Türkische Unternehmer auf dem Absprung: Statt Istanbul doch lieber München

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InterviewTürkische Unternehmer auf dem Absprung: Statt Istanbul doch lieber München

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"Evet" steht auf dem Werbeplakat in Istanbul. Erdogan fordert seien Landsleute auf, beim Verfassungsreferendum mit "Ja" zu stimmen.

von Anke Henrich

Viele türkische Unternehmer erwarten, dass die Lage für sie schwieriger wird - egal, wie das Referendum am 16. April ausgeht. Immer mehr zieht es nun nach Deutschland.

Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich wird die Türkei instabiler. Für Unternehmer, erst recht für regierungskritische, wird das einst prosperierende Land zu einem heißen Pflaster. Wie gebannt starren alle auf den 16. April. Dann werden türkische Wähler in ganz Europa entscheiden, ob die Verfassung des Landes zu Gunsten der Machtfülle von Präsident Recep Tayyip Erdogan geändert wird. 

Schon jetzt bricht die Wirtschaft ein. Die Ratingagentur Moody's senkte ihren Ausblick für das Land auf negativ von zuvor stabil. Die Arbeitslosigkeit steigt seit sieben Jahren, die Inflation erreicht zehn Prozent. Die Ratingagentur Fitch senkte ebenfalls den Daumen: Die Zahlungsfähigkeit des Landes bewege sich nach dem Putschversuch im Sommer auf Ramschniveau. 

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Auf noch mehr schlechte Nachrichten wollen viele türkische Unternehmer nicht warten. Deshalb häufen sich zum Beispiel in der Stuttgarter Dependance der bundesweiten Kanzlei Heussen-Law die Anfragen. Dort berät der deutsch-türkische Rechtsanwalt Kaan Kalkan Unternehmer, die nach Standort-Alternativen suchen.  

Zur Person

  • Kaan Kalkan

    Kaan Kalkan ist Anwalt bei der Kanzlei Heussen-Law und Leiter des dortigen "Turkish Desk". Er berät deutsche und andere ausländische Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen mit der Türkei unterhalten oder dort präsent werden wollen. Ebenso ist er Ansprechpartner türkischer Unternehmen, die in Deutschland aktiv sind.

Herr Kalkan, die Lage in der Türkei wird immer aufgeheizter. Wie reagieren die türkischen Unternehmer?
Seit mehr als einem Jahr wollen immer mehr von ihnen nach Deutschland kommen. Das sind Menschen, die nicht alle Wurzeln zur Türkei abbrechen wollen, aber auch nicht tatenlos abwarten wollen, wie sich die schwierige politische Lage weiter entwickelt. Stattdessen sondieren sie jetzt zur Sicherheit, ob und wie sie in Deutschland ein zusätzliches Geschäftsfeld aufbauen können. Manche Unternehmer investieren auch gleichzeitig in Wohneigentum, um dem deutschen Staat zu signalisieren, dass sie es ernst meinen und sich selbst finanzieren können, also dem deutschen Staat nicht auf der Tasche liegen werden.

Erwarten Sie, dass dieser Erdogan-Effekt nach dem Referendum noch zunehmen wird?
Ganz sicher, denn zurzeit weiß wirklich niemand, welche Konsequenzen das Referendum für die türkische Wirtschaft haben wird.

Egal, bei welchem Ausgang?
Ja, klar. Variante 1: Erdogan setzt sich nicht durch, dann kann es zum Beispiel durch Unruhen sehr schwierig für die türkischen Unternehmen werden. Variante 2: Erdogan gewinnt die Abstimmung, dann wäre das Land womöglich bald außenpolitisch isoliert und mit ihm wichtige Exportgeschäfte. Das wäre auch deshalb fatal, weil die Türkei die Devisen aus den Exportgeschäften braucht.

Erschwerend kommt hinzu, dass es egal bei welchem Ausgang Monate dauern wird, bis sich erkennen lässt, was auf die Unternehmen tatsächlich zukommt. Es sind wirklich schwierige Zeiten. Aber glücklicherweise sind türkische Unternehmer sehr kosmopolitische, kreative Unternehmer. Denen fällt immer etwas ein, zumal sie auch aus der Vergangenheit Erfahrung mit der Bewältigung von Krisen haben.  

Türkei Wenn Erdogan das Referendum (nicht) gewinnt …

Mäßigt sich Staatspräsident Erdogan? Oder drangsaliert er Oppositionelle weiter? Worauf man sich nach dem Referendum in der Türkei einstellen muss.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einer Wahlkampfveranstaltung Quelle: AP

Warum ist gerade Deutschland für diese Klientel so interessant?
Das sind keine reichen Privatiers, die sich aus dem Geschäftsleben zurückziehen wollen. Solche Familien zieht es womöglich eher in die Schweiz. Nach Deutschland kommen Türken, die ein neues Geschäft aufbauen wollen. Wir gelten bei ihnen immer noch als Hort der Stabilität. Sie schätzen Ordnung und klare Abläufe. Oft gründen sie erst einmal eine neue Vertriebstochter oder erwerben bestehende Unternehmen. Viele Unternehmen wollen dank ausgebildeter deutscher Mitarbeiter auch Forschung und Entwicklung hier ansiedeln. Wenn sie später dann auch in Deutschland produzieren, können sie weltweit mit dem weltweit begehrten Label „Made in Germany“ werben.

Welche Regionen sind besonders interessant?
Das sind vor allem der Großraum München, Stuttgart, Köln und das Ruhrgebiet. Für die neuen Bundesländer hatte ich noch keine Anfrage.

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