Spenden für Haiti: "Der Druck des Geldes"

Spenden für Haiti: "Der Druck des Geldes"

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Wilfried Vyslozil, Geschäftsführer der SOS-Kinderdörfer

von Hans Jakob Ginsburg und Harald Schumacher

SOS-Kinderdörfer-Chef Wilfried Vyslozil warnt vor der Verschwendung von Spenden in Milliardenhöhe beim Wiederaufbau Haitis.

WirtschaftsWoche: Herr Vyslozil, wie ist die Lage in Haiti knapp drei Monate nach der Erdbebenkatastrophe? Geht es noch ums nackte Überleben oder schon um Wiederaufbau?

Vyslozil: Um beides. Wir zum Beispiel verteilen Reis – täglich für 15.000 Kinder. Aber wir müssen uns immer noch fragen: Gibt es in dem Stadtteil von Port-au-Prince, wo wir die Kinder versorgen, jemanden mit einem Gasanschluss oder einer anderen Möglichkeit, den Reis zu kochen? Gibt es einen Kochtopf, Wasser und Schüsseln? All das war am Anfang kaum vorhanden. Selbst die Minderheit, die ein Bankkonto hatte, war plötzlich mittellos. Haitis Banken sind ja nicht virtuell wie Lehman Brothers zusammengebrochen, sondern ganz real als Gebäude. Inzwischen funktionieren ein paar Banken wieder.

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Nach dem Tsunami Ende 2004 gab es absurde Aktionen. Hilfsorganisationen warfen Reissäcke ab, obwohl es an Reis nicht mangelte. Mit Spenden finanzierte Lebensmittel ruinierten einheimische Bauern.

So etwas gab es, ohne Zweifel. In Thailand wurde kein Reis aus dem Ausland gebraucht, weil das Hinterland ja nicht zerstört war. Wenn sich die Menschen von den Produkten des eigenen Landes ernähren können und die auch den Weg in die Läden der Stadt finden, darf man nicht gespendete Güter verteilen.

Sind solche Marktverzerrungen in Haiti aufgrund der Hilfswelle schon erkennbar?

Wir beobachten dort weniger hilfsbedingte wirtschaftliche Fehlentwicklungen als bei der Tsunamikatastrophe. Verzerrungen gibt es, aber in Haiti liegt das eher an Angebot und Nachfrage. Eine Drei-Zimmer-Wohnung in Port-au-Prince kostet heute 3000 Dollar Miete pro Monat, weil man kaum noch stabile Wohnungen findet. Weil es keinen Strom gibt, bezahlt man für einmal Akku-Aufladen drei Dollar. Das entspricht etwa dem durchschnittlichen Tageslohn. Einen Salat gab es früher für 75 US-Cent, jetzt kostet er 1,87 Dollar. Aber sicher muss man aufpassen, dass Hilfsprogramme wie „Food for work“ nicht armen Bauern das Wasser abgraben, die am Samstag mit dem Karren in die Stadt kommen, um Mais, Hirse und Nüsse zu verkaufen.

Berichte über Haiti vermittelten den Eindruck, dass sich dort Heerscharen ausländischer Helfer gegenseitig im Weg stehen.

Man muss sich die Dimension klarmachen. 311.000 Verletzte wurden versorgt, 876.000 Menschen brauchten Wasser und Brot, 1,3 Millionen Menschen fehlt immer noch ein Dach über dem Kopf, es gibt geschätzte 400.000 unbegleitete Kinder – ob sie Waisen sind, weiß man erst, wenn man ihre Familien tatsächlich nicht findet. Angesichts dieser gewaltigen Aufgabe läuft es nicht so unkoordiniert, wie das die Medien zeitweise vermittelten. In Haiti gab es ja schon vor dem Erdbeben kaum Infrastruktur, kaum Güter für die Nothilfe, kaum Transportwege, vor allem keine funktionierende Zivilgesellschaft.

Wer erfüllt die Koordinierungsaufgaben?

Für die deutschen Organisationen macht das die deutsche Botschaft, für alle zusammen die zur UN gehörende Organisation for the Coordination of Humanitarian Aid, kurz Ocha. Ocha hat zwölf sogenannte Cluster – Projektgruppen – eingerichtet, die die vitalen Infrastruktur-Funktionen wie Wasser, Lebensmittel, Sicherheit, Landwirtschaft oder Gesundheitswesen Haitis wiederbeleben sollen. Die arbeiten professionell und mit wachsendem Erfolg. Die Frage ist aber, was nach der Nothilfe kommt, wenn von den geschätzten 3000 Hilfsorganisationen, die jetzt in Haiti agieren, die üblichen zehn Prozent im nachhaltigen Einsatz zurückbleiben? Das macht mir Sorge.

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