
„Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an“, hat einst Udo Jürgens gesungen. Und es mag viel Wahres dran sein, an dem Schlagertext. Doch was ist 33 Jahre später?
Berthold Beitz ist heute 99 Jahre alt geworden - 59 davon verbrachte er bislang im Dienste von Krupp. Anlass genug, die Erfolge, den Mut und die Zivilcourage dieses außergewöhnlichen Mannes zu würdigen. Beitz selbst jedoch sträubt sich gegen verklärende Blicke in die Vergangenheit, redet nicht gern darüber, dass er während der Nazi-Diktatur in Galizien Tausende von Juden vor dem Tod bewahrte. Oder darüber, dass er in den 1970er-Jahren als Generalbevollmächtigter den Konzern rettete, indem er den Staat Iran in den Aktionärskreis holte.
Bild: APBerthold Beitz
Der Vorsitzende der Krupp-Stiftung ist 98 Jahre alt und beherrscht noch immer den ThyssenKrupp-Konzern, häufig auch durch informelles Intervenieren. Sein wichtigster Mann im Konzern ist Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der unumschränkter Taktgeber im Unternehmen ist und früher schon Vorstandsvorsitzender von Krupp und ThyssenKrupp war. Keiner kennt das Unternehmen an der Spitze so gut wie Cromme, der mit Beitz ein gehärtetes Duo bildet, an dem keiner vorbeikommt. Beitz gab jüngst eine Biographie heraus, die er vor Drucklegung absegnete. Infolgedessen ist fast nur Positives über ihn dort zu lesen, wenig Selbstkritisches. Eine überragende Position nimmt Beitz in der Nazizeit ein. Er ist zwar kein Widerstandskämpfer, rettet aber - ähnlich wie Oskar Schindler - hunderten von Juden das leben, in dem er sie als Direktor der Kapathen-Öl in Russland anstellt und somit vor dem Tod bewahrt.

Berthold Beitz zusammen mit Alfried Krupp Das Tandem war ein wichtiger Motor zur Rettung des schwer beschmutzten Namens Krupp nach dem Krieg. Als Waffenschmiede hat das Unternehmen international einen zweifelhaften Ruf erworben. Alfried Krupp wurde in Nürnberg als Kriegsverbrecher (Krupp hatte 25. 000 Zwangsarbeiter beschäftigt) verurteilt und 1951 begnadigt. Danach suchte er sich einen Testamentsvollstrecker, den er in dem fast vierzigjährigen ehemaligen Ölmanager Berthold Beitz fand. Er lernte ihn bei einer Vernissage auf Sylt kennen. Beitz war im Ruhrgebiet Außenseiter und nutzte diese Position für einen Neustart für Krupp, der das Unternehmen vollständig wandelte. Seinen Vorschlag, Krupp an Volkswagen zu beteiligen, lehnte Alfried Krupp jedoch ab ("wir sind ein Stahlunternehmen"). Krupps Sohn Arndt, der am Unternehmen kein Interesse hatte, sondern als eine Art Playboy das Leben lieber genoss, entlockte Beitz den Verzicht auf das Erbe. Somit war Beitz der unumschränkte Herrscher über das Krupp-Unternehmen, das er zusammen mit Gerhard Cromme 1999 in die Fusion mit Thyssen steuerte und somit vor der Pleite rettete. Da es bei Thyssen keinen beherrschenden Aktionär gab, nahm die Krupp-Stiftung diese Rolle fast mühelos und wie selbstverständlich ein. Damit war das Erbe von Alfried Krupp ehrenvoll gerettet. Foto: ThyssenKrupp
Bild: APVilla Hügel - das Stammhaus der Familie Krupp, das sie bis Kriegsende auch bewohnte. Heute ist die Villa Hügel ein Ort für Ausstellungen, wie jetzt zum 200. Firmengeburtstag, oder von Konzerten. Gelegentlich findet hier auch eine Aufsichtsratssitzung statt, dafür sorgt Berhold Beitz, der dieses Traditionssymbol bewusst einsetzt. Auch Treffen von ehemaligen Krupp-Direktoren findet auf Villa Hügel statt. Das leicht muffig riechende Haus ist ein Paradebeispiel für den Lebensstil einer großen Industriellenfamilie im 19. Jahrhundert. Schloß Landsberg, ebenfalls im Ruhrgebiet, war die Residenz von August Thyssen. Sie ist heute auch noch Ort für Konzerntagungen und nimmt sich gegen die Villa Hügel fast bescheiden aus.

Er trieb das Unternehmen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Größe. Schon vor Bismarck erfand er ein Sozialsytem für "seine" Arbeiter, das allerdings mehr der Gesundheit und damit der Arbeitsfähigkeit der Krupp-Beschäftigten diente als reiner Menschenliebe. Auch sollten Kruppianer von dem Beitritt zur Sozialdemokratischen Partei abgehalten werden. Politisieren war nicht nur während der Arbeit, sondern auch in der Freizeit verboten. Foto: dpa

