Spionageskandal: Telekom: Kein Anstand unter dieser Nummer - Seite 2

Spionageskandal: Telekom: Kein Anstand unter dieser Nummer

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Inzwischen ermittelt die Quelle: dpa
Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den früheren Telekom-Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel Quelle: dpa

Solche Indiskretionen waren auch Klaus Zumwinkel fremd, als er 2003 den Aufsichtsratsvorsitz bei der Deutschen Telekom übernahm. Was der neue Oberaufseher vom gelben Riesen mitbrachte, war auf der einen Seite ein joviales, nach außen hin integres Auftreten. Auf der anderen Seite ging er hart gegen Abweichler, notorische Kritiker und arglose Plauderer im eigenen Umkreis vor. Um Interna über die Post unter der Decke zu halten, besetzte Zumwinkel bei der Post rigoros alle neuralgischen Punkte des möglichen Nachrichtenabflusses mit eigenen Leuten. Zumwinkels oberster Öffentlichkeitsarbeiter Gert Schukies etwa gab mindestens einmal ein psychologisches Dossier in Auftrag, um einen kritischen Journalisten bei dessen Arbeitgeber als krankhaften Post-Nörgler anzuschwärzen. Konzernjustiziar Klaus Engelen wiederum setzte einen Detektiv auf einen wichtigen Mitarbeiter der Bundesnetzagentur an, der das Wettbewerbsgebaren der Post kontrollierte.

Hat Zumwinkel auch bei der Telekom für Ordnung gesorgt? Rein technisch betrachtet, sind die Datenspeicher der Telekom ein Schlaraffenland für Spione, vorausgesetzt sie können die Datenschutz-Kontrollen umgehen. Und das war für die – intern „Ledernacken“ genannten – Mitarbeiter der Konzernsicherheit zumindest zeitweilig offenbar weniger problematisch, als es wünschenswert gewesen wäre.

Zwar arbeiten die Abteilungen zur Sicherung des Netzbetriebes, wo die einzelnen Gesprächsverbindungen hergestellt werden, und die Kundenbuchhaltung, wo die Telefonate abgerechnet werden, strikt getrennt. „Und normale Telekom-Mitarbeiter haben auf die getrennten Datensätze auch keinen Zugriff“, versichert ein zuletzt in führender Position tätiger Ex-Manager. Der Schwachpunkt aber sei die Schnittstelle zwischen der Technik für den Netzbetrieb und den Systemen für das Kundendaten-Management gewesen. „Die Leute, die dort arbeiten, haben Zugriff auf alle Daten“, so der Ex-Manager.

Und sie hätten immer wieder auch ganz gezielt – und ganz legal – darauf zugegriffen. Schließlich komme es regelmäßig vor, „dass Polizei oder Staatsanwalt bei der Ermittlung Nutzer- und Gesprächsdaten einzelner Telefonkunden abfragen“, berichtet ein Telekom-Insider. Ansprechpartner im Konzern sei dabei für die Ermittler ausgerechnet die Telekom-eigene Sicherheitsabteilung gewesen. „Da war es durchaus üblich, dass die Ledernacken bei den Telekom-Mitarbeitern an der Schnittstelle von Netzbetrieb und Abrechnung anklopften und Daten abfragten.“ Zu prüfen, ob dafür ein richterlicher Beschluss vorlag, sei nicht Sache der ITler gewesen, so der Telekom-Netzexperte. „Das war ja genau der Job der Telekom-Sicherheit.“

Dass es sich bei einigen dieser Datenabfragen statt um juristisch einwandfreie Maßnahmen der Strafverfolger um illegale Spitzeleien im Auftrag der Konzernführung gehandelt haben könnte, hält der langjährige Telekom-Manager zurückblickend für gut möglich: „Gelegenheit macht Diebe!“

Einige Mitarbeiter und Manager gingen jedenfalls fest davon aus, dass ihre Telefongespräche abgehört und mit den Rufnummern der mit der Deutschen Telekom beschäftigten Wirtschaftsjournalisten abgeglichen werden. WirtschaftsWoche-Redakteur Jürgen Berke hatte sich schon Ende der Neunzigerjahre ein als Privatanschluss getarntes Festnetztelefon mit einer Geheimnummer in sein Büro legen lassen, damit Telekom-Manager und -Mitarbeiter unbehelligt Kontakt aufnehmen konnten. Heute übernehmen wechselnde Handys diese Aufgabe.

