
Fragt man Jörg Burger, was er vor zwei Jahren als Erstes über seinen neuen Arbeitgeber wusste, fallen ihm sofort drei Städte ein. „Das waren Miami, Hongkong und Osnabrück“, sagt der Leiter der Informationstechnik beim Logistikkonzern Hellmann. In Florida, an der chinesischen Pazifikküste und in Niedersachsen stehen die drei großen Rechenzentren, über die das Unternehmen seinen gesamten Datenfluss steuert. Sie sind damit das Rückgrat von Deutschlands siebtgrößtem Logistiker. Eine leistungsfähige Informationstechnik ist für Hellmann oder den Marktführer DHL der wichtigste Wettbewerbsvorteil. Die Geschäftsmodelle der Transporteure haben sich durch die weltweite Vernetzung und die technologischen Fortschritte radikal verändert. Spediteure sind nicht mehr nur Fuhrleute. Sie sind zum wichtigen Bindeglied für den Datenaustausch zwischen Herstellern und Abnehmern geworden. „Wir bewegen nicht mehr nur Waren, sondern vor allem auch Informationen“, sagt Klaus Hellmann, Vorstandsvorsitzender des Osnabrücker Familienunternehmens.
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Kaum eine andere Branche ist so zum Symbol der Globalisierung geworden wie die Logistik. Und in kaum einer anderen hat gerade die Informationstechnik das Geschäft derart massiv verändert. Wo vor wenigen Jahren Faxe verschickt und beim Ausbleiben der Ladung hektisch telefoniert wurde, übernehmen nun digitale Datenverbindungen den Großteil der Kommunikation. „So erreichen die Unternehmen Transparenz bis auf die Sendungsebene“, sagt Martin Stuchtey, Partner und Logistikexperte bei der Unternehmensberatung McKinsey. „Das verschafft wertvolle Reaktionszeit. Bei Bedarf kann schnell eine zweite Ladung auf den Weg gebracht werden.“ Die digitale Revolution hat längst alle Branchen erfasst: In vielen Industrien tauschen Hersteller und Zulieferer permanent Bestands- und Konstruktionsdaten aus, um Entwicklungs- und Lieferzeiten so kurz sowie Lagerbestände so klein wie möglich zu halten. Über das Einscannen von Barcodes oder über aufgeklebte Transponder, die mithilfe der so genannten Radio-Frequency-Identification-Technologie (RFID) automatisch Informationen per Funk an Computer übertragen, wird erfasst, wo sich welche Lieferung gerade befindet. Zugleich erlaubt es die digitale Kommunikation, Aufträge oder Rechnungen blitzschnell in den Finanz- oder Warenwirtschaftssystemen zu erfassen und auszuwerten. Führungskräfte globaler Konzerne können so in Echtzeit überblicken, wie sich das Unternehmen entwickelt – und notfalls mit Kollegen auf der anderen Seite der Welt per web-basierter Videokonferenzen entscheiden, wo gegengesteuert werden muss. Die zunehmende Vernetzung bietet vor allem die Chance, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und sich so einen Vorsprung zu verschaffen: „Genauso wie Apple eine neue Version von iTunes den Konsumenten ohne Umwege anbietet, können Unternehmen aller Industrien neue Geschäftsprozesse entwickeln, diese in Software übersetzen und sofort an allen Standorten anwenden“, sagt Andrew McAfee, Professor für Technologiemanagement an der Harvard Business School. Das erhöht zugleich den Druck auf die IT-Abteilungen. Sie sind zum wesentlichen Treiber neuer Dienstleistungen geworden.
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Gerade auch in der Logistik: Das ursprüngliche Kerngeschäft, der Transport von Gütern, habe heute den Charakter einer Massenware, die jeder jederzeit liefern kann, sagt Hellmann. Die gesamte Branche versucht deshalb durch eine enge interne und externe Vernetzung die Effizienz zu steigern, noch mehr Ladung in noch kürzerer Zeit auszuliefern und sich möglichst genau an die Wünsche ihrer Kunden anzupassen. Dafür testet etwa DHL in einem eigenen Innovation Center auf über 1200 Quadratmetern, wie die Laderampe oder das Standardpaket der Zukunft aussehen sollte. Die gesamte Kette von der Bestellung über die Lagerung bis zur Lieferung wird in enger Zusammenarbeit mit großen IT-Konzernen nachgebildet, sodass Manager jederzeit eingreifen können. „Moderne Lieferketten sind wie komplexe Maschinen, ein systematisches Vorgehen ist unerlässlich“, sagt DHL-Manager Clemens Beckmann. Ein Ergebnis davon ist etwa der neue DHL Logistik Campus in Unna — ein 60 000 Quadratmeter großes Umschlaglager, in dem das Unternehmen maßgeschneiderte Lösungen für die Konsumgüterindustrie anbietet. Hellmann besitzt anders als größere Wettbewerber nur eine kleine Lkw-Flotte und keine Schiffe oder Flugzeuge. Deshalb ist es für das Unternehmen wichtig, die für den Transport zuständigen Subunternehmer mobil an die Zentrale anzubinden. Nur so können die Disponenten, die die Lasterflotten aus der Ferne lenken, Fuhren und Routen optimal planen – und nicht zuletzt den Kunden sagen, wo sich welche Sendung gerade befindet. Die Handcomputer, die Hellmann dazu an alle Fahrer ausgibt, hat das Unternehmen mitentwickelt. Mit den Geräten telefonieren die Fahrer, scannen die Barcodes der Lieferungen beim Beladen und bei der Zustellung. Über ein Touchscreen quittieren die Kunden den Empfang mit einer digitalisierten Unterschrift. Mithilfe einer WLAN-Funkkarte werden die Lieferdaten über eine verschlüsselte Verbindung in Echtzeit an das Dispositionssystem Hellas übermittelt. Nicht nur für die Betriebssteuerung sind IT-Systeme wichtig. Eine intensive Vernetzung mit dem Kunden ist eines der besten Mittel zu deren Bindung. Die Systeme technisch zu verweben ist aufwendig. Wer so eine Allianz lösen will, muss das Gros der Investition in dieses Projekt abschreiben. „Je stärker ein Unternehmen beim Kunden integriert ist, desto weniger kann es ausgetauscht werden“, sagt Logistik-Experte Christian Kille vom Fraunhofer-Institut. Eng vernetzt ist Hellmann etwa mit dem Audiohersteller Sennheiser. „Unsere Mikrofone, Sender und Kopfhörer könnte auch jemand anderes transportieren. Aber weil Hellmann zusätzliche Dienstleistungen übernimmt, haben wir einen regen Datenaustausch vereinbart“, sagt Volker Bartels, Geschäftsführer Produktion und Logistik bei Sennheiser. Das Unternehmen agiert global: Die Komponenten für die Kopfhörer werden in China gefertigt und anschließend in Irland für Europa oder in New Mexico für den US-Markt montiert.













