Naja, man verdient 8000 Euro, fährt ein schönes Auto, zweimal im Jahr in Urlaub… Okay, jetzt werden sie ironisch. Aber im Ernst: Wollen Sie mir weismachen, dass man sich als Mitarbeiter identisch fühlen und herzlich freuen kann, wenn der Arbeitgeber seinen Quartalsgewinn zum achten Mal in Folge gesteigert hat? Nein, das geht nicht auf. Ein Arbeits-Ich und ein Feierabend-Ich, wie soll das gehen? Künstler sind darum immer auch solche, die gar nicht wissen, ob sie gerade arbeiten oder nicht. Wir arbeiten immer oder nie. Könnte es sein, dass in Ihrer Einstellung zur Wirtschaft und Ihrer Sprache eine grundsätzliche Abneigung gegen den Homo oeconomicus steckt? Mag sein, obwohl mein Sozialneid gering ist, denn ich verdiene gut. Das meinen wir nicht, uns geht es um das Verhältnis des Schriftstellers zur Denkweise der Wirtschaft und zu ihrem Habitus. Naja, natürlich, da spielt sicher auch meine persönliche Geschichte mit. Ich komme aus einem bürgerlichen Haus, Bücher statt Geld, mein Vater war Kommunist, dann, ab etwa 1950, ein kritischer Beobachter aller Politik, auch der linken. Ich war dann in den späteren Sechzigerjahren der deutschen Linken nahe. Das hinterlässt natürlich Spuren im Denken, bis heute. Ich möchte politisch teilhaben an dieser Gesellschaft. Also auch dabei sein, wenn es um den Zugang zur Macht geht. Künstlern geht es selten um Macht. Es geht um Freiheiten. Aber wir halten uns oft nolens volens in der Nähe des Geldes auf, in der Nähe der Macht. Wir haben keine sauberen Hände. Aber wir haben immerhin die Chance, dem beschädigten Leben den Spiegel vorzuhalten. Diese Chance nutze ich. So wie das Establishment sich Künstler hält, die sie in ihren heiligen Hallen ausstellen lässt, so hält es sich also auch den Urs Widmer als Narren vom Dienst… Schön wär’s. …und in Ihren subventionierten Theatern lässt es Stücke wie „Top Dogs“ spielen… Also erstens ist es für einen Maler nicht ehrenrührig, wenn er von der UBS oder der Deutschen Bank gesammelt wird. Zweitens habe auch ich schon einmal beim Züricher Rotary-Club einen Vortrag gehalten. Am Paradeplatz, wo sonst. Im Publikum saß zusammengenommen Privatvermögen von geschätzten zwei Milliarden Euro. Zur Belohnung bekam ich zwei Flaschen mittelprächtigen Weins. Kann die Literatur Menschen, die sich im Netz der Arbeitswelt verheddert haben, eine lebensöffnende Perspektive bieten? Das kann sie, ja, sie kann den Menschen das Angebot einer Ursprünglichkeit der zweiten Art machen. Die erste Ursprünglichkeit, die nicht kulturell vermittelte, ist eine Fiktion, von der zu träumen dennoch schön ist. Wie die nackten Göttinnen und Götter Griechenlands auf den weißen Uferfelsen saßen und in unendlicher Muße übers tiefblaue Meer hinsahen... Es gibt Leute, die behaupten, man bräuchte die Literatur nicht – eben weil sie keine Eindeutigkeit herzustellen vermag. An diese Leute sei die Frage gerichtet: Wieso denn ist die Wirtschaftswelt emotional so karg? Dermaßen spracharm? – Ihr gegenüber steht eine Literatur, die von der Sprache des Mainstreams schon deshalb abweicht, weil die Dichter gar nicht anders können. Literatur ist Sprachabweichung. Weshalb sie sich ständig der Gefahr aussetzt, nicht verstanden zu werden – und nicht verstanden werden zu wollen. Es gibt Dichter, die so sehr vom Mainstream abweichen, dass man sie nicht mehr versteht. Der späte Hölderlin. Diese Dichter sind in unseren Augen dann verrückt. Ver-rückt. Es geht also in der Literatur darum, die rechte Balance zwischen Sprachabweichung und gelingender Kommunikation zu finden. Wir wollen ja schließlich verstanden werden. Pathetisch gesagt: Es ist für eine Gesellschaft überlebenswichtig, dass jemand ihr ihre Geschichten erzählt. Sei es in Büchern oder in Filmen, Bildern, Fotografien, Musikstücken – Geschichten müssen sein. Warum? Weil sie uns eine Ahnung von unseren verpassten Möglichkeiten vermitteln? Weil sie uns weh tun? Sicher auch das. Vor allem aber, weil sie Trost spenden. Du bist nicht allein mit deinen lichten und eben auch schwarzen Gedanken und Gefühlen. Und Geschichten zeigen, dass die Sprache der Ökonomie die Sprache der wirklichen Welt nie endgültig in den Griff bekommen kann.
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