Telekommunikation: Hansenet: Seltsame Rechnungen am Jahresende

Telekommunikation: Hansenet: Seltsame Rechnungen am Jahresende

Hansenet-Chef Paolo Ferrari will den DSL-Anbieter verkaufen. Doch seltsame Geschäfte schrecken die Interessenten auf.

Drei große Telekomkonzerne pokern um die Übernahme des Hamburger DSL-Anbieters Hansenet (Marke: Alice) – Vodafone, Telefónica und United Internet. Denn wer sich Hansenet einverleibt, steigt mit 2,3 Millionen zusätzlichen Kunden zum größten Konkurrenten der Deutschen Telekom im Festnetz auf. Der Deal steht kurz vor einem Abschluss, die Finanzchefs prüfen gerade die Geschäftsbücher. Doch die von Hansenet-Chef Paolo Ferrari vorgelegten Geschäftszahlen zeigen offenbar nur die halbe Wahrheit. Hansenet schwebte 2007 und 2008 zeitweise am Rande der Zahlungsunfähigkeit. Rechnungen von Geschäftspartnern wurden zum Teil überhaupt nicht oder nur mit erheblicher Verspätung bezahlt.

Nachdem die Hansenet-Muttergesellschaft Telecom Italia Zahlungen an ihre Tochter eingestellt hatte, reichte die erwirtschaftete Liquidität kaum noch aus, um Rechnungen zu begleichen. Einer der langjährigen Geschäftspartner, die in Nürnberg ansässige Firma Sellbytel, spricht von „erheblichen Außenständen“ und konnte im April 2009 sogar einen Pfändungsbeschluss erwirken. Die Not machte offenbar erfinderisch: Insider behaupten, dass Hansenet seit 2007 seltsame Geschäfte mit einem Gesamtvolumen in zweistelliger Millionenhöhe getätigt habe, darunter sollen auch Scheinrechnungen gewesen sein und Gutschriften, die im Folgejahr wieder aufgeschlagen wurden.

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Zusätzliche Mittel verschafft

Ziel war es offenbar, die Liquidität zu steigern. Der Trick: Hansenet verschaffte sich vorübergehend zusätzliche Mittel, weil sich durch hohe Rechnungen am Jahresende die Steuerverbindlichkeiten durch den Vorsteuerabzug sofort verringern, die Rechnung – wenn überhaupt – erst im Folgejahr beglichen wurde. Besonders kreativ war dabei offenbar die Geschäftsbeziehung zu dem ebenfalls in Hamburg ansässigen Callcenter-Betreiber D+S Europe AG. So kaufte Hansenet am 31. Dezember 2007 Adressen vergleichsweise teuer für 2,7 Millionen Euro – und bekam noch am gleichen Tag eine Gutschrift über 1,6 Millionen Euro, offiziell für nicht erbrachte Callcenter-Leistungen.

Der WirtschaftsWoche liegt die an den damaligen Hansenet-Finanzchef Frank-Michael Hinz gerichtete Rechnung über einen nicht näher erläuterten „Erwerb von Nutzungsrechten“ vor. Die Adressen, behaupten Insider, seien nie geliefert worden. Doch diesen Vorwurf weisen Hansenet und D+S Europe zurück: „Alle zwischen den beiden Unternehmen gestellten Rechnungen entsprechen den vertraglich vereinbarten Rahmenbedingungen. Es wurden die entsprechenden Leistungen erbracht.“ D+S Europe ergänzt: „Unsererseits wurden sämtliche Leistungen korrekt der Umsatzsteuer unterworfen.“

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