
Wilhelm Bonse-Geuking, 69, wirkt schon fast provozierend ruhig. Die guten Nerven konnte er am letzten Montag im August gut gebrauchen. Der frühere Präsident der deutschen BP und Ex-Aral-Chef ist seit drei Jahren Geschäftsführer der RAG-Stiftung und damit Aufsichtsratsvorsitzender der Evonik AG. Der Essener Mischkonzern wurde 2007 geschaffen, um durch seinen Verkauf einmal so viel Geld für die RAG-Stiftung zu erlösen, dass diese – und nicht der Steuerzahler – die Abwicklung des deutschen Steinkohlebergbaus bezahlen kann. Doch ist Bonse-Geuking der geeignete Mann?
Ausführlich beratschlagte das Kuratorium der RAG-Stiftung unter Vorsitz seines strengen Mentors Ulrich Hartmann, dem E.On-Aufsichtsratschef, in Berlin Unter den Linden über Bonse – die Nähe zur Politik war schon durch den Ort vorgegeben. Das Gremium, ein stark politisch geprägter Kontrollrat mit hochrangigen Politikern und Gewerkschaftern, erörterte Anwürfe gegen Bonse-Geuking, er habe seinen Aufsehern wichtige Dinge bei Evonik verschwiegen, zum Beispiel erhebliche Sonderrechte des kleineren Mitaktionärs. Nach zweieinhalb Stunden stand das Urteil fest: unschuldig. Doch der Freispruch war nur zweiter Klasse.
Kein Blankoscheck
Zwar stärkt das Kuratorium Bonse-Geuking zunächst für alle sichtbar den Rücken. Doch auf die Formulierung, die die Kuratoriumsmitglieder Jens Odewald und Roland Oetker vorgesehen hatten, „alle Vorwürfe“ gegen den Stiftungschef seien „widerlegt“, konnte sich das Kuratorium nicht einigen. Besonders die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) war gegen diesen Blankoscheck. Und auch Gewerkschaftschef Michael Vassiliadis zögerte mit diesem Klardeutsch-Satz für Bonse. Es wurde zwar ausdrücklich „und einvernehmlich“ (Sitzungsprotokoll) gesagt, Bonse-Geuking sei seinen Informationspflichten „voll und ganz“ nachgekommen, und die Sonderrechte für CVC seien auch im rechtlichen Einklang mit dem Stiftungsmodell – doch beruhte diese Einschätzung auf einem 35-seitigen Gutachten der Anwaltskanzlei Shearman & Sterling. Das war die Kanzlei, die auch bei der Konstruktion der Stiftungssatzung rechtsberatend tätig war. So sah es für viele nach einem möglichen Interessenkonflikt aus.
Politisch aufgeladen
Die Sache erschien so heikel, dass ein wichtiges Kuratoriumsmitglied, Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), nicht einmal seinen Staatssekretär als Vertretung zur Sitzung entsandte. Brüderle scheut den Konflikt und spielt auf Zeit. Hinter den Kulissen wurde sogar angekündigt, in der Düsseldorfer Staatskanzlei würde demnächst in Abstimmung mit der Bergbaugewerkschaft IG BCE ein neues Gutachten in Auftrag gegeben. Man traut der Shearman-Expertise nicht ganz.
Der Vorgang zeigt, wie politisch aufgeladen die Frage ist, wie die Stiftung und damit Evonik künftig geführt werden soll – Intrigen und eine Gutachterschlacht inklusive. Freuen kann sich zunächst vor allem CVC, der Finanzinvestor aus Luxemburg, der an Evonik mit 25,01 Prozent beteiligt ist. Tagelang waren Gerüchte im Umlauf, Bonse-Geuking habe CVC heimlich Sonderrechte, wie beispielsweise die tiefere Einsicht ins Tagesgeschäft in einem operativen Gremium namens „Business Conference“, eingeräumt – ohne das Kuratorium darüber zu informieren. Bonse-Geuking wird nach dem Quasi-Freispruch nun ungestört seiner eigentlichen Mission nachgehen – der Steigerung des Unternehemenswertes von Evonik. Doch ganz los wird er seine Widersacher nicht. Es brodelt weiter.