Margarethe Krupp, Bertha Krupp
Sie ließ eine Mustersiedlung für Krupp-Arbeiter in Essen errichten, die noch heute zur einen der Sehenswürdigkeiten gehört, die Essen zu bieten hat. Sie richtet die Villa Hügel nach dem Geschmack der Zeit liebevoll ein. Die Unternehmergestalt in der Familie ist Bertha Krupp (links), die 1902 kurzzeitig den Konzern leitet und das Unternehmen mit Hilfe ihrer Berater zu einer Aktiengesellschaft umwandelt.
Krupp bekommt damit Zugang zum Kapitalmarkt und leitet damit einen weiteren gigantischen Wachstumsschub auf dem Markt der Waffenherstellung ein. Die Kanone, die Krupp herstellt, wird - nicht nur liebevoll - "Dicke Bertha" genannt.
Bild: dpaAlfried Krupp von Bohlen und Halbach
Alfried Krupp war ein Übergangspatriarch, dessen Leistung es war, das Unternehmen in eine Stiftung umzuwandeln und damit zukunftssicher machte. Seine große Entdeckung war Berthold Beitz, der sich heute als eine Art "letzter Krupp" fühlt.
Versuche von einzelnen Familienmitgliedern, sich mit Hilfe von Büchern Gehör zur Geschichte der Familie und zur Unternehmensgeschichte zu verschaffen, bekämpft Beitz, wo er nur kann. Nach ihm soll es keinen mehr geben, der Willen und Geist von Alfried Krupp interpretiert oder einfordert.
Bild: ThyssenRadreifen-Skizze von Alfred Krupp
Das Produkt Radreifen machte Krupp groß. Es waren vor allem Radreifen für Eisenbahnwaggons, die Krupp nahtlos schmiedete (im Bild eine eigenhändige Skzizze Alfred Krupps) und für die es im 19. Jahrhunderts einen riesigen Bedarf gab. Überall in Europa wurde das Eisenbahnnetz ausgebaut.
Bild: APGerhard Cromme
1989 wurde Gerhard Cromme Chef bei Krupp. 1992 wurde unter seiner Regie der Dortmunder Konkurrenten Hoesch übernommen, 1999 folgte die Fusion von Krupp und Thyssen zur ThyssenKruppAG.
Mittlerweile hat der Dax-Konzern rund 180 000 Mitarbeiter und einen Jahresumsatz von mehr als 40 Milliarden Euro.
Bild: APNirosta
Der rostfreie, hochglänzende Stahl ist eine Erfindung von Krupp-Ingenieuren zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts. Heute soll der Bereich verkauft werden. Es gibt enorme Überkapazitäten im Edelstahl in Europa. ThyssenKrupp bekommt das Nirosta-Geschäft nicht in den Griff - und will verkaufen.
Konzernchef Heinrich Hiesinger (Foto) sieht Nirosta nicht mehr als Kernkompetenz von ThyssenKrupp an.
Krupp investierte in der ersten Zeit des jungen Konzernchefs Berthold Beitz in das Geschäft von Schwerlastwagen mit klingenden Namen wie zum Beispiel Krupp Titan. MAN war noch eine kleine Nummer im Geschäft, es gab einen großen Bedarf an Brummis. Mit dem Ausbau der Autobahnen in der Nachkriegszeit wuchs das Speditionsgeschäft und damit die Kundschaft für solche rollenden Giganten. Heute noch treffen sich in regelmäßigen Abständen die Brummi-Oldtimerfahrer mit ihren Schätzchen vor der Villa Hügel zur Parade. Foto: CC
Berthold Beitz
Der Vorsitzende der Krupp-Stiftung ist 98 Jahre alt und beherrscht noch immer den ThyssenKrupp-Konzern, häufig auch durch informelles Intervenieren. Sein wichtigster Mann im Konzern ist Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, der unumschränkter Taktgeber im Unternehmen ist und früher schon Vorstandsvorsitzender von Krupp und ThyssenKrupp war. Keiner kennt das Unternehmen an der Spitze so gut wie Cromme, der mit Beitz ein gehärtetes Duo bildet, an dem keiner vorbeikommt. Beitz gab jüngst eine Biographie heraus, die er vor Drucklegung absegnete. Infolgedessen ist fast nur Positives über ihn dort zu lesen, wenig Selbstkritisches. Eine überragende Position nimmt Beitz in der Nazizeit ein. Er ist zwar kein Widerstandskämpfer, rettet aber - ähnlich wie Oskar Schindler - hunderten von Juden das leben, in dem er sie als Direktor der Kapathen-Öl in Russland anstellt und somit vor dem Tod bewahrt.
Der Blick muss sich nach vorn richten - das gebietet seine Rolle. Der Jubilar ist Vorsitzender des Kuratoriums der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, der 25,3 Prozent an Thyssen-Krupp gehören, somit einer der mächtigsten Manager in der deutschen Wirtschaft. Und Thyssen-Krupp ist eines der kränksten Unternehmen im Dax.
Keine Frage: Der Ankerinvestor, die Stiftung, ist gefordert - und mit ihr Berthold Beitz, der Verwalter des Krupp-Erbes. Dieses zu schützen, das hatte er dem letzten Krupp, Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, einst versprochen.
Beitz hat dieser Aufgabe sein Leben gewidmet. Wie ernst er sie nimmt, zeigte sich im vergangenen Dezember, als er den langjährigen Thyssen-Krupp-Chef Ekkehard Schulz aus seinem engsten Kreis verstieß. „Ich habe ihm gesagt, dass ich ihn persönlich sehr schätze, dass ich mich aber vor allem Alfried Krupp verpflichtet fühle“, sagte Beitz damals.
Offiziell wollte er damit lediglich der öffentlichen Kritik an der Konzernführung wegen des Desasters in Brasilien ein Ende setzen. Doch die eigentliche Ursache wiegt schwerer: Beitz sah sich von Schulz wegen der Kostenexplosion beim Bau des neuen Stahlwerks getäuscht.
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