Traditionsbranche: Gießereien erleben zweiten Frühling

Traditionsbranche: Gießereien erleben zweiten Frühling

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Schiffspropeller: Deutsche Gießereien sind technisch weltweit führend

Deutschlands Gießereien erleben einen Aufschwung wie selten zuvor. Doch hohe Strompreise und Proteste von Anwohnern könnten den Boom abwürgen.

Es ist heiß in der Halle, heiß, obwohl draußen tiefster mecklenburgischer Winter herrscht. Die Arbeiter, bewehrt mit dem sogenannten Goldhelm, dessen goldbeschichtetes Visier Gesicht und Brust schützt, schwitzen. Vor ihnen brodeln 90 Tonnen Kupferlegierung in einem haushohen Ofen. Über 1100 Grad ist die Höllensuppe heiß. Ein Handzeichen des Gießereimeisters, und der Ofen neigt sich. Gurgelnd schießt das Metall in die Form. Keiner redet, Gesten reichen. „In diesen Minuten kann einiges danebenge-hen“, sagt Produktionschef Jürgen Eberlein.

Willkommen bei der Mecklenburger Metallguss (MMG). Das Werk liegt am Rande von Waren, einer Kleinstadt mit schnuckeligen Backsteinhäusern mitten in der mecklenburgischen Seenplatte. Ein Drittel aller Schiffspropeller in der Hochseeklasse entsteht in der 200-Mann-Fabrik. Im Hof des größten Schiffspropellerbauers der Welt liegen ein Dutzend der gemeinhin Schiffsschrauben genannten Ungetüme, die Sonne spiegelt sich in ihrem warmen Bronzeton. Der größte der Riesen hat einen Durchmesser von mehr als zehn Metern.

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Zwei Jahre müssen die Kunden inzwischen auf ihre Propeller warten. „Über Auftragsmangel können wir nicht klagen“, sagt Manfred Urban, geschäftsführender Gesellschafter der MMG. Urban, der 1980 in der Gießerei als junger Ingenieur anheuerte, hat schon schlechtere Zeiten erlebt. Nach der Wiedervereinigung sah es für das Werk düster aus. Doch das ist fast schon vergessen. Heute dröhnen auf dem Gelände die Presslufthammer für den jüngsten Hallenneubau. Sogar die angrenzende Bundesstraße B108 wird jetzt verlagert – vor allem damit das Werk wachsen kann.

Der Wiederaufstieg der MMG ist typisch für die Branche. Seit etwa vier Jahren erlebt die Industrie einen neuen Frühling. „Eine solche Dynamik hat die Gießereibranche nach der Wirtschaftswunderzeit noch nicht erlebt“, sagt Kay-Uwe Präfke, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Gießereiverbandes. Zwischen 2004 und 2007 haben die rund 260 deutschen Eisengießer ihren Umsatz um fast die Hälfte auf 7,9 Milliarden Euro gesteigert.

Ähnlich erfreulich ist die Situation bei den etwa 360 Nichteisengießern. Der Umsatz ist in den vergangenen zehn Jahren in der Branche, die vor allem mit Aluminium arbeitet und an die Automobilindustrie liefert, Jahr für Jahr um gut fünf Prozent gestiegen und betrug 2007 rund sieben Milliarden Euro. „Wir arbeiten am Anschlag“, sagt Jochen Krüger, geschäftsführender Gesellschafter von Alu-Druckguss aus Brieselang bei Berlin. Das Werk Brieselang, wo 300 der 450 Beschäftigten arbeiten, läuft an sieben Tagen in der Woche im Dreischichtbetrieb.

Bei den Eisen- und Stahlgießern sieht die Situation ähnlich aus. Die Auslastung der Betriebe liegt bei 95 Prozent. Im vergangenen Jahr sind die Auftragsbestände bei den Eisen- und Stahlgießern um fast 30 Prozent in die Höhe gegangen.

Die steigende Auftragsflut verdanken die Gießer vor allem den deutschen Maschinenbauern, die in den vergangenen fünf Jahren um 41 Prozent zulegten. Doch auch die Hauptkunden der Industrie, die Autobauer, unterstützten den Branchenfrühling dank der Nachfrage aus Ländern wie Russland, China oder Brasilien.

Jetzt werden die Fachleute knapp. „Die Not ist groß“, sagt Ursula Maisel, deren Personalberatung Maisel Consulting sich auf die Fachkräftesuche für Gießereien spezialisiert hat, „für manche Unternehmen ist der Mangel an Ingenieuren und Facharbeitern ein echtes Handicap.“

Wer hätte das noch vor 10 oder 15 Jahren für möglich gehalten? Die Branche mit dem Malocherimage galt als sterbende Industrie, deren drohende Abwanderung in die Schwellenländer wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. „Bits und Bytes statt Schwermetall“ lautete die Losung. Heute spricht niemand mehr vom Niedergang, wenn die Rede von der Gießereibranche ist. „Die Deutschen haben die effizientesten Gießereien der Welt“, behauptet die US-Fachzeitschrift „Modern Casting“. Tatsächlich haben Deutschlands Gießer in den vergangenen Jahren kräftig modernisiert. Seit 2003 hat die Branche ihre Investitionen mehr als verdoppelt.

