Tourismus-Branche: Reiseveranstalter nützen Krise zum Angriff auf TUI und Thomas Cook

Tourismus-Branche: Reiseveranstalter nützen Krise zum Angriff auf TUI und Thomas Cook

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Rewe-Chef Alain Caparros: Der Lebensmittel- und Touristikkonzern greift nach Thomas Cook

Am Mittwoch startet die Tourismusmesse ITB. Hinter den Kulissen dürfte es heiß hergehen: Konkurrenten wollen die Krise nutzen, um die Platzhirsche im Tourismus, TUI und Thomas Cook, frontal anzugreifen - die Übernahme eingeschlossen.

Die Chefs der deutschen Reisebranche wählten ihre Worte und Speisen mit Bedacht, als sie sich an Aschermittwoch im hessischen Kelsterbach trafen. Die Fluggesellschaft Condor hatte zum traditionellen Fischessen nach Karneval in die Nähe des Frankfurter Flughafens geladen. Statt Krabbencocktails und Hummer gab es Heringssalat, auf Fragen nach der Befindlichkeit nur Ironie: „Privat geht es mir gut.“

Touristiker feiern sich ihren Frust gern vom Leib, miese Laune passt nicht in das Weltbild der Sonnenwochen-Macher. Doch diesmal wird die aufgesetzte gute Stimmung nicht weit tragen. Die Buchungen für das Sommergeschäft sind im Vergleich zum Vorjahr teilweise zweistellig gefallen. Die Reisebüros, Veranstalter und Fluggesellschaften sehen sich jetzt auch noch vor einem Hauen und Stechen ungekannten Ausmaßes. „Der Preiskampf wird kommen“, sagt Tourismus-Experte Karl Born von der Hochschule Harz. Und nicht nur das. Der Branche droht auch ein Kampf um Marktanteile, wie es ihn seit Jahren nicht mehr gegeben hat — bislang sind die Anteile nahezu zementiert.

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Branchen-Platzhirschen stehen harte Wochen bevor

Denken die Deutschen nicht noch um und entschließen sich in den kommenden Wochen doch noch verstärkt trotz Krise zu verreisen, werden sie die hiesige Tourismusbranche kräftig durcheinanderwirbeln. Nummer eins TUI und Nummer zwei Thomas Cook müssen fürchten, erkleckliches Geschäft an die kleineren Konkurrenten zu verlieren. „Notfalls verzichte ich auf ein bis zwei Prozent Marktanteil, um das Ergebnis zu halten“, gesteht TUI-Deutschland-Chef Volker Böttcher schon mal vorsorglich (mehr dazu im Interview auf wiwo.de). Bereits im vergangenen Jahr akzeptierte der Manager einen Gästerückgang zugunsten der Rendite — doch der Druck wird größer.

Der kommt nun vor allem aus Köln. Denn der Lebensmittel- und Touristikkonzern Rewe erwägt einen Paukenschlag im Kampf um Marktanteile. Vorstandschef Alain Caparros bekundete offen sein Interesse am Konkurrenten Thomas Cook, der derzeit unter dem Dach des Warenhaus-Konzerns Arcandor (ehemals KarstadtQuelle) zu Hause ist. Aus Rewe-Vorstandskreisen war vor wenigen Tagen offiziell zu hören: „Unsere Touristiksparte und Thomas Cook würden gut zusammenpassen.“ Der weltweite Umsatz läge dann auf Anhieb bei 14,5 Milliarden Euro — und damit dicht hinter TUI. Zwar stehe ein Unternehmensverkauf derzeit nicht auf der Agenda, heißt es bei Arcandor. Doch Experten halten das noch dieses Jahr für möglich. Arcandor braucht dringend frisches Kapital für das defizitäre Warenhausgeschäft. Ein Notverkauf wäre eine Alternative.

Mittelständische Anbieter wollen aus dem Schatten treten

Auch ohne Zukauf gilt der genossenschaftlich organisierte Rewe-Konzern derzeit als aggressivster Spieler im Markt. Weil der Touristikumsatz in einigen Regionen in Süd- und Norddeutschland weit hinter den Erwartungen zurückliegt, bläst Rembert Euling, seit rund einem Jahr Chef des Pauschalreiseanbieters Rewe Touristik, zur Aufholjagd. „Dort bieten wir mehr Reisen zu sehr attraktiven Preise an.“ Weil Euling keine Aktionäre im Nacken sitzen hat, darf im Kampf um Marktanteile die Rendite auch mal etwas geringer ausfallen (mehr dazu im Interview auf wiwo.de).

Gleichzeitig werden in der Krise die Anbieter aus der zweiten und dritten Reihe versuchen, endgültig aus dem Schatten der Großen zu treten – beispielsweise Öger Tours, die Nummer sechs im Markt. 97 Prozent der Umsätze des Hamburger Unternehmens kommen aus dem Türkei-Geschäft. Das Land am Bosporus ist der eindeutige Krisengewinner, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt und die Hotels in der Regel All Inclusive bieten, was in Zeiten klammer Kassen das Urlaubsbudget der Gäste schont.

Auch FTI Frosch Touristik aus München prescht vor. „Wir wollen in einigen Zielgebieten unsere Marktanteile ausbauen“, sagt Geschäftsführer Boris Raoul. Die Bayern engagieren sich gern in Regionen stärker, aus denen sich Wettbewerber zurückziehen – zum Beispiel nach den Terroranschlägen aus Sri Lanka oder nach der Vogelgrippe aus der Türkei. „Da konnten wir unsere Position ausbauen“, sagt Raoul. „Die Hoteliers vor Ort merken sich das und bieten uns später bessere Konditionen.“ Jetzt stürzt sich FTI auf die arabischen Emirate. Vor allem Reisen nach Dubai wolle das Unternehmen verstärkt bewerben.

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