Unternehmensnachfolge: Frauen am Steuer

Unternehmensnachfolge: Frauen am Steuer

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Ferdiand Piech, Aufsichtsratsvorsitzender von VW und Ehefrau Ursula

von Franz W. Rother, Dieter Schnaas, Andreas Wildhagen, Peter Steinkirchner und Hans-Jürgen Klesse

Wie Frauen das unternehmerische Erbe ihrer Männer fortführen – und aus dem Schatten ihrer Gatten heraus die Schalthebel der deutschen Wirtschaft bedienen.

Der Aufstieg von Ursula Plasser aus Braunau in Oberösterreich beginnt in den Weihnachtsferien 1982 auf einer Steilstrecke in der Nähe der Berghütte von Ferdinand Piëch. Der 45-jährige Automanager ist damals Technikvorstand bei Audi, er hat neun Kinder mit drei Frauen, fünf aus einer "Jugend-Ehe", wie er es nennt, zwei mit Marlene Porsche, mit der er so gerade noch zusammenlebt und auf einen "unvermeidlichen Showdown" zusteuert, zwei weitere, "die aus einer anderen Connection entstammen". Ferdinand Piëch, soeben genesen von einer Nierenkolik, unterweist die neue "Gouvernante", die sich einem Inserat gemäß durch ihre "Selbständigkeit" und "Mobilität" auszeichnen soll, im Allradfahren: "Ich ließ die Probandin an der steilsten Stelle, immerhin 17 Prozent, anhalten und wieder anfahren", schreibt Piëch in seiner "Auto.Biographie" und: "Zweimal würgte sie den Motor ab, und ich schmunzelte. Da hatte ich schon so irgendein Gefühl."

Das Gefühl hat ihn offenbar nicht getrogen. Das "neue Mädchen" erweist sich im Alltag als "fröhlich", sie hat "eine wunderbare Art, mit Kindern umzugehen", zeichnet sich durch "heitere Natürlichkeit" aus. Im September 1984 ist Hochzeit, die "neunzehn Jahre Altersunterschied und die drei Kinder unserer Ehe" halten Piëch auf Trab, das Familienleben macht ihn "ausgeglichener und lockerer".

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Ursula Piëch tritt aus dem Schatten des Ehemannes

Die Gattin hält dem fleißigen Ferdinand über all die Jahre den Rücken frei, er arbeitet viel, sicher, aber man freut sich auf die Wochenenden, den Urlaub und genießt den Luxus eines gemeinsamen Frühstücks: "Mit ruhiger Bestimmtheit schützte meine Frau unseren Mikrokosmos, und mir gefiel das gut."

Und doch fängt Ursula Piëch irgendwann an, aus dem Schatten ihres Mannes herauszutreten, ihre Rolle an seiner Seite zu interpretieren, ihm auch in beruflichen Dingen eine instinktsichere Ratgeberin zu sein. Umgekehrt lernt Ferdinand Piëch seine neue Partnerin immer mehr schätzen, so lange, bis er schließlich beginnt, sie auf unternehmerische Aufgaben vorzubereiten – und sie zu seiner Nachfolgerin aufbaut.

Ursula beugt sich mit ihrem Mann über Akten, eignet sich ein tiefes Wissen über die Besonderheiten des VW-Konzerns an, versenkt sich in Details der Automobiltechnik – und lenkt bald Bentleys, Bugattis, Ferraris und Ducatis genauso gekonnt wie ihr Ferdinand. Die strategischen Überlegungen ihres Mannes seien ihr heute genauso vertraut wie die Modellplanung des Konzerns, weiß ein Vertrauter des Ehepaars: „Ich bin mir sicher, dass sie neun von zehn Fragen zum Thema Auto genauso beantworten würde wie ihr Mann.“

Gattinnen reifen zu Unternehmerinnen

Vor allem aber lernt Ursula Piëch von ihrem Mann, Sätze zu sagen, die die Wirkung von Fallbeilchen haben. "Nennen Sie mir einen Audi, den Sie aus ganzem Herzen kaufen würden", sagt sie 2001 einem Journalisten – ein paar Wochen später muss der damalige Audi-Chef seinen Hut nehmen.

Es sind Sätze, wie sie Ferdinand Piëch liebt, die ihn lächeln machen – und die er selbst gerne fallen lässt, wann immer sich ihm eine Gelegenheit bietet. Niemand im Konzern zweifelt daher daran, dass Ursula Piëch das Volkswagen-Imperium ganz im Sinne ihres Mannes und im Interesse der Familie lenken könnte – nicht einmal Piëch selbst.

In Wolfsburg war man jedenfalls kaum überrascht, als bekannt wurde, dass Piëch seine Anteile an VW und Porsche in zwei Stiftungen ("Ferdinand Karl Alpha" und "Ferdinand Karl Beta") eingebracht hat, denen er selbst vorsteht – und die seine 19 Jahre jüngere "Uschi" steuern wird, wenn er einmal stirbt.

Ursula Piëch reiht sich damit ein in die lange Liste der berühmten Erbinnen, die in wichtigen Konzernzentralen Deutschlands das Sagen haben, die oft aus kleineren Verhältnissen entstammen und durch einen glücklichen Zufall mit der großen, weiten Welt globaler Unternehmen vertraut wurden. Die irgendwann aus der Rolle der Gattin fielen und zur Unternehmerin reiften, aus eigenem Antrieb oder schierer Notwendigkeit, die an ihren Patriarchen wuchsen, mit ihnen, gegen sie – und manchmal sogar weit über sie hinaus.

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