Unternehmensbewertung: Wie Wissensbilanzen Unternehmen durch die Krise bringen

Unternehmensbewertung: Wie Wissensbilanzen Unternehmen durch die Krise bringen

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Aktienkurs an der Deutschen Börse: Große Unsicherheit bei den Investoren in Bezug auf die Aussagekraft von Ratings

Über die richtige Bewertung von Unternehmen herrscht in der Krise Unsicherheit. Ein Ansatz: Mehr weiche Faktoren berücksichtigen. Die „Wissensbilanz - Made in Germany“ dient hier schon länger als erprobtes Instrument.

Stromnetz, Gasnetz. Direkt vor Ort oder über weite Distanzen hinweg: Die Energie Baden-Württemberg AG (EnBW) ist als drittgrößtes deutsches Energieunternehmen breit aufgestellt. Diverse Gesellschaften bedienen innerhalb des Konzerns ganz unterschiedliche Kunden. Dabei sind die EnBW-Töchter auf das reibungslose Zusammenspiel aller Gesellschaften angewiesen. Ein Ingenieur der EnBW Regional AG, der für Strom- und Gasnetze direkt zum Endkunden zuständig ist, muss sich etwa auf gutes Netzmanagement verlassen können. Er kann seine Aufgabe nur dann gut erledigen, wenn die Abstimmung mit jenen Gesellschaften funktioniert, die für Fernleitungen zuständig sind.

Das war in der Vergangenheit nicht immer der Fall. "In den Beziehungen zu anderen Konzerngesellschaften, insbesondere der anderen Netzgesellschaften, wurden hier selbstkritisch in der Wissensbilanz 2005 Defizite ausgemacht“ , sagt Walter Böhmerle, Arbeitsdirektor und Vorstand für Personal der EnBW Regional AG.

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Weiche Faktoren werden immer wichtiger

Bei dem Energieunternehmen werden schon seit 2005 in zwölf Konzerngesellschaften regelmäßig Wissensbilanzen erstellt. Per Software gibt es dann darüber eine konzernweite Übersicht, die auch im Geschäftsbericht veröffentlicht wird. Jährlich analysiert die EnBW so die weichen Faktoren im Unternehmen. Und die Regional AG erkannte für sich: In einigen Handlungsfeldern muss sich etwas verbessern. „Wissen über das eigene intellektuelle Kapital bringt ein Unternehmen voran“, beschreibt Ulrich Schmidt, Projektleiter Wissensmanagement im EnBW-Konzern. „Und das ist auch gerade in Zeiten einer gesamtwirtschaftlichen Krise sehr wertvoll.“

Schmidt, der auch Präsident der Gesellschaft für Wissensmanagement ist, präzisiert: „Bereits kurzfristig lassen sich mit der Wissensbilanz Erfolge selbst in Krisenzeiten erzielen.“ So erlaubt die Wissensbilanz schnell, die Auswirkungen von veränderten Rahmenbedingungen zu analysieren und sich zeitnah auf diese einzustellen.

Die wirkliche Stärke entwickle die Wissensbilanz aber mittelfristig. „Unternehmen, die sich langfristig und systematisch mit ihrem intellektuellen Kapital beschäftigen und mit Hilfe der Wissensbilanz auch strategisch in die Zukunft blicken, stehen auch in Krisenzeiten stabiler da,“ meint Schmidt.

Ratings der etablierten Agenturen berücksichtigen in erster Linie harte Unternehmensfaktoren. Und stehen damit vermehrt in der Kritik. Instrumente wie die Wissensbilanz sollen nun stärker das Augenmerk auf die weichen Faktoren lenken. „Die Wissensbilanz ist eine gute Ergänzung zu den generellen Abschätzungen, die ich über ein Unternehmen mache“, so Peter Heisig, Geschäftsführer des European Research Center for Knowledge and Innovation (eureki), einer Ausgründung der Fraunhofer Gesellschaft.

Und Schmidt von EnBW: „Wir machen uns derzeit ganz konkret Gedanken dazu, wie die Ergebnisse der Wissensbilanz mit quantitativen Ansätzen der Unternehmensbewertung verzahnt werden können. Wir haben ein großes Interesse daran, dass Ratingagenturen hier zukünftig mehr ihr Augenmerk darauf richten.“ Auch Überschneidungen mit anderen Instrumenten der Unternehmenssteuerung werden bei EnBW diskutiert.

Weiche Faktoren beschreiben und bewerten

„Sinn der Wissensbilanz ist es, die weichen Faktoren zu beschreiben und zu bewerten, die sonst nicht im ersten Blick des Unternehmens sind“, beschreibt Heisig. „Die Wissensbilanz schlüsselt das Wirkungsgeflecht verschiedener weicher Faktoren auf und visualisiert die Zusammenhänge.“

Stehen so beim Unternehmen aufgrund der Wirtschaftskrise Sparrunden an, könnte die Wissensbilanz aufzeigen, wie sich generell der Wegfall einer mittleren Führungsebene auf die Unternehmensstrategie auswirkt. Die konkreten Sparpotenziale errechnet aber dann im Detail der Controller.

Das Beziehungsgeflecht zu anderen Konzerngesellschaften, analysierte die EnBW Regional AG in ihrer Wissensbilanz 2005, muss verbessert werden. Konkret: Führungskräfte und Fachpersonal wechselten von der Regional AG für eine befristete Zeit in die Holding und umgekehrt. „Auf dieser persönlichen Ebene sollten nachhaltig bessere Verbindungen geschaffen werden“, beschreibt Böhmerle den Sinn. Zwölf Monate wurde nicht nur zugeschaut, sondern mitgearbeitet. Außerdem treffen sich Verantwortliche der Gesellschaften nun in eigens eingerichteten Gesprächskreisen auf operativer Ebene. Die Wissensbilanz wird alle zwei Jahre neu erstellt, um den Erfolg der eingeleiteten Maßnahmen messen zu können. Die Wissensbilanz 2007 bestätigte den Erfolg dieser Maßnahmen: Von 30 auf 58 Prozent stieg die Bewertung dieses Bewertungsfeldes deutlich an, „und verdeutlicht auch klar den strategischen und somit auch wirtschaftlichen Vorteil, den das Unternehmen dadurch erzielt“, so Böhmerle.

Mehr zum Thema

www.akwissensbilanz.org: Der Arbeitskreis Wissensbilanz fördert die wissenschaftliche Weiterentwicklung und die breite praktische Anwendung der Wissensbilanz als strategisches Managementinstrument.

www.wissensmanagement-gesellschaft.de: Die Gesellschaft für Wissensmanagement beschäftigt sich mit auch mit der Implementierung von Wissensmanagementsystemen in Unternehmen

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