Umwelttechnik: Deutsche sollen Russland das Sparen beibringen

Umwelttechnik: Deutsche sollen Russland das Sparen beibringen

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Gaspipeline in Russland

von Florian Willershausen

Deutsche Unternehmen wollen maroden russischen Industriebetrieben sparsame Umwelttechnik verkaufen. Doch das klingt einfacher, als es in der Praxis ist.

Der Petersburger Winter ist lang und schon von Weitem sichtbar. Wenn das Quecksilber unter null fällt, stehen weiße Rauchwolken über der Altstadt, die Zar Peter der Große vor mehr als 300 Jahren aus dem Sumpf stampfen ließ. Es sieht aus, als würde der Himmel auf Säulen ruhen, die aus rot-weiß-gestreiften Schornsteinen ragen. Der Anblick ist aber kein Zeichen für Luftverschmutzung: Die Schlote blasen keine Schadstoffe in den Himmel, sondern überschüssige Fernwärme aus den Heizkraftwerken. Das ist zwar nicht schädlich, aber unnötig und teuer.

Verschenkte Wärme, Lecks in Pipelines, Beleuchtung rund um die Uhr: Kein Land in Europa verschwendet mehr Energie als Russland. Jüngst rechnete die Internationale Energieagentur (IEA) aus, dass Russlands Energieverbrauch etwa 40 Prozent über dem EU-Mittel liegt. „Wenn Russland die Ressourcen effizienter nutzen würde, könnte das Land jährlich bis zu 80 Milliarden Dollar zusätzlich einnehmen“, sagt IEA-Chefökonom Fatih Birol. Das wären etwa 3,5 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die globale Krise hat Russland vor Augen geführt, was diese Ineffizienz bewirkt: Während der Ölpreis in den Keller ging und das Land damit um seine wichtigste Einnahmequelle brachte, liefen Unternehmen die Kosten aus dem Ruder, weil die Produktionstechniken veraltet sind. Staatschef Dmitri Medwedew reagierte: Bis 2020 soll Russlands Energieverbrauch um 40 Prozent sinken.

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Gesetz kurbelt Nachfrage an

Deutschen Herstellern grüner Technologien öffnet sich ein Milliardenmarkt. Geht es um Lösungen zur Verbesserung von Produktivität und Effizienz, sind Anlagen Made in Germany für russische Unternehmen erste Wahl. Der Mittelständler Buderus profitiert bereits: Das Wetzlarer Unternehmen, das zur Robert Bosch Gruppe gehört, ist seit 2010 nach Umsatz die Nummer eins am russischen Heiztechnikmarkt. Sparsame Gasbrenner aus Hessen, die nach der Kondensationstechnik funktionieren, sind zwar doppelt bis dreimal so teuer wie herkömmliche russische Gasheizungen. Sie haben aber eine 15 bis 17 Prozent höhere Energieeffizienz. Daher seien die Kunden bereit, mehr Geld auszugeben, sagt Russland-Chef Jurij Netschepajew.

Ausgerechnet der Kreml hilft, die Auftragsbücher zu füllen. Zwar verteuert die Regierung mit Zollsätzen von 15 Prozent deutsche Heiztechnik zusätzlich. Doch gleichzeitig zwingt sie Staatsbetriebe mit dem Dekret 261, die Energiesparvorgaben umzusetzen – koste es, was es wolle. Auch der Druck auf private Unternehmer und Hausherren steigt, weil die Strom- und Gaspreise seit dem Ende der Finanzkrise wieder deutlich anziehen. Buderus Russland verbucht im Heiztechnikgeschäft denn auch ein zweistelliges Umsatzwachstum. „Die neue Politik ist für uns ein Segen“, sagt Netschepajew, „sie kurbelt die Nachfrage nach unseren Produkten an.“ Derzeit prüfe der Konzern, ob sich eine Fertigung vor Ort für den russischen Markt lohne, verrät der Manager. Das ganz große Geschäft steht den Zulieferern grüner Technologien noch bevor. Rund 60 Prozent der russischen Industrieanlagen in Russland gelten nach westlichen Standards als veraltet, sie müssen ersetzt werden. Dabei geht es oft um hohe Summen. Ein modernes Walzwerk, das die Düsseldorfer SMS Siemag dem Stahlkonzern MMK vor einigen Monaten lieferte, kostete rund 400 Millionen Euro. Stromnetzbetreiber Federal Grid Company will bis 2012 zwölf Milliarden Euro in das Erneuern der Leitungen stecken. Teile der Ausschreibung gewann Siemens.

Tausende Staatsbetriebe nutzen marode Technik

Die Krise hat Russlands Industriemanager aufwachen lassen. So ist der weltgrößte Aluminiumhersteller Rusal, der zum Imperium des Oligarchen Oleg Deripaska zählt, vor der Finanzkrise nur durch Zukäufe gewachsen. Das hat den Schuldenberg auf die Höhe eines Jahresumsatzes anwachsen lassen. „Jetzt müssen wir in Sachen Produktivität und Energieeffizienz besser werden“, sagt Wladislaw Solowjew, Vizechef des Moskauer Konzerns. Seit 2010 investiert er Millionensummen in moderne Fertigungstechnologien. Doch bei solch großen Industrieprojekten steckt der Teufel im Detail, hat Gerd Scholze festgestellt. Der Geschäftsführer der Stuttgarter Ingenieurgruppe Scholze besucht seit Monaten im Auftrag der Russisch-Deutschen Energie-Agentur (Rudea) Industriebetriebe in der Provinz und prüft, wo sich Energie sparen lässt. Sein Fazit: „Energieeffizienz ist in vielen Unternehmen noch kein Thema. Vorher müssen erst Arbeits- und Produktionsabläufe neu geplant werden.“ Bei privaten Konzernen wie Rusal mögen die Anlagen zwar halbwegs dem Stand der Technik entsprechen – bei den vielen Tausend Staatsbetrieben ist das aber nicht der Fall.

Beispiel Uralchimmasch. Die Gebäude des Maschinenbauers in der Ural-Metropole Jekaterinburg stammen zum Teil aus der Zarenzeit, Heiztechnik und Wärmeisolation auch. In den Fabriken gossen einst knapp 40 000 Arbeiter Kessel und Druckrohre, heute sind es noch 6000. Nur die Hälfte der Hallen wird genutzt, doch die gesamte Fabrik rund um die Uhr beheizt. „Wenn die Hallen eine ordentliche Dämmung hätten, würde die Temperatur darin im Winter nicht unter minus zehn Grad sinken“, sagt Scholze, der Krankenstand würde sinken. Zudem könnten Trennwände eingezogen werden, damit leer stehende Teile der Fabrik nicht beheizt werden müssten.

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