Strommarkt: Osteuropa steht vor Kernenergie-Boom

Strommarkt: Osteuropa steht vor Kernenergie-Boom

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Woher soll die Energie für Deutschland in Zukunft kommen? Das Foto zeigt das Kernkraftwerk von Brokdorf

Die östlichen EU-Länder setzen voll auf Kernenergie. Deutschland könnte eines Tages gezwungen sein, Atomstrom von dort zu importieren.

Holger Bietz ist startklar. Wie „auf Knopfdruck“ will der Manager des deutschen Energieerzeugers RWE Power mit seinem Stab aus Nukleartechnikern, Kaufleuten und Juristen nach Sofia fliegen, sobald die erhoffte E-Mail aus der bulgarischen Hauptstadt eintrifft. Denn dort wird gerade entschieden, ob RWE am derzeit größten Atomenergie-Vorhaben in der Europäischen Union teilnehmen kann: Der bulgarische Energieversorger NEK sucht bis Jahresmitte einen Teilhaber für die Betreibergesellschaft eines neuen, 5,5 Milliarden Euro teures Kernkraftwerks nahe dem Donaustädtchen Belene. Im Rennen sind nur noch RWE und die belgische Electrabel. Eine endgültige Entscheidung zwischen den beiden Konkurrenten sei zwar jetzt noch nicht zu erwarten, sagt der Leiter des Beteiligungsgeschäfts von RWE Power. Aber immerhin eine Einladung zu detaillierter Dateneinsicht und konkreten Gesprächen.

„Belene“, das weiß Bietz nur zu gut, „ist ein Leuchtturm-Projekt.“ Wer in Bulgarien gewinnt, empfiehlt sich damit auch für den Bau anderer Kernkraftwerke, die in Zentral- und Osteuropa geplant sind. Während Deutschland am Ausstieg aus der Kernkraft festhält, steht die Region vor einem wahren Kernenergie-Boom. Bulgarien, von der EU dazu verpflichtet, vier alte Meiler aus kommunistischer Zeit abzuschalten, errichtet zwei neue Reaktoren – der russische Kraftwerkbauer Atomstrojexport lässt bei Belene bereits die Bagger auffahren. Rumänien plant vier neue Reaktoren, die Slowakei drei. Auch Litauen muss – wie die Slowakei und Bulgarien auf Geheiß der EU – alte Anlagen stilllegen und will sie durch einen neuen Reaktor ersetzen, der zugleich Estland und Lettland versorgen soll. Polen möchte sich an dem litauischen Projekt beteiligen, aber zusätzlich auch ein erstes eigenes Kernkraftwerk errichten.

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Die Ukraine plant zwei neue Meiler, Russland mindestens 20, um den nuklearen Anteil an seiner Stromerzeugung von 16 auf 25 Prozent zu steigern. Sogar Albaniens Regierungschef Sali Berisha will sein chronisch von Stromausfällen geplagtes Land mit einem Kernkraftwerk zur „Energie-Supermacht“ in Südosteuropa machen.

Die Gründe sind wirtschaftlicher, aber auch politischer Natur: Vielerorts müssen nicht nur alte Atomreaktoren, sondern auch überalterte und unwirtschaftlich gewordene konventionelle Kraftwerke ersetzt werden. Unter Zugzwang stehen die osteuropäischen Regierungen auch, weil ihre vorhandenen Kohlekraftwerke den EU-Vorgaben zum Kohlendioxid-Ausstoß nicht genügen. Estland etwa deckt seinen Strombedarf bisher fast vollständig aus der Verbrennung von heimischem Ölschiefer. Der aber setzt besonders viel Kohlendioxid frei.

