Spitzel-Prozess : Nichts Böses gegen die Telekom-Chefs

Spitzel-Prozess : Nichts Böses gegen die Telekom-Chefs

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Ein Fotograf vor dem Logo der Telekom

von Jürgen Berke

Der Spitzelprozess bei der Deutschen Telekom vor dem Landgericht Bonn geht in die entscheidende Runde. Zeit für eine Zwischenbilanz - und ein paar persönliche Anmerkungen von WirtschaftsWoche-Redakteur Jürgen Berke, der selber von der Telekom bespitzelt worden ist.

In dieser Woche geht es um den Maulwurf in der Redaktion des Wirtschaftsmagazins „Capital“, den der Hamburger Sicherheitsberater Toribos im Auftrag der Telekom dort eingeschleust haben soll. In der kommenden Woche wird der ehemalige Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke von der 3. großen Strafkammer als Zeuge vernommen.

Vier Verhandlungstage, also ein Drittel des auf zwölf Verhandlungstage angesetzten Prozesses sind absolviert. Zeit für eine Zwischenbilanz und ein paar persönliche Anmerkungen von Jürgen Berke, der selber von der Telekom bespitzelt worden ist.

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1. Nach dem ersten Verhandlungstag hofften die betroffenen Journalisten, Aufsichtsräte und Arbeitnehmervertreter, dass die Staatsanwaltschaft die bereits eingestellten Ermittlungen gegen den damaligen Vorstandschef Kai-Uwe Ricke und den damaligen Aufsichtsratschef Klaus Zumwinkel wieder aufnimmt.

Der Hauptangeklagte Klaus Trzeschan, ehemaliger Leiter der Abteilung KS3 der Konzernsicherheit, hatte vor Gericht gestanden, dass er Verbindungsdaten ausgewertet habe.

Mit der Formulierung  "Aufgrund des ihm von Vorstandsvorsitzenden erteilten Auftrags", machte er auch Ricke dafür verantwortlich. Inzwischen aber ist die Hoffnung getrübt, dass es neue Beweise gegen Ricke gibt. Jedes Mal, wenn Richter und Staatsanwaltschaft konkreter nachfragen und Details über diesen Auftrag erfahren wollen, taten sich an den folgenden Verhandlungstagen größere Erinnerungslücken bei Trzeschan auf.

Fest steht bisher nur: Ricke hat sich mit Trzeschan getroffen und dabei auch etwas gesagt – und Trzeschan hat es so verstanden, das auch eine Auswertung der Verbindungsdaten von Journalisten erforderlich ist, um herauszufinden, welche Aufsichtsräte vertrauliche Informationen an die Presse weiterleiten.

So nebulös soll es bleiben. Trzeschan will offensichtlich nicht, dass auch Ricke neben ihm auf der Anklagebank sitzt – aus welchen Gründen auch immer.

2. Über die Auswertung von Verbindungsdaten wurde vielleicht ja auch deshalb nicht konkret gesprochen, weil das ohnehin zu den gängigen Ermittlungsmethoden der Konzernsicherheit gehört. Bei der Beschreibung ihres Arbeitsalltages erweckten die Beschuldigten mehrfach den Eindruck, als arbeiteten sie bei einer Privatpolizei, die bei entsprechender Bedrohungslage auch auf ihren reichhaltigen Erfahrungsschatz bei der Telefonüberwachung zurückgreift.

Die Auswertung von Verbindungsdaten bei der Suche nach einem Aufsichtsrat, der vertrauliche Informationen an einen Journalisten weitergeleitet hat, war jedenfalls nicht der erste Auftrag dieser Art gewesen. Regelmäßig, etwa zwei bis drei Mal pro Jahr, wurden Verbindungsdaten auch bei internen Ermittlungen gegen Manager und Mitarbeiter ausgewertet. Welche Fälle es genau waren, danach fragen weder Richter noch Staatsanwalt.

Der Angeklagte G. konnte sich an einen Fall noch sehr gut erinnern. In den Jahren 2006/7  fielen 18 Millionen Kundendaten von T-Mobile in die Hände eines Erotikunternehmers. Um den Datenskandal aufzuklären, wertete Konzernsicherheit auch Verbindungsdaten aus. Sie wollte den internen Täter ermitteln, der die Kundendaten abgezogen und weiterverkauft hatte.

3. Den Name Klaus Zumwinkel nimmt keiner der Prozessbeteiligten in den Mund. Als gäbe es eine stille Übereinkunft, dass Zumwinkel mit dem Spitzelprozess nichts zu tun hat, wurde die Rolle des ehemaligen Aufsichtsratschefs überhaupt noch nicht thematisiert.

4. Selbst der Richter wundert sich immer wieder über die merkwürdige Unternehmenskultur bei der Deutschen Telekom. Aufträge, die – wie der Spitzelauftrag – von ganz oben kommen, müssen mit besonderer Akribie erledigt werden. Basta. Nachfragen sind verboten, auch wenn auf dem ersten Blick ersichtlich, dass der Auftrag gesetzwidrig ist. Merke: Von einem modernen Unternehmen ist die Deutsche Telekom immer noch weit entfernt.   

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