Tarifrunde Bau: Baubranche droht Arbeitskampf

Tarifrunde Bau: Baubranche droht Arbeitskampf

Bild vergrößern

Baustelle: Die IG Bau fordert sechs Prozent mehr Lohn

In der deutschen Baubranche droht ein Arbeitskampf – mit womöglich schwerwiegenden Folgen für Mindestlöhne und das Konjunkturpaket.

Das Programm steht. Wenn sich am 27. Mai rund 800 Bauunternehmer zum „Tag der Deutschen Bauindustrie“ im Berliner Maritim-Hotel treffen, soll es staatstragend zugehen. Das Motto lautet: „Werte schaffen – in Zukunft investieren“. Die Festrede hält Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Feierlaune der Firmenchefs dürfte allerdings nicht lange anhalten. Schon Mitte Juni droht in der deutschen Bauwirtschaft ein Arbeitskampf. Nach drei ergebnislosen Verhandlungsrunden hat die IG Bau in der vergangenen Woche das in der Baubranche obligatorische Schlichtungsverfahren eingeleitet. Der Startschuss fällt voraussichtlich am 22. Mai in Frankfurt. Zwei Wochen hat Ex-Wirtschaftsminister Wolfgang Clement dann Zeit, als Schlichter die zerstrittenen Parteien zu einem Kompromiss zu bewegen.

Anzeige

Und das dürfte nicht einfach werden. Die IG Bau will für die knapp 700.000 Bauarbeiter sechs Prozent mehr Lohn, die höchste Forderung seit 14 Jahren. Zudem fordert die Gewerkschaft eine Anhebung der ostdeutschen Mindestlöhne auf Westniveau. Die Arbeitgeber wollen ihrerseits eine komplett neue Tarifstruktur vereinbaren, die aber laut IG Bau für die meisten Beschäftigten finanzielle Einbußen bedeuten würde. Eine Aussage, die Harald Schröer, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands Deutsches Baugewerbe (ZDB), als „groben Unfug“ bezeichnet.

Vor allem kleine und mittelgroße Baustellen vom Streik bedroht

Intern richtet sich die Gewerkschaft bereits auf einen Arbeitskampf ein. Der Bundesvorstand hat alle Bezirksverbände angewiesen, die hierfür nötigen Vorbereitungen zu treffen. Seit zwei Wochen melden Betriebsräte und Kontaktleute jene Unternehmen nach oben, deren Belegschaft sie für „mobilisierungsfähig“ halten. Die IG Bau hat dabei das Problem, dass auf Großbaustellen viele ausländische Subunternehmen arbeiten. Polnische Bauarbeiter aber dürften kaum für ihre deutschen Kollegen die Maurerkelle weglegen. Die Gewerkschaft will daher vor allem kleine und mittelgroße Baustellen bestreiken. „Am liebsten sind mir Baustellen mit 5 bis 30 Leuten“, sagt IG-Bau-Chef Klaus Wiesehügel.

Grafik: Weniger Jobs am Bau

Grafik: Weniger Jobs am Bau

Sehr gelegen kommt der Gewerkschaft bei ihrer hohen Lohnforderung, dass die Rezession auf die Baubranche offenbar nicht ganz so dramatisch durchschlägt. Der ZDB rechnet 2009 mit einem Umsatzminus von nominal zwei Prozent – angesichts eines gesamtwirtschaftlichen Wachstumseinbruchs von rund sechs Prozent wahrlich keine Katastrophenzahl. „Wir wollen nicht mit der Automobilindustrie in einen Topf geworfen werden“, sagt ZDB-Präsident Hans-Hartwig Loewenstein. Der öffentliche Bau soll sogar dank des Konjunkturpakets um rund acht Prozent wachsen.

Allerdings: Der Wohnungsbau läuft weitaus schlechter (minus 3,5 Prozent); der Wirtschaftsbau dürfte gar um 8,6 Prozent einbrechen. Insgesamt könnten 2009 rund 10.000 Jobs in der Branche verloren gehen. In dieser labilen Situation wären Streiks fatal. Überdies drohen wirtschaftspolitische Kollateralschäden. Zum einen treffen Streiks womöglich auch Bauprojekte aus dem Konjunkturpaket, die in diesen Wochen anlaufen; dies würde deren konjunkturelle Impulse weiter hinauszögern. Zum zweiten laufen mit dem Tarifvertrag auch die Mindestlöhne am Bau aus. Ohne einen neuen Abschluss könnten ab September Billiganbieter den Markt aufmischen – was wiederum dem Wunsch der SPD Auftrieb geben würde, einen gesetzlichen Mindestlohn für alle Branchen durchzudrücken.

An beidem haben die Arbeitgeber kein Interesse. Und im Vergleich zur Tarifrunde 2007, in der sie keine übermäßig glückliche Figur abgaben, haben sie sich diesmal besser vorbereitet. So hat der ZDB seine renitenten Regionalverbände an die Leine genommen; einige von ihnen hatten bei der vergangenen Tarifrunde das Verhandlungsergebnis torpediert. Diesmal hätten die Landesverbände auf ihr Recht verzichtet, dem Dachverband das Mandat entziehen und selbst verhandeln zu können, sagt ein hoher ZDB-Vertreter.

Angesichts der inhomogenen Betriebsstruktur in der Baubranche wollen die Arbeitgeber in jedem Fall eine ertragsabhängige Komponente im neuen Tarifvertrag durchsetzen. Intern ist von rund 0,5 Prozentpunkten der kommenden Lohnerhöhung die Rede, über deren Auszahlung die Betriebe entscheiden sollen. Zudem wollen die Arbeitgeber anbieten, bestimmte Zusatzleistungen aufzustocken. Derzeit erhalten Bauarbeiter zum Beispiel für die Fahrt zur Einsatzstelle 30 Cent pro Kilometer ausbezahlt. Dies könne auf bis zu 60 Cent steigen, sagt ZDB-Mann Schröer. Da die Gelder steuer- und abgabenfrei sind, wären sie für die Betriebe leichter zu finanzieren als steigende Tariflöhne. Denn an denen verdienen bekanntlich stets Fiskus und Sozialkassen mit.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%