Weil Zentral- und Osteuropas Wirtschaft immer noch Rückstand aufholt, nimmt dort der Stromverbrauch erheblich schneller zu als im Westen. Experten schätzen, dass der Bedarf Litauens bis 2020 um fünf Prozent pro Jahr wachsen wird, der polnische um drei Prozent. Verglichen mit anderen EU-Ländern sei der Pro-Kopf-Stromverbrauch in Polen noch gering, sagt Adam Wawrzynowicz, Energie-Experte des Warschauer Politik-Thinktanks Sobieski-Institut. „Aber er wird steigen – gemeinsam mit der wirtschaftlichen Entwicklung und dem Lebensstandard der Polen.“

Bei der Gasversorgung hängt Polen seit Langem von Russland ab. Jetzt fühlt sich das Land auch noch brüskiert durch Deutschlands forsche Initiative für eine deutsch-russische Gasleitung durch die Ostsee. Daher wollen sich Polen und die baltischen Staaten wenigstens beim Strom nicht schon wieder regionalen Großmächten ausliefern. Um die „Energie-Unabhängigkeit unserer Staaten“ zu sichern, kündigte der polnische Premierminister Donald Tusk während seines ersten Staatsbesuchs in Litauen eine „Strombrücke“ an, in die auch der neue litauische Reaktor einspeisen soll. Auch die ehemaligen Sowjetrepubliken Estland und Lettland wollen ihre Stromnetze mit denen der politisch unverdächtigen Nachbarn verbinden. Die Esten haben dazu bereits ein Seekabel nach Finnland verlegt – dennoch diskutieren auch sie über ein eigenes Kernkraftwerk.

Anders als in Westeuropa treffen die Kernenergie-Planer in den östlichen EU-Staaten nur auf schwachen Widerstand. „Es herrscht eine Pro-Atom-Stimmung, da diese Technologie als sicher und preisgünstig bewertet wird und den Energie-Importbedarf reduzieren kann“, sagt Claudia Kemfert, Energie- und Umweltexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. Der Einfluss von Umweltschutzorganisationen ist marginal. Die Grünen haben – mit Ausnahme Tschechiens – in keinem der östlichen EU-Staaten Sitze im Parlament. Und in Belene, wo ein geplanter neuer Reaktor als erdbebengefährdet gilt, kann sich die kleine Schar bulgarischer Kernkraftgegner kaum Gehör verschaffen. Nur in Tschechien, wo die Grünen Teil einer fragilen Regierungskoalition sind und den Umweltminister stellen, liegt der Ausbau der Kernkraft offiziell auf Eis – zumindest, solange die Koalition hält: Konservative Politiker wie Premierminister Mirek Topolanek und Staatspräsident Vaclav Klaus fordern immer lauter, die Diskussion über neue Kernkraft-Projekte wieder zu eröffnen.

Zu Hause gebremst, sucht der Betreiber der beiden tschechischen Kernkraftwerke, CEZ, sein Heil im Ausland. Der größte Stromversorger des Landes schwimmt in Barreserven. Er beteiligt sich an einem Konsortium für zwei neue Reaktoren im südrumänischen Cernavoda und will auch in Polen einsteigen, wenn dort die Pläne für ein eigenes polnisches Kernkraftwerk Konturen annehmen, ebenso in der Slowakei und in der Türkei.

Deutschen Atom-Stromversorgern dürfte diese Strategie bekannt vorkommen. Auch E.On versucht, ins Geschäft mit der rumänischen und slowakischen Kernenergie zu kommen. Johannes Teyssen, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von E.On, machte sich im vergangenen Jahr beim slowakischen Premierminister Robert Fico persönlich für eine E.On-Beteiligung am geplanten Reaktor-Neubau im slowakischen Jaslovske Bohunice stark. RWE, laut bulgarischen Medienberichten der Favorit für Belene, hat sich mit 15 Prozent am Konsortium für die rumänischen Meiler beteiligt und auch in Litauen schon vorgesprochen.

Mit auf der Welle schwimmt deutsche Technologie: Ein Konsortium aus Siemens und dem französisch-deutschen Nuklear-Anlagenbauer Areva NP liefert in Deutschland entwickelte Leit- und Sicherheitstechnik für Belene. Für einen ähnlichen Auftrag interessiert sich Areva NP im slowakischen Mochovce, und den Litauern möchte das Unternehmen seinen von Frankreich und Deutschland entwickelten Druckwasserreaktor vom Typ EPR anbieten.

