Telekom und Post: Warum die Telekom der ehemaligen Schwester hinterherhinkt

Telekom und Post: Warum die Telekom der ehemaligen Schwester hinterherhinkt

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Zentrale der Deutschen Post

von Christian Schlesiger und Jürgen Berke

Bei der Aufspaltung und Privatisierung der Bundespost 1995 schien es, als gehörte der Telekommunikationssparte die Welt und die Post aufs Abstellgleis. Das Gegenteil passierte.

Der Pressekonferenz am vergangenen Montag blieb René Obermann fern — zu tief saß der Schmerz. Jahrelang hatte der Telekom-Chef mit Herzblut für einen Verbleib seiner Mobiltochter in den USA gekämpft. Er beschwor die Wachstumschancen und übernahm sogar die persönliche Verantwortung für die Geschäfte. Geholfen hat es nichts: Zum Schluss hatte auch Obermann dem Übernahmeangebot des US-Telekommunikationsgiganten AT&T in Höhe von 39 Milliarden Dollar nichts entgegenzusetzen und trennte sich von seiner US-Tochter T-Mobile. Es mache „keinen Sinn, sich überall zu verkämpfen“, sagte Obermann ein wenig resignierend.

Der Abschied aus den USA markiert nicht nur das Ende einer Weltvision: Die Telekom verliert ein Viertel ihres Umsatzes und schrumpft zum soliden, aber regionalen Anbieter. Obermanns Ausstieg jenseits des Atlantiks lässt auch die vergangenen anderthalb Jahrzehnte Privatisierung in Deutschland in einem neuen, überraschenden Licht erscheinen. Nicht die Telekom, sondern ihr einstiges Schwesterunternehmen, die Deutsche Post, wurde zum erhofften internationalen Star. Statt mit Internet, Handys und TV brilliert die einstige Mammutbehörde Deutsche Bundespost heute als Logistikchampion auf dem globalen Parkett.

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Post stellt Telekom in Schatten

Post Telekom

Post Telekom

Der als langweilig gescholtene Brief- und Paketdienst schafft heute mehr als 50 Milliarden Euro Umsatz und überholt damit 2011 voraussichtlich erstmals die Telekom (siehe Grafik). Der Post-Tower in der Charles-de-Gaulle-Straße in Bonn übertrifft die gut einen Kilometer Luftlinie entfernte Telekom-Zentrale in der Friedrich-Ebert-Allee nicht nur in der Größe. Auch die erreichte Marktposition, Profitabilität und Geschäftsaussichten stellen den Magenta-Konzern weit in den Schatten.

Dabei schienen beider Schicksale zuerst gleich. Post und Telekom entstanden 1995 aus den Ruinen der ehemaligen Deutschen Bundespost. Beide gingen auf Einkaufstour und nach der Jahrtausendwende an die Börse. Doch die Post hatte bei den Zukäufen ein glücklicheres Händchen und beherrscht das politische Lobbygeschäft bis heute besser als die Telekom. Auch die vom heutigen Post-Chef Frank Appel gleich nach seinem Amtsantritt 2008 eingeführte neue Führungskultur erweist sich inzwischen als wirkungsvoller.

Allein in den ersten fünf Jahren nach der Privatisierung kaufte Appel-Vorgänger Klaus Zumwinkel 40 Unternehmen. Zwar verzockte er sich bisweilen — die Übernahme der US-Frachtfluggesellschaft Airborne geriet zum 7,5-Milliarden-Euro-Fiasko, auch der Kaufpreis des britischen Logistikers Exel war zu hoch. Doch am Ende der Einkaufstour stand ein Express-, Brief-, Paket- und Logistikgigant, der keine Lücken auf der Weltkarte ließ. Heute macht die Post 68 Prozent aller Umsätze im Ausland. Als Glückstreffer erwies sich der Kauf des Expressdienstleiters DHL 2002. Der gehört heute zu den vier Größten seiner Art und hat sich zur profitabelsten Sparte gemausert. DHL ist zudem Namensgeber für alle Logistikdienstleistungen.

Im Vergleich dazu hat sich die Deutsche Telekom kräftig verspekuliert. Allein die beiden Mega-Deals — die Übernahme des britischen Mobilfunkers One2one 1999 für rund zehn Milliarden Euro und zwei Jahre später des US-Mobilfunkers Voicestream für 40 Milliarden Euro — waren so teuer, dass sich die Verschuldung dramatisch erhöhte und keine weiteren Akquisitionen erlaubte.

Der Kauf der US-Tochter war der wohl größte Fehler. Der damalige Telekom-Chef Ron Sommer stand 2001 enorm unter Erfolgsdruck: Die Fusionsverhandlungen mit Telecom Italiawaren gescheitert, die Allianz mit France Télécom funktionierte nicht wie gewünscht. Gleichzeitig forderten Analysten ein größeres Auslandsengagement — ihrem Anspruch als Global Player könne die Telekom nur gerecht werden, wenn sie ihren Auslandsumsatz auf über 50 Prozent steigere.

Gegen Misstrauen in den USA

Die USA standen ganz oben auf der Wunschliste, erforderten aber besonderes diplomatisches Geschick: Die Übernahme eines der großen US-Konzerne wäre nach Einschätzung Sommers aus politischen Gründen gescheitert. Da blieb ihm nur die Übernahme des kleinsten landesweiten Anbieters – Voicestream. „Sommer musste etwas Überraschendes, Raffiniertes, auf den ersten Blick Tollkühnes tun“, erinnert sich der inzwischen verstorbene Aufsichtsrat Peter Glotz (SPD). „Und es war natürlich tollkühn, 20.000 Dollar für jeden Voicestream-Kunden zu bieten.“ Zwar gab es auch dagegen Widerstand von einigen Senatoren, trotzdem genehmigten die US-Aufsichtsbehörden den Deal. Doch heimisch ist die Telekom mit ihrer neuen, in T-Mobile getauften US-Tochter nie geworden – zu groß war das Misstrauen der Amerikaner gegen einen heimischen Mobilfunkanbieter im ausländischen Besitz.

Zwar sah sich die Post in den USA auch großen Widerständen vor allem der Platzhirsche UPS und FedEx sowie deren politischen Lobbyisten ausgesetzt – weswegen Konzernchef Appel das Engagement schließlich aufgab. Dafür beherrschte sein Vorgänger Zumwinkel das Lobbying hierzulande wie kein anderer. Durch geschickte Interventionen gelang es ihm, der Post den lukrativen Briefmarkt über Jahre zu sichern — was dauerhaft Milliardengewinne garantierte. Allein der lancierte und durchgeboxte Mindestlohn von 9,80 Euro pro Stunde für Briefträger, der bis 2010 galt, hielt Wettbewerber jahrelang klein.

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