"Bedrohung und üble Nachrede"

In Gesprächen mit Telekom-Mitarbeitern über Ex-Konzernchef Sommer und seinem Pressebearbeiter Kindervater war die Angst vor Repressalien stereotyp. Alle sagten, sie hätten Angst um ihre berufliche Existenz. Der Arm der Telekom sei lang und noch länger der ihres Kommunikationschefs. „Wollen Sie diese Geschichte wirklich schreiben?“, sorgte sich ein Informant aus dem Telekom-Umfeld. „Er wird Sie vernichten, wenn Sie das tun.“ Dann erzählte er von Bedrohung und übler Nachrede, von abgehörten Telefonen, ja, sogar von abgehörten Räumen. „Machen Sie sich keine Illusionen. Es kostet nicht mehr als 5000 Mark, Ihnen ein paar Leute mit Baseballschlägern auf den Hals zu hetzen.“

Viele Gesprächspartner würzen ihre Aussagen ungefragt mit Assoziationen von Gewalt. Die Geschichte mit abgehörten Telefonen ist gar Allgemeingut. Und einer rät, demnächst unters Auto zu schauen, bevor man den Zündschlüssel umdreht. Beweise für die mögliche Gewalttätigkeit eines hohen Managers der deutschen Wirtschaft legt niemand vor. Ein Kollege berichtet von einem Undercover-Termin in einem Sicherheitszentrum der Telekom. Da hat er in einem großen Personenarchiv eine Akte mit seinem Namen gefunden. Inhalt: Er habe in Thailand pädophile Orgien gefeiert.

Gleichzeitig setzte die Deutsche Telekom in dieser Zeit ihren millionen-schweren Werbeetat ein, um eine freund-liche Berichterstattung zu erzwingen. Wie das in der Praxis aussieht, verriet Kommunikationschef Kindervater der „Berliner Zeitung“: Zwar gebe es kein Medium, „wo wir wirklich einen Anzeigenboykott haben“. Doch er halte es für „legitim“, Anzeigenaufträge für einzelne Medien „auf ein notwendiges Maß herunterzufahren“. Wer Exklusiv-Geschichten veröffentlichte, in denen die Telekom schlecht aussah, konnte mit der Stornierung von Aufträgen rechnen.

Einer, der das zu spüren bekommen hat, ist Helmut Thoma, heute Aufsichtsratschef beim Telekom-Konkurrenten Freenet. „Die Versuchung für große Unternehmen, über ihren Werbeetat Druck auf die Medien auszuüben, ist immer da“, resümierte er 1998 kurz vor seinem Ausscheiden beim Kölner Privatsender RTL, „aber es gibt kein Unternehmen, dass das so offen exerziert wie die Telekom.“

15 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 03.06.2008, 22:29 UhrAnonymer Benutzer: Hogar

    nie habe ich in der Wirtschaftswoche einen solch polemischen, subjektiven, mit Halbwahrheiten gespickten Artikel gelesen.
    Die Feindschaft, die den ehemaligen Chefredakteur baron mit Kindervater verband, war ja allgemein bekannt. Dass Artikel von ihm abgelehnt wurden, weil sie zu positiv über die Telekom berichteten sicherlich nicht. Die Furcht der Redakteure mit einem Telekom-Artikel zu baron zu müssen, war aber Tagesgespräch in der Redaktion. insofern wundert mich, dass er wohl immer noch so viel Einfluss hat.

  • 01.06.2008, 23:41 UhrAnonymer Benutzer: Zamir Zebulovic

    Ebenfalls im Aufsichtsrat (Stand: 15.Mai 2008) der Telekom vertreten, zwei Super-Spitzen-Kontroll-Obermimer:
    Matthäus-Maier, ingrid (SPD) und Michael Sommer (DGb),
    die sogenannte Deutschland AG lässt grüßen. Die beiden wussten
    natürlich auch von nichts, ähnlich wie bei der iKb. Wer hat den hier
    die Strickmusterbogen angefertigt und überall verteilt ?
    Gruss Zamir

  • 01.06.2008, 22:48 UhrAnonymer Benutzer: Zamir Zebulovic

    Die Zeitabstände dieser Einschläge werden immer kürzer.
    Mit moralischen Maßstäben, ist hier kein blumenstrauß zu holen.
    Die Selbstherrlichkeit der Feudalherrschaften versucht ein leckgeschlagenes Schiff auf Kurs zu halten. Der bildungs- und
    Sitten-Notstand greift reihum und bemächtigt sich den
    verseuchten Führungskreaturen. Armes Deutschland.
    Gruss Zamir

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