Weil das Auslandsgeschäft läuft, machen die Kraftwerkbauer trotz des deutschen Atomstopps gute Geschäfte. In den vergangenen sieben Jahren wuchs allein die deutsche Belegschaft in der Nuklearsparte von Areva NP von 2800 auf 4000 Mitarbeiter an. Ende des Jahres sollen es 4400 sein. Kerntechnische Ausbildungsgänge etwa in München, Aachen und Karlsruhe verzeichnen wieder Zulauf.

Zu einer Wiedergeburt dürfte die wachsende Nachfrage nach Kernenergie auch einer anderen, in Europa fast ausgestorbenen Branche verhelfen: Australische Bergbauunternehmen wollen in Tschechien, Polen, Ungarn und Bulgarien stillgelegte Uranminen wieder in Betrieb nehmen. Die letzte noch aktive Mine auf EU-Gebiet, ein Bergwerk im tschechischen Dolni Rozinka, soll weiter fördern. Dabei war das Ende des Uranbergbaus in Tschechien eigentlich schon beschlossene Sache.

Doch jetzt ist radioaktives Uranerz – aus dem das Vorprodukt für die Brennelemente, der sogenannte Yellow Cake, hergestellt wird – wieder heiß begehrt. Jahrelang konnte die Kraftwerksbranche ihren Brennstoffbedarf für Reaktoren zu großen Teilen aus entschärften Nuklearsprengköpfen aus dem Kalten Krieg decken. Aber diese Bestände sind fast erschöpft, der Preis für Uran hat sich seit Mitte der Neunzigerjahre verneunfacht. In Fördergebieten von Nordamerika bis Australien zieht der Uranabbau wieder an. Auch in der Ukra-ine. Dort deckt sich auch die deutsche Urangesellschaft, eine Tochter von Areva NP, mit dem Rohstoff ein.

Der Handel mit Uran, Bau und Betrieb von Kernkraftwerken im Ausland – auf Umwegen erreicht der Atom-Boom Deutschland. Das könnte in einigen Jahren sogar für das Endprodukt gelten: Eine Energie- und Emissionsstudie der Unternehmensberatung A.T. Kearney sagt voraus, dass Deutschland das Ziel, seinen Kohlendioxidausstoß bis 2020 um 40 Prozent zu drosseln, ohne Kernenergie nicht mehr erreichen kann. Der deutsche Atom-Ausstieg, so die Berater, werde die Erzeugung von Kohlendioxid bei steigendem Energieverbrauch sogar noch erhöhen, da der Strom dann verstärkt aus konventionellen Kraftwerken kommen müsse.

Wenn sie denn rechtzeitig fertig werden. Die Berater befürchten das Gegenteil: Ausbau und Erneuerung der konventionellen Stromerzeugung in Deutschland gingen erkennbar zu langsam voran. Die Folge: „Deutschland wird in den nächsten vier bis fünf Jahren zum Netto-Importeur von elektrischem Strom“, sagt Kurt Oswald, Energie-Experte bei A.T. Kearney.

Den Importstrom könnten dann mittel- oder langfristig vielleicht auch zentral- und osteuropäische Länder liefern, in denen deutsche Energiekonzerne an modernen Kernkraftwerken beteiligt sind. „Der Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland, könnte die Einfuhr von Atomstrom aus Zentral- und Osteuropa notwendig machen“, so Oswald. Nach Aussage einer bayerischen Bürgerinitiative gegen das tschechische Kernkraftwerk Temelin liefert Tschechien bereits jetzt überschüssigen Strom nach Deutschland.

Pläne der Europäischen Union sehen vor, dass die EU- Mitgliedsländer ihre Stromnetze nun auch noch so ausbauen und miteinander verflechten, dass Stromtransport selbst über weite Strecken wirtschaftlich wird. Tun sie das, könnte Deutschland sogar Nuklearenergie aus dem fernen Belene importieren. Oder auch – wer weiß – Atomstrom aus Albanien via Italien. Ein italienischer Stromversorger hat schon Interesse an einem Seekabel hinüber zur albanischen Küste signalisiert.

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