Suizidforscher Wolfersdorf im Interview: "Die harte Variante"

Suizidforscher Wolfersdorf im Interview: "Die harte Variante"

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Suizidforscher Manfred Wolfersdorf 480

Der Arzt und Suizidforscher Manfred Wolfersdorf über den Freitod des Unternehmers Adolf Merckle und die Selbstmordgedanken vieler Führungskräfte.

WirtschaftsWoche: Herr Wolfersdorf, in der vergangenen Woche hat sich der Unternehmer Adolf Merckle das Leben genommen. Warum begeht jemand Selbstmord, der trotz aller wirtschaftlichen Sorgen zu den reichsten Deutschen gehört?

Wolfersdorf: Selbst wenn es den Anschein hat, geht es bei einem Suizid nicht primär um wirtschaftliche Not. Das Entscheidende ist vielmehr der wahrgenommene Ehrverlust. Es gibt Hartz-IV-Empfänger, die sich töten, weil sie keine Weihnachtsgeschenke für ihre Kinder kaufen konnten. Auch bei ihnen spielt nicht der akute Geldmangel die zentrale Rolle, sondern das Gefühl persönlichen Versagens. Man nennt dies dann in der Fachsprache narzisstische Kränkung.

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Was bedeutet das?

Man zerbricht an seinem eigenen Ideal. Das Selbstbild hält der Wirklichkeit nicht mehr stand. Merckle etwa war in der Öffentlichkeit nicht mehr der solide, erfolgreiche Unternehmer, sondern der Zocker, der seine Unternehmen verspielt hat. Das könnte er als massive Entwertung seiner Person empfunden haben. Solche narzisstischen Kränkungen, verbunden mit dem Wegfall aller Hoffnungen auf Wiederherstellung des früheren Selbstwertgefühls als angesehener Mensch, sind wahrscheinlich eine der Hauptursachen für Manager-Suizide.

Immer wieder werden Fälle von Managern und Unternehmern bekannt, die sich das Leben genommen haben. Sind Führungskräfte besonders suizidgefährdet?

Es gibt zwar keine typische Persönlichkeitsstruktur, die zur Selbsttötung neigt. Aber es gibt Risikogruppen, zu denen auch Führungskräfte gehören können.

Welche sind das?

Gefährdet sind vor allem Menschen, die unter psychischen Erkrankungen wie Depressionen leiden. Ein Großteil der knapp 10.000 Suizide, die jedes Jahr in Deutschland verübt werden, entfällt auf diese Gruppe. Daneben spielt die Vorgeschichte eine Rolle. Menschen, die in ihrem Leben bereits suizidale Krisen erlebt haben, sind stärker gefährdet. Auch wenn sich enge Verwandte selbst getötet haben, ist die eigene Hemmschwelle oft niedriger. Der dritte Personenkreis umfasst Menschen, die mit schwierigen Lebenssituationen nicht klarkommen – und das betrifft Manager in besonderem Maße.

Gerade Führungskräfte sollten doch fähig sein, Probleme zu bewältigen – auch ihre eigenen.

Diese Sichtweise entspricht vielfach auch dem Selbstverständnis von Führungskräften – und genau da beginnt das Dilemma. Manager und Politiker haben oft ein perfektionistisch hohes Idealbild von sich selbst. Man sieht sich als jemand, der mit allem und jedem fertig wird und alles am besten alleine regelt. Wenn das mal nicht klappt, entsteht schnell die Wahrnehmung, versagt zu haben und wertlos zu sein. Hinzu kommt: Viele Manager und Unternehmer konzentrieren ihr ganzes Leben auf die berufliche Leistung. Wenn sich der eigene Selbstwert aber ausschließlich nach Erfolgs- und Leistungskriterien bemisst, können Rückschläge schnell zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit führen.

Es gibt auch die Gegenbeispiele: Menschen wie den Medienunternehmer Leo Kirch oder den Bauunternehmer Horst-Dieter Esch, die allen Widrigkeiten zum Trotz immer wieder aufstehen.

Richtig. Wichtig ist dafür ein stabiles Selbstwertgefühl, das nicht nur von äußeren Erfolgen abhängig ist. Die Grundlagen dazu werden schon in der Jugend gelegt. Kinder, die in einer Atmosphäre aufwachsen, in der Fehler erlaubt sind, kommen auch als Erwachsene besser mit Niederlagen klar. Und wer gelernt hat, dass er sich in eine Krise auf andere stützen und verlassen kann, dem fällt es leichter, sich aus einem Tief wieder aufzuraffen.

Kann die Art des Selbstmords auch etwas über die Motive verraten?

Sich wie Merckle vor einen Zug zu werfen spricht für einen massiven Todeswunsch. Menschen, für die der Suizid eher ein Hilferuf ist, die also gerettet werden wollen, wählen in der Regel eine sanftere Methode. Sie vergiften sich beispielsweise mit einer Überdosis Tabletten. Wenn der Todeswunsch tatsächlich auf die Beendigung des Lebens zielt, werden harte Varianten gewählt.

Wie können Suizide verhindert werden?

Es gibt Warnsignale, wobei die Deutung schwierig ist. Äußerungen, die auf Depressionen, Suizidideen oder Hoffnungslosigkeit schließen lassen, sind aber in jedem Fall ernst zu nehmende Anzeichen.

Hätte man Merckle helfen können?

Wahrscheinlich ja. In intensiven Gesprächen oder einer Behandlung hätte man ihm Gründe für das Weiterleben nennen können. Aber das wollte er wohl nicht. Männer neigen ohnehin dazu, die Dinge lieber mit sich selbst auszumachen, als offen darüber zu sprechen. Die Suizidrate ist bei ihnen daher auch zwei- bis dreimal höher als bei Frauen. Frauen trauen sich eher, um Hilfe zu bitten und Schwäche zu zeigen.

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