt dominieren. Vorteil für den Anwender: Wie digitale Legosteine kann er diese so genannten Web Services beliebig kombinieren und nach Bedarf an sich wandelnde Geschäftsabläufe im Unternehmen anpassen.
Doch damit derart flexible Programmteile im Alltagseinsatz auch reibungslos miteinander funktionieren, braucht der Kunde eine Basissoftware, die das Zusammenspiel der Komponenten koordiniert. Geht es nach Kagermann, stammt die in Zukunft von SAP: Die neue Integrationssoftware Netweaver soll dafür sorgen, dass sich die zahlreichen Programmbausteine zu einem harmonischen Gesamtpaket zusammenfügen. „So wird Netweaver in Zukunft Grundlage aller anderen Anwendungen im Unternehmen“, hofft der SAP-Chef. Und damit im Wettbewerb mit den Konkurrenten womöglich entscheidend.
Für die Kunden soll der neue Ansatz den Softwareeinsatz deutlich günstiger machen, denn – so die Vision – der Kunde zahlt dann nur für Module, die er wirklich nutzt. Bei heutigen Anwendungen kauft der Nutzer oft Funktionen, die er nicht benötigt. Zudem lassen sich herkömmliche Programmpakete nur schwer anpassen, wenn a sich etwa Geschäftsmodelle ändern oder ein Unternehmen ein anderes kauft.
Genau das ist das Problem von SAPs traditioneller Standardsoftware. Zwar gelten Kagermanns Programmpakete R/3 und mySAP, mit denen die Kundschaft von der Buchhaltung über die Personalführung bis hin zum Management der Lieferketten fast das gesamte Unternehmen computergestützt steuern kann, als sehr leistungsfähig. Gleichzeitig aber seien sie starr und unflexibel, kritisieren Anwender und Analysten seit Jahren. Nicht selten geriet die Einführung herkömmlicher SAP-Software daher zum Drama. Entweder mussten die Unternehmen ihre eigenen Strukturen an die Software anpassen oder die fertig konfektionierten Computerprogramme von teuren Beratern umstricken lassen.






















