Unternehmerporträt: Winzer - wie es ihm gefällt

Unternehmerporträt: Winzer - wie es ihm gefällt

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Winzer Martin Tesch

Drehverschlüsse statt Korken, schwarze Flaschen mit bunten Etiketten, Rieslinge unplugged – Winzer Martin Tesch macht Wein, wie es ihm gefällt.

An der Durchfahrtsstraße von Langenlonsheim, der Naheweinstraße, zeigt sich die Weinromantik von ihrer eher nüchternen Seite. Nicht zu vergleichen mit der von Sagen umwobenen Rheinatmosphäre in Bacharach oder der Hutzeligkeit der nahen Moselorte wie Bernkastel-Kues. An vielen Häusern stehen die Namen weitgehend unbekannter Winzer. An dem Haus schräg gegenüber der Dorfsparkasse und direkt gegenüber eines Parkplatzes hängt nur ein kleines blaues Viereck. „99 Tesch“ steht an der gemauerten fast hanseatisch nüchternen Fassade. Hier versteckt sich ein Weingut, das für seine Flaschen einen Designpreis gewonnen hat und über das die Kritiker des Gault Millau urteilen: „Bei Tesch in Langenlonsheim ist alles anders.“

Dass alles anders ist, dafür ist Martin Tesch verantwortlich. Doktor der Naturwissenschaften, Fachbereich Mikrobiologie. Mit 15 ist er hier fortgezogen aus der Stille von Langenlonsheim, die sich weiter weg vom Leben einer Stadt anfühlt, als es die Entfernung von 40 Kilometern nach Mainz ahnen lassen. In einer Jesuitenschule in Bonn, die er sich selber aussuchte, fand Tesch den Halt, den er suchte. Abitur, Studium. „Alles, was lebt, interessiert mich“, sagt der 40-Jährige. Oder auch das, was inzwischen tot ist. Als Kind schon die Haifischzähne, die im Boden lagen, als Erwachsener die Jagd.

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Das Weingut, das seine Vorfahren 1723 gegründet hatten, kümmerte in dieser Zeit vor sich hin. Zwar zählten zu dem Besitz von Beginn an einige der besten Lagen im Anbaugebiet Nahe. Doch sein Vater Hartmut Tesch war hauptberuflich in einer anderen Branche tätig, die Verarbeitung der Trauben von den gut 30 Hektar war Nebensache, wie bei vielen Winzern in der Gegend. Die Palette war ein Sammelsurium, Riesling von trocken bis edelsüß, Gewürztraminer und auch destillierte Brände.

Eine Ausgangslage, wie sie ähnlich heute viele junge Winzer vorfinden, wenn sie den elterlichen Betrieb übernehmen. Viele sind erfolgreich, werden als Aufsteiger von den Kritikern rasch wahrgenommen. Viele stoßen Neues an, brechen mit Traditionen, aber versuchen, die Brücken nicht abzubrechen. So konsequent wie Tesch hat keiner sein Weingut umgestellt. Auch wenn es erst nicht danach aussah, dass er überhaupt Winzer wird.

Erst 1997 entschloss sich Martin Tesch die wissenschaftliche Laufbahn zu verlassen und heimzukehren nach Langenlonsheim. „Ich war für eine Karriere dort nicht geeignet“, sagt Tesch, der als Wissenschaftler zuletzt in Jülich Projekte managte. Der Wissenschaftsbetrieb gefiel ihm nicht. Kaum hatte der damals 29-Jährige von Vater Hartmut die Verantwortung übernommen, griff er zur Motorsäge. Rund ein Drittel der Rebflächen wurden stillgelegt und Tesch setzte alles auf eine Karte: Riesling. Vor 2000 Jahren kamen die Römer und pflanzten die ersten Reben, nach dem 30-jährigen Krieg verordnete der Mainzer Erzbischof, dass in der Region nur Riesling angebaut werden dürfe. Das Weingut Tesch besitzt die älteste Rieslinglage der Nahe, die stillgelegten Flächen sind die Reserve für weitere Expansion.

Der Dornröschenschlaf des Betriebes entpuppte sich als Glücksfall für Martin Tesch, denn viele Moden der Weinbauern, die später mehr Freiheiten genossen, hatte Teschs Vater nicht mitgemacht. Die Rieslingreben wurden gepflanzt zwischen 1968 und 1972. Sie haben ihre Wurzeln metertief in Lößlehm mit Muschelkalk, Tonböden mit Flusskies oder rote Sandsteinverwitterung geschlagen. Auf dem Weg in die Traube nimmt das Wasser so viel Geschmacksstoffe mit, dass Tesch überzeugt ist, allein damit solle sein Riesling glänzen.

