Stromkonzerne: Was der Atomausstieg den Energiekonzernen bringt

Stromkonzerne: Was der Atomausstieg den Energiekonzernen bringt

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Strommasten in Niederaussem bei Pulheim

von Andreas Wildhagen

Die Aussichten der Versorger ohne Atom könnten unterschiedlicher kaum sein – Zerfall und Wegzug inklusive.

Der Saal war voll, als sich vorvorige Woche die 150 wichtigsten Strommanager Deutschlands auf der Hannover Messe trafen. Vor ihnen stand ein Mann wie ein Showmaster, das Mikro um den Hals und auf der Lippe einen Spruch, der einschlug wie ein Blitz: „Es ist möglich, dass die Deutschen auch bald für die Netze in Frankreich zahlen müssen.“ An die Öffentlichkeit drang das Ungeheuerliche bis heute nicht.

Der Überbringer der Warnung ist Leonhard Birnbaum, Vorstand bei RWE, dem zweitgrößten Energieversorger Deutschlands. Der frühere Mitarbeiter der Unternehmensberatung McKinsey zeichnet bei dem Essener Konzern verantwortlich für die Strategie, das Rohstoffmanagement, Firmenübernahmen sowie Forschung und Entwicklung. Mit dieser Machtfülle zählt der 44-Jährige zu den möglichen Nachfolgern von RWE-Chef Jürgen Großmann, der wegen seines Konfrontationskurses zum Atommoratorium der Bundesregierung unter Beschuss der mächtigen Kommunalaktionäre steht.

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Je länger die Debatte über einen beschleunigten Atomausstieg in Deutschland läuft, desto mehr treten die Risiken und drohenden Kosten der Mammutaufgabe zutage. Und desto mehr suchen die einst so gleichgeschalteten vier großen deutschen Energieunternehmen nach einer jeweils ganz eigenen Zukunft. Die sieht für den Marktführer E.On aus Düsseldorf, den Essener RWE-Konzern, Baden-Württembergs EnBW und den in Ostdeutschland und Hamburg aktiven schwedischen Konzern Vattenfall völlig anders aus.

RWE: Wie ein Stadtwerk

Jürgen Großmann Quelle: dpa

Jürgen Großmann

Bild: dpa

RWE-Manager Birnbaum gab seine Warnung vermutlich im Auftrag seines Chefs Jürgen Großmann, als dessen Günstling er gilt. Denn wenn die auf Druck von Berlin abgeschalteten RWE-AKWs Biblis A und B nicht mehr ans Netz gehen sollten, dürfte ein Großteil der endgültig wegfallenden Strommengen vom französischen Großmeiler Cattenom in Lothringen ersetzt werden. Dazu, so Birnbaum, müssten womöglich die Stromleitungen nach Deutschland verstärkt werden. Das werde sich Frankreichs staatlicher Energiegigant EdF sicher bezahlen lassen. Die Kosten dürften nach Einschätzung von Birnbaum vor allem die privaten Haushalte treffen.

Die Drohung, berechtigt oder nicht, zeigt, wie wenig die wirtschaftlichen Folgen eines schnellen Endes der Atomkraft in Deutschland bisher durchleuchtet sind. Sie wirft aber auch ein Licht auf die Nöte des RWE-Konzerns, der nach Schätzungen von Matthias Heck, Analyst bei der australischen Bank Macquarie, allein in den drei Monaten ohne Biblis A und B fast 100 Millionen Euro Gewinn einbüßt.

Wohin ein endgültiges Aus der beiden AKWs an der Bergstraße und ein beschleunigtes Ende der drei weiteren RWE-Meiler führen könnte, lässt sich zurzeit nur in groben Zügen abschätzen. RWE ist im Vergleich zum Branchenprimus E.On-Konzern ein sehr deutsches Unternehmen. Knapp 70 Prozent des verkauften Stroms (311 Milliarden Kilowattstunden jährlich) entfällt auf Deutschland, 16 Prozent auf Großbritannien, sieben Prozent auf Holland, der Rest auf übrige Länder.

Gleichzeitig ist RWE extrem abhängig von der Kernenergie (45 Prozent des Stroms) sowie von Braun- und Steinkohle. Knapp 20.000 Megawatt Kraftwerksleistung entfallen auf diese Energieträger. Von 2013 an muss RWE für sie aber Emissionszertifikate erwerben, die dem Unternehmen bisher kostenlos zugeteilt wurden. Was die Papiere künftig kosten, ist völlig offen. Gelingt es RWE nicht, den Aufwand auf die Stromkunden abzuwälzen, etwa weil diese auf Atomstrom aus dem Ausland ausweichen, drücken die Zertifikate auf die Rendite. Immerhin würden RWE durch einen Atomausstieg rund 20 Prozent der Gesamtkapazität zur Stromerzeugung fehlen.

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