
WirtschaftsWoche: Herr Haub, ein Blick auf Ihre Knöchel verrät, dass die Wirtschafts- und Finanzkrise Sie arg erwischt hat.
Haub: Wie kommen Sie denn darauf?
Auf Ihren Socken prangt der leuchtend rote Schriftzug des Textildiscounters KiK. Müssen jetzt selbst Deutschlands Milliardäre zu Billigkleidung greifen?
(lacht) Von „müssen“ kann keine Rede sein. KiK gehört schließlich zur Tengelmann-Gruppe, und dass ich auf das Unternehmen stolz bin, darf ruhig jeder sehen.
Trotz des miserablen Images von KiK?
So übel kann das Image gar nicht sein – die Läden sind jedenfalls voll. Die Leute kaufen gerne bei uns ein. Im Übrigen: Image ist nicht alles. Ein Unternehmen wie die Warenhauskette Karstadt wird zwar als deutlich edler und hochpreisiger wahrgenommen, aber ökonomisch geholfen hat das auch nicht.
Der Karstadt-Mutterkonzern Arcandor hat Staatsbürgschaften über 650 Millionen Euro beantragt. Zugleich haben Wettbewerber wie die Düsseldorfer Metro (Kaufhof) und der Hamburger Otto-Konzern Interesse an Arcandor-Teilen geäußert. Welche Lösung würden Sie vorziehen?
Ich halte generell nichts von Staatshilfen für Unternehmen. Wenn es sich wirklich um ein gesundes Unternehmen handelt, das unverschuldet und vorübergehend gefährdet ist, könnte man vielleicht noch über Bürgschaften nachdenken. Aber wenn es um ein Unternehmen geht, das in den vergangenen Jahren nur Verluste geschrieben hat, kann es doch nicht die Aufgabe des Staates sein, diese Firma mit Steuergeld zu retten. Das verzerrt den Wettbewerb und ist ein Schlag ins Gesicht aller Unternehmer, die ordentlich gewirtschaftet haben. Wenn es irgendeine Art von privatwirtschaftlicher Lösung gibt, sollte die auch genutzt werden, auch wenn Schmerzen damit verbunden sind.
"Mir wäre nie in den Sinn gekommen, vom Staat Geld zu fordern"
Und wenn nicht?
Dann stellt sich die Frage, was eigentlich so schlimm an einem Planinsolvenzverfahren ist. Es gibt dieses falsche Bild, dass bei einer Pleite schlagartig alle Mitarbeiter auf der Straße stehen und die Lieferanten ihr Geld verlieren. Aber wir haben in Deutschland zum Glück das Planinsolvenzverfahren geschaffen. Damit werden die Unternehmen erst einmal weitergeführt: Die guten Teile überleben, nur was nicht lebensfähig ist, geht unter.
Sie haben gut reden. Wenn Tengelmann in einer ähnlichen Situation wäre, würden Sie doch auch versuchen, Staatshilfe zu bekommen.
Vor zehn Jahren steckte Tengelmann in einer existenziellen Krise. Ich habe damals am eigenen Leib erfahren, wie man behandelt wird, wenn man Schulden hat. Aber es wäre mir nie in den Sinn gekommen, zum Staat zu gehen und Geld zu fordern. Ich finde es schlimm, dass jetzt der Eindruck erweckt wird, ein Unternehmen hat ein Anrecht auf Staatsgeld, wenn es nur groß genug ist.
Erwarten Sie, dass weitere Einzelhändler in Turbulenzen geraten?
Wir werden sicher noch einige Pleiten sehen. Die Branche beklagt nicht umsonst schon seit Jahren Überkapazitäten.
25 Prozent Überkapazität im Einzelhandel
Das heißt, es gibt zu viele Läden in Deutschland?
Im Einzelhandel sehe ich 25 Prozent Überkapazität. Im Grunde könnte jeder vierte Laden verschwinden und die deutschen Verbraucher könnten sich immer noch bequem mit Schuhen, Textilien, Möbeln und Lebensmitteln versorgen. Dass bei einer solchen Konstellation eine Bereinigung stattfindet – und stattfinden muss –, ist doch klar. Das bekommen zuerst die Warenhäuser zu spüren, weil sich ihr Geschäftsmodell überlebt hat.
Trifft das frühere KarstadtQuelle-Management um Thomas Middelhoff keine Schuld?
Es steht mir nicht zu, das Top-Management einer Firma zu beurteilen. Am Ende des Tages muss das Management das Geschäftsmodell weiterentwickeln und krisenfest machen. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben an der Spitze. Aber ein Vergleich sei erlaubt: Es gibt Länder wie Spanien, in denen Kaufhäuser heute sensationell aufgestellt sind, und auch Kaufhof in Deutschland steht vergleichsweise gut da.
Wie krisenfest ist denn Ihre eigene Unternehmensgruppe?
Das erste Quartal war gar nicht so schlecht, und auch der April lief gut. Für das Gesamtjahr erwarte ich, dass wir trotz der Krise keine Umsatzrückgänge verbuchen müssen. Und Tengelmann wird auch dieses Jahr Gewinne schreiben.
"Zwei Komponenten beeinflussen Einzelhandel"
Dann lagen Sie mit Ihrer Prognose falsch. Sie hatten vor „dramatischen Konsequenzen“ der Finanzkrise gewarnt.
Nicht unbedingt. Es gibt zwei Komponenten, die den Einzelhandel wesentlich beeinflussen. Die eine ist die Sorge um den Arbeitsplatz, also das Angstsparen. Die andere ist der Verlust an Kaufkraft. Wenn die Kurzarbeit in vielen Unternehmen ausläuft und die Arbeitslosigkeit steigt, wird das auch der Einzelhandel zu spüren bekommen. Das ist wohl unausweichlich, wobei es in Deutschland durch die soziale Abfederung nicht so gravierend wird wie in anderen Ländern.
Wie haben Sie Ihre Unternehmensgruppe darauf vorbereitet?
Wir haben uns auf Umsatzrückgänge eingestellt und haben die Risiken minimiert, also unsere Investitionsvorhaben eingeschränkt, Expansionsziele im Ausland in die Zukunft verschoben, und wir halten unser Geld zusammen.










