Telekom-Prozess: Erster Paukenschlag im T-Prozess

Telekom-Prozess: Erster Paukenschlag im T-Prozess

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Kistenweise Akten beim größten Wirtschaftsprozess aller Zeiten: 17.000 Anleger klagen die Deutsche Telekom auf Schadenersatz.

Der zweite Verhandlungstag endet im Telekom-Prozess für die klagenden Anleger mit Ernüchterung. Der Richter hält die umstrittenene Immobilienbewertung für angemessen. Mit einem Gerichts-Thriller aus den Hollywood-Studios hat der Telekom-Prozess aber wenig gemeinsam, berichtet WirtschaftsWoche-Redakteurin Heike Schwerdtfeger.

Zwar waren zumindest am ersten Verhandlungstag noch einige Dutzend Fernsehkameras auf die Protagonisten gerichtet, dann ging es teilweise nur quälend langsam voran mit Verhandlungsfragen und Geplänkel der Anwälte.

Mit viel gesundem Menschenverstand und väterlicher Strenge führt der erfahrene Oberlandesgerichts-Richter Christian Dittrich durch ein Verfahren, das Rechtsgeschichte schreiben wird. Dem erfahrenen Mitsechziger ist seine wichtige Rolle nicht anzumerken. Dittrich zeigt keine Spur von Aufgeregtheit. Er hält auch dann die Zügel fest in der Hand, wenn das das erste Großverfahren nach dem Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz immer wieder auf Probleme stößt, mit denen der Gesetzgeber die Streitparteien und Richter allein gelassen.

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Gesetz für Musterverfahren zeigt seine Schwächen

Dittrich muss sich mit Regelungen herumschlagen, die sich gleich zu Anfang des Prozesses als wenig durchdacht erweisen: So ist ein Vergleich der Parteien, der dem Verfahren ein schnelles Ende setzen würde, praktisch ausgeschlossen. Denn für einen Vergleich müsste jeder einzelne Kläger zustimmen - ein Ding der Unmöglichkeit bei rund 17.000 Klägern.

Zwei wesentliche Fragen könnten am Ende des Prozesses beantwortet werden: Wie genau und ehrlich müssen Aktiengesellschaften  eigentlich ihre Anleger informieren? Und welche Interessenkonflikte ergeben sich, wenn auch noch die Bundesrepublik Deutschland als ein Hauptaktionär beteiligt ist? Bei einem möglichen Bahn-Börsengang sind die Probleme aus einem Telekom-Prozess dann nicht unerheblich.

Monsterprozess mit 17.000 Klägern

Doch bis zu einem Ende ist es dort noch ein weiter Weg. Steinig wird er nicht nur für die Kläger, sondern auch für die beklagte Telekom. Sie leidet unter einem Imageschaden, solange sie durch den Prozess geschleift wird. Unbequem wird das Verfahren aber auch für die Verantwortlichen von damals wie den einstigen Telekom-Chef Ron Sommer. Er muss am kommenden Montag auf einem mickrigen Zeugenstuhl Platz nehmen. Von zehn bis 13 Uhr und von 14 bis 17 Uhr dort zu verharren, die Pressemeute im Nacken, das wird kein Spaß. Ihn aus seinem Domizil zu zerren und von Richter Dittrich befragen zu lassen, vielleicht ist das auch schon eine Form der Genugtuung, die die Anleger wenigstens verdient haben.

Trotz der vielen Unwägbarkeiten führt Dittrich freundlich und souverän durch den Prozess. Er wirkt selbst dann noch um Ausgleich bemüht, wenn er die Anlegeranwälte mit seinen "vorläufigen Einschätzungen" schockt. Bislang versucht er, die komplexe Materie stets zu vereinfachen. Die Anlegeranwälte treibt er damit in den Wahnsinn, sie haben sich tief und gründlich in die Materie eingearbeitet und sind dabei auf viele fragwürdige Praktiken der Telekom gestoßen. Aber anders als auf das Wesentliche reduziert ist dieser Mammut-Prozess mit 17.000 Klägern und noch rund 180 Streitpunkten ansonsten wohl gar nicht zu führen.

Paukenschlag für die Klägerseite

Am zweiten Tag folgte der Paukenschlag: Geschockt hat Dittrich die Klägeranwälte mit seiner – wie er immer wieder betont -  vorläufigen Einschätzung zur Immobilienbewertung bei der Deutschen Telekom. Er hält das dabei herangezogene Clusterverfahren, also eine Gesamtbewertung der Immobilien in einem Block, im Fall der Telekom für zulässig. Das Unternehmen habe damals einfach nicht viel Zeit gehabt, um die Masse an Grundstücken und Gebäuden detailliert zu bewerten. Bei dem Immobilienbesitz der Telekom soll es um etwa 12.000 Grundstücke und insgesamt 70.000 Datensätze zu Bewertungsobjekten gehen. Deshalb hätte sich die Telekom Dittrichs Ansicht nach auf eine gesetzliche Ausnahmeregel bei der Bewertung stützen können und nicht die ansonsten übliche Einzelbewertung jedes Objektes vornehmen müssen.

Ein Wechselbad der Gefühle folgte dann für die Klägeranwälte: Dittrich meinte zwar, dass die Telekom in ihrem Emissionsprospekt auf die Tatsache hätte hinweisen müssen, dass sie diese Ausnahmeregel bei der Bewertung anwendet. Da dies nicht erfolgt sei, wurde in dem Punkt sogar ein Prospektfehler festgestellt. Dittrich bezweifelte allerdings, dass dieser Prospektfehler tatsächlich wesentlich war für die Aktionäre. Und das hat er dann verneint und damit auch die Hoffnung vieler Kläger zerstört, für die die Immobilienbewertung und der darauf beruhende Prospektfehler die Grundlage für Schadenersatz waren.

Dittrich bleibt trotz fundierter Einwände bei seiner Linie

Die Anlegeranwälte kämpften verbissen, um Dittrich zu überzeugen. Aber auch durch sehr fundierte Einwände ließ sich Dittrich wenig von seiner Linie abbringen. Es blieb vorerst dabei: Die Immobilienbewertung wurde zwar nach Jahren durch eine Abschreibung von 2,1 Milliarden Euro verringert. Dies sei aber bei Immobilenvermögen durchaus üblich und mit einem Abschlag von zwölf Prozent auch nicht überdimensional hoch, erklärte Dittrich. Selbst wenn die Immobilien jeweils einzeln bewertet worden wären, wäre ein solcher Abschlag möglich gewesen.

Zudem verneinte er in seiner vorläufigen Einschätzung, dass die Telekom-Verantwortlichen grob fahrlässig gehandelt hätten. Sie hätten schließlich auch Fachleute einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft mit Gutachten beauftragt, die dann ebenfalls zu dem Ergebnis gekommen seien, es sei alles in Ordnung.

Sozialarbeit vom Richterstuhl aus

In gewisser Weise ist Dittrich auch Sozialarbeiter. Es ist für die Streitparteien gut, dass sie sich endlich vor Gericht treffen. Obwohl die Streitpunkte der Kläger oft nachzuvollziehen sind, Dittrich mag nicht abschweifen: „Die Probleme liegen auf dem Tisch, wir müssen darüber entscheiden, das ist das Entscheidende hier.“ Und die Entscheidung, so bitter sie für viele vielleicht sein wird, müssen sie dann akzeptieren.

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