
Ein drückend heißer Sommertag Ende Juni. Die Mitarbeiter der Münchener Rückversicherung genießen ihre Mittagspause. Nach Hierarchiestufen getrennt haben sie in einer von drei Kantinen gespeist, nun schlendern die Aktuare und Meteorologen, die Ingenieure, Versicherungskaufleute und Computerexperten durch eine weitläufige Gartenanlage mit akkuraten Blumenbeeten und lauschigen Parkbänken. Sie gehen in kleinen Grüppchen, ein Magnum-Eis in der Hand, den Krawattenknoten dezent gelockert. Sie nippen am Espresso im Schatten des neoklassizistischen, schlossähnlichen Firmensitzes an der Königinstraße oder drehen eine Runde durch den Englischen Garten, der gleich auf der anderen Straßenseite beginnt. Die Idylle trügt. Denn seit Vorstandschef Nikolaus v. Bomhard im Frühjahr angekündigt hat, mit seinem Wachstumsprogramm „Changing Gear“ aufs Gaspedal zu treten, macht sich Unruhe breit in dem Dax-Konzern. Getrieben von rückläufigen Umsätzen, Übernahmefantasien aggressiver Hedgefonds und einer eher mauen Aktienperformance will der 50-jährige Konzernlenker auch betriebsbedingte Kündigungen nicht mehr ausschließen – ein Novum für die ebenso behäbige wie erfolgsverwöhnte Rückversicherung. Die Changing-Gear-Strategie ist ganz im Stile der Münchener Rück: höchst moderat. Dennoch reagieren die bisher gehätschelten Arbeitnehmer trotzig – auch das ein Novum in der 127-jährigen Firmengeschichte: Künftig wird ein neuer Konzernbetriebsrat dem Management kritisch auf die Finger schauen. Und streitlustige Mitglieder der Gewerkschaft Verdi machen erstmals Druck, um alle gesetzlichen Mitwirkungsrechte wahrzunehmen. Jahrzehntelang war das Rückversicherungsgeschäft eine Lizenz zum Gelddrucken. Rückversicherer verkaufen ihre Policen in der Regel nicht direkt an Versicherungskunden. Ihre Kunden sind Erstversicherer wie die Allianz. Ihnen bieten sie Schutz gegen besonders große Gefahren wie Wetterkatastrophen oder Terroranschläge. Ein einträgliches Geschäft, wenn man in der Lage ist, die Risiken sauber zu kalkulieren. Doch das wird immer schwerer, gleichzeitig verschärft sich der globale Wettbewerb in der einst so betulichen Branche. „Nach einigen guten Jahren bekommen die Rückversicherer nun den Preisdruck zu spüren“, sagt Andreas Schäfer, Versicherungsanalyst bei der WestLB.
Die Folge: Die Umsätze der Münchener Rück gingen in den vergangenen Jahren zurück. 2003 strich das Unternehmen noch Prämien in Höhe von 40,4 Milliarden Euro ein, 2006 waren es drei Milliarden weniger. Und die Aussichten sind eher trübe. „Die Wachstumsraten werden relativ niedrig bleiben“, sagt Schäfer. Die Branche reagierte mit einer regelrechten Fusionswelle auf den verschärften Wettbewerb: Das französische Unternehmen Scor übernahm die Lebensrückversicherung von Gerling und kündigte später die Fusion mit dem Schweizer Rückversicherer Converium an. Swiss Re schluckte die Rückversicherungssparte von General Electric – und verdrängte damit die Münchener Rück weltweit von Platz eins. Immer wieder hatte Bomhard erklärt, er halte Zusammenschlüsse unter den Großen der Branche für unwahrscheinlich, » weil damit kaum Synergien verbunden seien. „Ich lag damit falsch“, räumt er nun im Interview mit der WirtschaftsWoche ein. Trotzdem will er bei der Konsolidierung der Branche auch weiterhin keine Führungsrolle übernehmen. Seine Begründung: „Irgendwann kommen Sie an einen Punkt, an dem zusätzliche Größe nur bedingt mehr Wert schafft.“ Statt über Zukäufe zu wachsen, ging Bomhard in den vergangenen Jahren den entgegengesetzten Weg und verabschiedete sich von weniger gewinnträchtigen Verträgen mit Erstversicherern. Mit dieser klaren Gewinnorientierung und guten Ergebnissen bei der Erstversicherungstochter Ergo schraubte er die Erträge in immer neue Rekordhöhen. 3,5 Milliarden Euro konnte er im vergangenen Jahr melden, auch weil verheerende Wirbelstürme à la „Katrina“ ausgeblieben waren.













