ThyssenKrupp: Heinrich Hiesinger in unverblümter Mission

ThyssenKrupp: Heinrich Hiesinger in unverblümter Mission

von Andreas Wildhagen

Wenn Heinrich Hiesinger am Freitag Chef von ThyssenKrupp wird, weiß er: Seine Überväter Gerhard Cromme und Berthold Beitz verlangen von ihm den vorbehaltlosen Umbau des Ruhr-Konzerns.

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Heinrich Hiesinger

Der designierte Vorstandschef von ThyssenKrupp, Heinrich Hiesinger, hatte es eilig. Um sechs Uhr morgens landete er am vorigen Montag auf dem Airport Galeao Antonio Carlos Jobim von Rio de Janeiro. Von dort ging es sofort weiter mit einem Hubschrauber zur neuen Stahlhütte, die der Essener Revierkonzern 80 Kilometer weiter südlich, unweit der Bucht von Sepetiba, im Juni 2010 in Betrieb nahm.

Hiesinger wollte unbedingt selbst die Grafitstaub-Emissionen in Augenschein nehmen, die brasilianische Politiker und Justiz in diesen Wochen gegen ThyssenKrupp aufbringen. Zurzeit läuft ein Ermittlungsverfahren gegen lokale ThyssenKrupp-Manager.

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Solche Ad-hoc-Reisen – dorthin, wo Probleme auftauchen – sind für Hiesinger eine Art Markenzeichen. Der 50-Jährige wird auf der Hauptversammlung am kommenden Freitag zum Vorstandsvorsitzenden des Essener Technologiekonzerns (43 Milliarden Euro Umsatz, 187.000 Beschäftigte) gewählt. Da will er den Aktionären nicht das vortragen, was Konzern-Fachabteilungen ihm ausgearbeitet haben.

Das ist der neue Stil, mit dem Hiesinger seinen langjährigen Vorgänger Ekkehard Schulz ablösen und offenbar neue Saiten bei dem Ruhr-Riesen aufziehen will. Dauerbesprechungen nicht selten bis tief in die Nacht – die sind vorbei. Das hat Hiesinger bei Siemens, wo er als Vorstand die Industriesparte leitete, auch nicht gemacht.

Hiesinger agiert schnell, das hat er bewiesen, seit er im Oktober als stellvertretender Vorstandschef unter Schulz am Essener Kruppgürtel anfing und zu einer Tour d’horizon in allen Sparten zur Einarbeitung startete.

Den muss der Elektroingenieur in der Tat kennen. Denn Hiesingers Pflichtenheft könnte umfangreicher kaum sein. Er wird nach Aussagen von Aufsichtsratsmitgliedern Deutschlands Traditionskonzern in jedem Winkel auf den Prüfstand stellen. Das verlangen der Aufsichtsratsvorsitzende Gerhard Cromme sowie Berthold Beitz, 97, der Chef der Krupp-Stiftung, die mit 25,33 Prozent größter Einzelaktionär ist.

ThyssenKrupp ist in der zwölf Jahre währenden, wechselvollen Amtszeit des Hütteningenieurs Schulz zu einer einzigen Großbaustelle geworden. Auf Geheiß von Cromme und Beitz soll Hiesinger bis zur Aufsichtsratssitzung Ende Juni einen Masterplan für die Zukunft von ThyssenKrupp vorlegen, der zwei zentrale Fragen beantwortet: Wie sieht der Konzern in fünf Jahren aus? Und wie soll ThyssenKrupp in zehn Jahren dastehen?

Nachdem Schulz den Konzern zu einem Stahlunternehmen geformt hatte, dessen übrige Geschäfte eher an den Rand gedrängt wurden, sollen die Gewichte nun anders verteilt werden, sagt ein Aufsichtsratsmitglied. ThyssenKrupp soll unter Hiesinger mehr Krupp und weniger Thyssen werden. Das heißt, das Unternehmen wird künftig straffer und zentralistischer geführt, der Stahl erleidet, gemessen an der Vergangenheit, einen Bedeutungsverlust. Der frühere Geist von ThyssenKrupp war von stahlharten Hütteningenieuren geprägt.

Das wollte der damalige Krupp-Chef Gerhard Cromme nach der Fusion von Krupp mit Thyssen anno 1999 eigentlich ändern, scheiterte jedoch an der Unternehmenskultur von Thyssen. Die Krupp-Seite des Managements ist stahl-skeptisch, weil der Werkstoff extrem konjunkturanfällig ist – die Thyssen-Seite dagegen ist stahlnah bis stahlverliebt. Beitz und Cromme knien sich nicht in die Fachwelt der Stahlproduktion hinein. Das wurde deutlich, als sie vor knapp zwei Jahren einen ehemaligen Bertelsmann-Manager und EDV-Spezialisten zum Chef der Stahlsparte machten.

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