Also ließ er seine Weine vollständig vergären. So wenig Restzucker wie möglich, so trocken, wie es irgend geht. Mit den fruchtigen Attributen, für die schwere deutsche Rieslinge oft gefeiert werden, kann Tesch nichts anfangen. Auch das übliche Süß-Säure-Spiel soll nicht in seine Flaschen. Stattdessen geradlinige Mineralität, die Unterschiede macht die Erde.

2001 füllt er erstmals einen Wein in eine Flasche, die der Geschichte des Weinguts die entscheidende Wende gibt: den un-plugged. Stecker raus, ohne Verstärker, handgemacht, so schickte einst der Musiksender MTV die ganzen lärmenden und krachenden Musiker auf die Bühne und ließ ihnen nichts außer Barhockern und Akustikgitarren. Besinnung aufs Handwerk, aufs Wesentliche. Das war auch das Programm für den Riesling unplugged. Nur verstehen wollte das erst keiner. Auch Vater Hartmut rätselte in einem sieben Seiten langen Brief über den Begriff und versuchte zu erklären, was er damit verbinde. „Da war schon vieles richtig dran.“ Langjährige Käufer wandten sich verständnislos ab: 40 Prozent der Kundschaft ging verloren. Benachbarte Winzer tuschelten, Weinkritiker mäkelten.

Aber Tesch hielt das alles nicht ab, machte Werbung für sein Kind, provozierte bei der Frage nach der passende Speise zu seinem Wein mit der Antwort „Erdnüsse“. Später kommen die Weine von fünf seiner besten Lagen dazu. Ein Sortiment von sechs Weinen, die das Rückgrat des Umsatzes bilden. Jede Lage bekommt eine Farbe, die Kapsel und Etikett dominieren. Die Farben sind an denen des Plans der Londoner U-Bahn angelehnt. Deren Planer wüssten, wie man auf die Schnelle Unterschiede erkennen kann. Der unplugged wird Schwarz wie die Northern Line, die Lage Königsschild blau wie die Victoria Line: „Feine Unterschiede brauchen eine starke Kennzeichnung“, sagt Tesch. Der Adler, das Logo des renommierten Verbandes der Prädikatsweingüter, dem Tesch angehört, schimmert auf den Metallkapseln teils in grellen Farben. Sie wirken umso stärker, weil die Flasche schwarz ist. Kein Schimmer geht hindurch. Für die Gestaltung, die Tesch mit Grafikdesignern ausheckte, wurde das Weingut vorgeschlagen für den Designpreis 2008 der Bundesrepublik Deutschland, 2006 bekam Tesch bereits den Red Dot Award verliehen, eine Auszeichnung für gelungenes Produktdesign. Als erstes Weingut Deutschlands.

Und doch ist Teschs Geschichte keine, die nur nach oben führt. Sein Durchhaltewillen erzeugte Opfer. Seine alten Kunden. Nach den Kunden, die wegen des unplugged nicht mehr bestellten, gingen weitere 20 Prozent stiften nach der Entscheidung alle Weine nur noch trocken auszubauen, weitere 10 bis 15 Prozent, als er das Farbsystem einführte und noch mal 15 Prozent nach der Einführung der Drehverschlüsse, die sämtliche Korken ersetzten. „Tesch dreht auf“, nannte er das frech und zeigte Liegestühle unterm Sonnenschirm, wo sich der Korken jetzt mal erholen könne.

Kollektion der Tesch-Rieslinge Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Kollektion der Tesch-Rieslinge

Bild: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

„Wein ist hoch emotional“, weiß Tesch, der nicht leichtfertig provozieren will. Er möchte sein Konzept bis ins Detail durchziehen und raus aus der Weinszene und ihren Mythen. Dafür setzt er beim Marketing auch auf die Nähe zur Rockmusik. Beim Festival Rock am Ring bekamen die Künstler den unplugged, mit dem Gitarrenhersteller Gibson ging er auf Deutschlandtournee, Weinprobe mit anschließendem Rockkonzert, eines beendete die Polizei, weil Nachbarn sich beschwerten.

Tesch fand mit diesen Dingen neue Fans und Freunde, jene Menschen, die den Wein, aber weniger seine begleitenden Konventionen schätzen. Sein Wein ist auf fünf Kontinenten zu bekommen, in London schenkt das einzige indische Restaurant mit einem Michelin-Stern seine Weine aus. Der Sommelier kam extra angereist, um das Geheimnis des Herrn Tesch zu erforschen. Genau wie Studenten der Londoner School of Economics, die das Weingut als Thema ihrer Masterarbeit wählten und verdutzt konstatierten, dass das Ergebnis erschütternd sei, denn es gäbe definitiv keine Strategie. „Im Prinzip machen wir Wein, wie ihn mein Großvater schon gekeltert hat.“

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