Umwelttechnologie: IT-Firmen pumpen Milliarden in grüne Technik

Umwelttechnologie: IT-Firmen pumpen Milliarden in grüne Technik

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Eine ca. 400 Quadratmeter große Solaranlage auf dem Dach der Martin-Luther-Kirche in Seckenhausen/Landkreis Stuhr dpa

von Matthias Hohensee

IT-Giganten wie Google und Intel sind auf den grünen Zweig gekommen. In keine Branche fließt derzeit soviel Risikokapital wie in Umwelttechnologien.

Google gibt sich grün. Auf dem Dach seines Hauptquartiers in  Mountain View befindet sich eine der größten Solaranlagen des Silicon Valley. Der kalifornische Sonnenstrom speist nicht nur den Campus, sondern auch die firmeneigenen Flotte von mit Akkus aufgerüsteten Toyota-Prius mit Spitznamen wie Baikal und Platano. Für Google geht es jedoch nicht nur ums Energiesparen und Image. Seine Ingenieure arbeiten an Software, die nicht nur den Energieverbrauch von Gebäuden detailliert aufschlüsselt, sondern bei Bedarf auch die geladenen Akkus von Elektrofahrzeugen als Notstromspeicher zuschaltet – ein mögliches neues Geschäftsfeld für den Internet-Konzern. Seine Gründer stecken schon seit Jahren ihr privates Vermögen in sogenannte Clean Tech-Unternehmen – vom Dünnschicht-Solarpanelhersteller Nanosolar bis hin zur Elektroautoschmiede Tesla Motors.

So wie Google loten derzeit viele Hightech-Unternehmen den Markt für grüne Technologien aus, der Anfang des Jahrzehnts vor allem in den USA als Nische bespöttelt wurde. Die Zeiten sind vorbei: Das meiste Wagniskapital wird derzeit nicht mehr in Biotechnologie, Software, Medizintechnik oder Internet investiert, sondern in Cleantech-Unternehmen. 27 Prozent des weltweiten Risikokapitals, so eine aktuelle Studie des Marktforschungsunternehmens Cleantech Group und der Wirtschaftsprüfer von Deloitte, flossen im dritten Quartal 2009 in Umwelttechnologien, gefolgt von Biotechnologie mit 24 Prozent und Software mit 18 Prozent. Von den weltweit investierten 1,59 Milliarden Dollar entfallen rund 1,1 Milliarden Dollar auf die USA.

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Nach einem Tief zieht der Markt wieder an

Für Deutschland gibt es keine Zahlen, allerdings waren es nach Angaben des Bundesverbandes deutscher Kapitalbeteiligungsgesellschaften (BVKap) im ganzen vergangenen Jahr lediglich gut 200 Millionen Euro, keine große Summe angesichts der Tatsache, dass die Bundesrepublik in Sachen Cleantech zu den weltweit führenden Nationen gehört. „Der Anteil ist äußerst gering“, räumt BVKap-Geschäftsführerin Dörte Höppner ein. „Die Anleger haben zwar das enorme Potential erkannt, aber es gibt insgesamt zu wenig Wagniskapital in Deutschland, um dieses Potential zu heben.“

Dieses Jahr ist sogar noch weniger, sowohl in Deutschland als auch weltweit. 2008 wurden im dritten Quartal 2,6 Milliarden Dollar in Umweltunternehmen gesteckt, bevor die Summe wegen der Wirtschafts- und Finanzkrise gegen Jahresende drastisch einbrach. Im Frühjahr 2009 sank sie bis auf eine Milliarde Dollar.

„Jetzt ziehen die Investitionen wieder spürbar an“, sagt Mark Heesen, Chef der National Venture Capital Association. Ermuntert werden die Geldgeber von Börsengängen wie dem des Akkuherstellers A123 Systems, aber auch großzügigen staatlichen Finanzierungszusagen. Die US-Regierung stellte kürzlich allein den Elektroautoherstellern Fisker Automotive und Tesla rund eine Milliarde Dollar an zinsgünstigen Krediten ohne nennenswerte Sicherheiten bereit, was das Risiko der Startup-Eigentümer spürbar mindert.

Intel und Applied Materials investieren besonders viel

Im privaten Sektor mischt derzeit jedoch kein Unternehmen so kräftig mit wie Intel.  Der Risikokapitalarm des Silicon Valley Chipgiganten investierte im zweiten Quartal gleich in sechs Cleantech-Unternehmen und hängte damit den Platzhirschen Kleiner Perkins ab. Intel geht es dabei nicht nur um eine gute Geldanlage, obwohl die Risikokapitalsparte dem Mutterunternehmen vor allem in den Dot.com-Hochzeiten milliardenschwere Gewinne bescherte. Der Chipgigant erhofft sich so vor allem „Zutritt zu neuen Märkten und Technologien“, sagt Vizechef  Arvid Sodhani im Interview mit der Wirtschaftswoche.

Vor allem aber verschwimmen die Grenzen zwischen sogenannten Cleantech-Unternehmen und der Computer- und Softwareindustrie. Nahezu alle  Cleantech-Startups, in die Intel Capital investiert hat, fokussieren sich auf den effektiveren Verbrauch von Strom, beispielsweise in Rechenzentren. Damit dehnt sich Cleantech auch auf den Markt für intelligente Energienetze, das sogenannten Smart Grid aus, dessen Volumen allein in den USA auf derzeit zehn Milliarden Dollar jährlich geschätzt wird.

Am weitesten hat sich Intel-Zulieferer Applied Materials in den Markt für Umwelttechnologien vorgewagt. Sein Vorstandschef Mike Splinter, ein ehemaliger Intel-Topmanager, plante ursprünglich, ähnlich wie Intel Capital mittels Risikokapitalbeteiligungen in neue Märkte vorzudringen. Die Solarbranche bot sich an.

„Als führender Hersteller von Produktionsanlagen für Chip-Hersteller hatten wir eine ganze Menge Know-How beim Verarbeiten von Silizium“, sagt Splinter. Doch dann entschloss er sich zum großen Schlag, kaufte reihenweise Solarspezialisten wie Applied Films auf und ist heute einer der größten Ausrüster für Solarpanelhersteller. Die Transformation hat sich gelohnt, während das Stammgeschäft schwächelt, wächst die Solarsparte von Applied Materials in diesem Jahr um rund 25 Prozent. Vielleicht kommt Intel ja noch stärker auf den Geschmack. 

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