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Unternehmensinsolvenzen: Die Pleitewelle rollt

von Dieter Fockenbrock Quelle: Handelsblatt Online

Bislang hat die Pleitewelle vor allem größere Unternehmen mitgerissen, doch nun droht vielen kleinen und mittelgroßen Firmen die Luft auszugehen. Experten sind sich einig: Im Spätherbst, nach den Wahlen zum Bundestag, dürfte eine Welle an Unternehmensinsolvenzen die deutsche Wirtschaft überfluten.

Bislang hat sich der Mittelstand gut gehalten. Doch zieht die Wirtschaft in den nächsten Quartalen nicht spürbar an, wird die Insolvenzwelle auch auf kleine und mittlere Unternehmen übergreifen. Quelle: Caepsele Quelle: handelsblatt.com
Bislang hat sich der Mittelstand gut gehalten. Doch zieht die Wirtschaft in den nächsten Quartalen nicht spürbar an, wird die Insolvenzwelle auch auf kleine und mittlere Unternehmen übergreifen. Quelle: Caepsele Quelle: handelsblatt.com

DÜSSELDORF. Treffen wird es dann auch kleine bis mittelgroße Unternehmen, die unter anderem als Folge des rigiden Sparkurses vieler Großkonzerne Aufträge verlieren - und deshalb erst mit Verzögerung Opfer der Wirtschafts- und Finanzkrise werden.

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Die Lage ist schon jetzt viel kritischer, als es die Prognosen signalisieren. So rechnet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform zwar mit einem mäßigen Anstieg der Unternehmenspleiten um 14 Prozent auf etwa 35 000 Fälle in diesem Jahr.

Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Denn die Zahl der betroffenen Arbeitnehmer wächst überproportional. Das zeigt das rasante Wachstum des Insolvenzgeld-Etats der Bundesagentur für Arbeit (BA): Bis Juli hatte die Behörde mit 800 Mio. Euro schon doppelt so viel Insolvenzgeld ausgezahlt wie im Vorjahreszeitraum. Bis Jahresende kalkuliert die BA mittlerweile Ausgaben von 1,4 Mrd. Euro - aber vermutlich wird auch das nicht reichen.

Mit 173 000 Anträgen auf Insolvenzgeld hat die Zahl der neu von einer Pleite betroffenen Arbeitnehmer schon im Juni zwei Drittel des Jahres 2008 erreicht. Die Sommermonate werden jeden Rahmen sprengen. Denn die Megapleite von Arcandor mit 45 000 Beschäftigten ist in dieser Statistik noch gar nicht enthalten. Allein der Essener Handelskonzern (Karstadt, Quelle) kostet die BA rund 250 Mio. Euro für die Monate Juni, Juli und August. Insolvenzgeld wird auf Antrag als Lohn- und Gehaltsersatz maximal drei Monate durch die Bundesagentur gezahlt. Das entlastet die Unternehmen und schafft finanziellen Spielraum für ihre Sanierung.

Bis heute hat die Pleitewelle vor allem größere Unternehmen mitgerissen. Automobilzulieferer wie zuletzt Kögel (1 150 Beschäftigte) oder Edscha (5 200) mussten zum Insolvenzgericht, weil sie kaum noch Aufträge bekamen. Kögel etwa verbuchte innerhalb von zwölf Monaten ein Minus von 90 Prozent.

"Der Mittelstand hält sich dagegen bislang sehr gut," sagt Frank Kebekus, Vorsitzender des renommierten Gravenbrucher Kreises von Insolvzanwälten. Vor allem eine solide Eigenkapitalausstattung habe diese Unternehmen bislang vor der Pleite bewahrt. "Viel Luft ist allerdings jetzt nicht mehr. Zieht die Wirtschaft in den nächsten ein, zwei Quartalen nicht spürbar an, wird die Insolvenzwelle von den Großunternehmen auch auf den Mittelstand übergreifen", fürchtet Kebekus. Er verwaltet etwa den Leverkusener Bremsbelagproduzenten TMD Friction (4 500 Mitarbeiter), einer der ersten großen Pleitefälle in der Zulieferindustrie. TMD und Teile von Edscha haben inzwischen Käufer gefunden.

Auch Creditreform fürchtet eine zunehmende Zahl von Pleiten in den nächsten Monaten. "Gemessen am Einbruch des Auftragseingangs der Industrie müsste die Welle im Herbst kommen", sagt deren Experte Michael Bretz. Die Unternehmen geraten mit Zeitverzug in Schwierigkeiten, weil alte Aufträge erst noch abgearbeitet werden können. "Früher lag der Verzögerungseffekt bei ein bis zwei Jahren, heute eher unter einem Jahr", hat Bretz festgestellt. Ein Jahr ist es gerade her, dass die Folgen der Finanzkrise erstmals in der Realwirtschaft deutlich wurden.

"Die eher exportabhängigen Mittelständler hat es zuerst getroffen", sagt Volker Treier, Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). "Jetzt kommen verstärkt die binnenmarktorientierten kleineren Firmen in Bedrängnis." Ein typischer Nachlaufeffekt in Zeiten der Rezession, der diesmal besonders heftig ausfällt. Weil viele der großen Konzerne ihre Kosten zusammenstreichen, trifft es nicht mehr nur ihre Zulieferer, sondern immer stärker auch die Dienstleister. Am Ende steht die kleine Werbeagentur oder die Reinigungsfirma vor dem Aus. "So rollt die Rezession durch die Unternehmenslandschaft", sagt Bretz.

Selbst Unternehmen, die nicht von der Pleite bedroht sind, müssen die Lasten mittragen. Denn das Insolvenzgeld wird als Umlage bei der Wirtschaft wieder eingesammelt. Gesetzlich festgelegt wurden vor vielen Monaten für dieses Jahr 0,1 Prozent der Lohnsumme. Gebraucht würde aber ein Mehrfaches. Ende Juni war die Insolvenzgeldkasse der BA längst leer, die Mittel werden jetzt durch Steuern gedeckt. Die Regierung muss nach den Wahlen festlegen, ob und wie sie sich das Geld im kommenden Jahr zurückholt. Der DIHK warnt deshalb bereits vorsorglich vor den Belastungen, die dadurch auf die ohnehin strapazierten Unternehmen zukommen könnten.

Zumal auch der Pensionssicherungsverein (PSV) angekündigt hat, seine Umlage zur Absicherung der Betriebsrenten von knapp 0,2 auf bis zu 0,8 Prozent des Kapitalwerts der Betriebsrenten zu erhöhen. Allein die Arcandor-Insolvenz schlägt mit vermutlich zwei Mrd. Euro zu Buche.

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