Jetzt fahren die Gussleute die Ernte ein. „Die aktuelle Auftragsflut kommt vor allem aus dem Ausland“, sagt ein rheinischer Gießereimanager. „In Ländern wie Frankreich, Großbritannien oder Italien haben unsere Wettbewerber geschlafen und weniger investiert. Nun verlagern die Kunden massenhaft Aufträge nach Deutschland, weil sie mit der Qualität dieser Wettbewerber nicht mehr zufrieden sind.“ Technologisch sind die deutschen Gießer der internationalen Konkurrenz davongeeilt. Heute experimentieren deutsche Unternehmen mit bionischen, also naturnahen Strukturen, leichten Metallschäumen oder mit fragilen Gussteilen von 1,2 Millimetern Stärke, die Blechteile ersetzen – ein enormer Vorteil, weil sich damit komplexe Formen aus einem Stück fertigen lassen.

Die Konkurrenz aus dem Osten schreckt die deutschen Gießer kaum noch. Viele Gießereien haben zwar ein Standbein in Polen, Ungarn oder der Slowakei. Doch es sind meist Standardprodukte, die dort entstehen oder simple Nacharbeiten wie Guss-putz, also das Polieren von Gussteilen, die nach Osten verlagert werden. „Bei komplizierteren Leistungen ist die Produktivität in Deutschland ungleich höher“, sagt Jochen Krüger, der neben den Standorten Brieselang und Berlin auch eine kleine Niederlassung im polnischen Nowa Sol/Neusalz an der Oder betreibt. Viele deutsche Gießer verlagern inzwischen trotz des hohen Personalkostenanteils von rund 30 Prozent die Produktion wieder nach Deutschland.

Dass sogar unmittelbar vor der polnischen Grenze der Ausbau einer Gießerei eine Erfolgstory sein kann, zeigt der Fall der Eisengießerei Torgelow. Die Gießerei an der Ucker war 2003 fast am Ende und beschäftigte statt einst 2400 nur noch 60 Mitarbeiter. Dann stiegen die österreichische Beteiligungsgesellschaft CLH und der heutige Geschäftsführer Joseph Taterra ein. Vor allem durch die Spezialisierung auf Rotornaben für Windkraftanlagen hob der Umsatz ab: Innerhalb von vier Jahren wuchs er von 5,3 Millionen Euro auf 82 Millionen Euro. Mit über 40 Millionen Euro machten die Investoren Torgelow zu einer der modernsten Gießereien Deutschlands. In den kommenden fünf Jahren wollen sie noch einmal 60 Millionen Euro investieren.

Torgelow, Brieselang und Waren stehen stellvertretend für Hunderte von Gießereibetriebe in Deutschland, die versuchen, durch Investitionen der Nachfrage Herr zu werden. Andere Beispiele sind Siempelkamp in Krefeld, die in den vergangenen Jahren 40 Millionen Euro am Stammort investiert hat und in den kommenden zwei Jahren noch einmal die gleiche Summe investieren will, sowie die DIHAG mit Sitz in Essen, ein Verbund von zehn Gießereien mit rund 2000 Mitarbeitern, zu dem auch die MMG in Waren gehört. Der Konzern, der in den vergangenen zehn Jahren seinen Umsatz auf 310 Millionen Euro verfünffachte, will 70 Millionen Euro in neue Hallen und Anlagen stecken.

Gänzlich ungewohnt für die Branche ist die Tatsache, dass völlig neue Standorte entstehen. So investiert der Windanlagenbauer Enercon aus Aurich im ostfriesischen Südbrookmerland einen zweistelligen Millionenbetrag in eine neue Gießerei. Unweit davon entsteht in Leer ein neues Gießereiwerk als Gemeinschaftsunternehmen von EMS Guss und dem Windparkbauer Bard Engineering. Und die thüringische Silbitz Guss baut im sachsen-anhaltinischen Seitz eine Gießerei mit 180 Beschäftigten.

Die Turbo-Erholung der Industrie macht allerdings nicht jedem Freude. Denn nach wie vor belästigen die heißen Fabriken ihre Anwohner oftmals mit Lärm, Staub und Geruch. „Keiner baut mehr Gießereien in urbanen Lagen“, sagt Hans-Peter Krapohl, Geschäftsführer der Krapohl-Wirth Foundry Consulting. Aber selbst in Gewerbegebieten gibt es inzwischen Ärger mit Anrainern. Im hessischen Biedenkopf etwa haben sich die Unternehmer aus der Nachbarschaft der Giesserei Blöcher zu einer Bürgerinitiative zusammengeschlossen, weil sie und ihre Mitarbeiter den Geruch unerträglich finden; in Chemnitz-Nord, wo die Chemnitzer Gießerei von Trompetter Guss seit über 150 Jahren in einem städtischen Mischgebiet arbeitet, machen die Anwohner Druck gegen eine Erweiterung.

Unternehmen und Verbände spielen den Ärger der Anwohner gern herunter. Und die Kommunen wiegeln die Proteste wegen der Arbeitsplätze häufig ab. Doch für die Branche könnte der Widerstand wütender Nachbarn zu einem Wachstumshindernis werden – ebenso wie die Stromkosten, die in Deutschland etwa doppelt so hoch sind wie in Skandinavien oder Polen. „Noch stecken die Deutschen diese Nachteile wegen ihres technischen Vorsprungs und der langen Wartezeiten locker weg, aber das muss nicht ewig so bleiben“, sagt ein französischer Gießereimanager.

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