Spitzelaffäre: Angeklagter belastet Ex-Telekom-Chef Ricke

Spitzelaffäre: Angeklagter belastet Ex-Telekom-Chef Ricke

von Jürgen Berke

Der Staatsanwalt Ulrich Kleuser sieht Anhaltspunkte für weitere Ermittlungen. Die Affäre, in der es um die Bespitzelung von Journalisten gehe, bekommt dadurch eine neue Wendung.

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Kai-Uwe Ricke und Klaus Zumwinkel (rechts) im Jahr 2004 auf der Hauptversammlung der Telekom: Der ehemalige Vorstandschef Ricke und Ex-Aufsichtsratschef Zumwinkel wurden im Prozess um die Bespitzelung von Journalisten belastet

Zwei Jahre lang hat der Bonner Staatsanwalt Ulrich Kleuser vergeblich nach Beweisen gesucht, um Anklage gegen Ex-Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke und Ex-Aufsichtsaufsichtsratschef Klaus Zumwinkel erheben zu können. Weil die Indizienkette zu dünn war, sitzen seit heute lediglich drei Telekom-Manager aus der Sicherheitsabteilung auf der Anklagebank. Doch schon der erste Prozesstag vor dem Bonner Landgericht zeigt, dass sich das Blatt ganz schnell wenden kann und die bereits eingestellten Ermittlungen gegen Ricke und Zumwinkel noch während des auf zwölf Verhandlungstage angesetzten Prozesses wieder aufgenommen werden könnten.

Ricke soll Auftrag erteilt haben

Vor allem der Hauptangeklagte, der ehemalige Leiter der Abteilung KS 3 Klaus Trzeschan, erweckt den Eindruck, als wäre Ricke von Beginn an über die Erhebung von Verbindungsdaten bei Journalisten, Betriebsräten und Aufsichtsräten informiert gewesen. „Der Auftrag ist vom Vorstandsvorsitzenden ausgegangen“, liest Trzeschans Rechtsanwalt Hans-Jörg Odenthal eine schriftliche Erklärung seines Mandanten vor. Kurz darauf schiebt Trzeschan persönlich weitere Details nach. Bereits im „Initialgespräch“ am 20. Januar 2005 habe Ricke „unter vier Augen“ Trzeschans Vorschlag zugestimmt, nicht nur die Presseveröffentlichungen, sondern auch die telefonischen Verbindungsdaten der wichtigsten Journalisten  auszuwerten.

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Die Spitzelaffäre bekommt dadurch eine neue Wendung. Ricke und Zumwinkel haben in der Vergangenheit immer wieder betont, dass sie von den Verstößen gegen das Fernmeldegeheimnis nichts gewusst hätten. Jetzt sagt Trzeschan aus, dass zumindest Ricke die gesetzwidrige Bespitzelung gebilligt hätte.

Mysteriöser Sprechzettel rekonstruiert

Trzeschan lässt noch eine Bombe platzen, die sogar für den Staatsanwalt überraschend kommt. Er habe auf Wunsch Rickes den Sprechzettel geschrieben, mit dem der damalige Vorstandschef in das Treffen mit Zumwinkel und dem damaligen Gesamtbetriebsratschef Wilhelm Wegner gegangen sei. Bei dem Treffen ist Wegner mit dem Vorwurf konfrontiert worden, er habe streng vertrauliche Aufsichtsratspapiere an Journalisten weitergereicht. Bei ihren Hausdurchsuchungen hatte die Staatsanwaltschaft den Sprechzettel nicht gefunden. Jetzt bringt ihn Trzeschan als neues Beweismittel in den Prozess ein. Ihm sei es gelungen, eine damals auf dem Computer seiner Frau abgespeicherte und später zerstörte Datei mühsam wiederherstellen.

Staatsanwalt Kleuser räumt jedenfalls ein, dass Trzeschans Aussagen neue Anhaltspunkte für weitere Ermittlungen liefern. „Es gibt einen ganz Strauß von neuen Fragen, denen wir nachgehen werden“, sagte Kleuser der WirtschaftsWoche. Ob auch die bereits eingestellten Ermittlungsverfahren gegen Ricke und Zumwinkel wieder aufgenommen werden, wollte Kleuser nicht verraten. Für solch eine Entscheidung sei es zu früh. Die von der Spitzelaffäre betroffenen WirtschaftsWoche-Redakteure Jürgen Berke und Thomas Kuhn haben Beschwerde gegen die Einstellung der Ermittlungsverfahren eingelegt.

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