Ursula von der Leyen im Interview: "Elterngeld flexibilisieren"

Ursula von der Leyen im Interview: "Elterngeld flexibilisieren"

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Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen

Familienministerin Ursula von der Leyen wünscht sich von der Wirtschaft die Kampagne „Mit Teilzeit durch die Krise“. Zielgruppe: vor allem die Männer.

WirtschaftsWoche: Frau von der Leyen, in den USA ziehen Menschen, die Haus und Job verloren haben, zurück zu den Eltern. Läuft es gut, braucht man sie nicht, läuft es schlecht, wird ihr Wert neu entdeckt. Ist die Familie nur ein Notnagel?

Von der Leyen: In Zeiten der Unsicherheit, wie wir sie durchmachen, besinnt man sich auf Dinge, die man beeinflussen kann. Dazu gehört an vorderster Stelle die Familie. Das heißt nicht, dass die Familie vor drei Jahren weniger wert war. Aber heute ist das Bewusstsein größer, wie kostbar dieser Zusammenhalt zwischen den Generationen ist. Allen Unkenrufen über den Generationenkrieg zum Trotz belegen Umfragen ein entspanntes Verhältnis zwischen Großeltern, Eltern und Kindern.

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Eigene Kinder sind zur Altersversorgung nicht mehr nötig. Hat der Sozialstaat die Familie überflüssig gemacht?

Früher musste man viele Kinder bekommen und hoffen, dass im Alter einige für die Eltern sorgen. Heute setzt niemand mehr aus finanziellen Gründen Kinder in die Welt. Aber es gibt eine zutiefst menschliche Komponente, die bleibt aktuell: Wer ist bei mir, wenn ich alt bin? Im Alter gibt es zwei Währungen: den Euro und die Emotion – die Wärme, das Zwischenmenschliche. Familie heißt: Wir stehen füreinander ein. Die Jungen für die Alten, wenn nach einem Schlaganfall die Wohnung neu organisiert werden muss. Und umgekehrt, wenn es mal mit einer Rate für des Haus klemmt und gleichzeitig die Waschmaschine kaputtgeht. Eines ist klar: Je ungewisser das Materielle, desto wichtiger wird das Emotionale.

Emotion hilft in der Krise wenig. Verlässt sich der Staat heute darauf, dass sich die Familie untereinander auch finanziell hilft?

Ja, und auf diesem Prinzip der Subsidiarität ist unser Staatswesen immer schon aufgebaut. Selbstverständlich kommen Eltern zunächst für ihre Kinder auf und umgekehrt. Der Staat hilft, wenn Menschen sich nicht selber helfen können.

Sie möchten Akademikerinnen zum Kinderkriegen animieren. In Krisen verzichten sie als Erste auf Nachwuchs. Was tun?

Ich rate allen Frauen zu Selbstbewusstsein! Die Krise wischt den Fachkräftemangel nicht weg, sie verstärkt ihn. Jetzt geht es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Krisenzeiten. Deshalb habe ich vorgeschlagen, das Elterngeld zu flexibilisieren. Bisher sind Elterngeld und Teilzeit wenig attraktiv, weil man trotz Teilzeitarbeit einen ganzen Elterngeldmonat verbraucht. Das will ich in der nächsten Legislatur ändern. So kann eine Ingenieurin, statt mehrere Monate voll auszusteigen, in Teilzeit im Projekt bleiben: Sie hat länger den Teil‧elterngeldanspruch als Einkommensausgleich und Zeit für das Baby. Der Betrieb kann sparen, aber behält seine Fachkraft.

Planen Sie schon eine Kampagne „Mit Teilzeit durch die Krise“?

Die Kampagne wäre doch was für die Wirtschaft! Bisher verschenken wir Potenzial, weil Teilzeit noch eher geächtet wird. Vormittags, weiblich, Karriere tot – das ist bisher das Stigma! Teilzeit in anderen Ländern heißt, auch mal 60, 70 oder 80 Prozent, oder drei volle Tage und zwei freie, Weiterbildung, Karriereoptionen – dann wird Teilzeit attraktiv, auch für Männer.

Gleichzeitig plädieren Sie für günstige Familienzeitkredite – was Frauen suggeriert: Bleibt zu Hause, dann gibt es billig Geld vom Staat.

Falsch. Es geht nicht ums Zuhausebleiben, sondern um das Sich-Kümmern. Das darf nicht zum unerschwinglichen Luxus werden. Wer beruflich kürzertreten will, um die Einschulungsphase des Kindes zu begleiten oder weil der Schulabschluss des Teenagers gefährdet ist, braucht Zeit und finanzielle Überbrückung. Das kann ein Familienzeitkredit leisten, der zu guten Zeiten zurückgezahlt wird. Wie beim bewährten Konzept des Bildungskredites.

Wirtschaftsforscher Ulrich Blum schlägt drei Jahre Kündigungsschutz für Eltern vor – die sollen die Krise zum Kinderkriegen nutzen. Was halten Sie davon?

Gar nichts. Aber Kinder trotz Krise ist immer richtig.

In den meisten Familien sind die Männer die Hauptverdiener. Frauen arbeiten oft auf Steuerklasse V für wenig Geld.

In jeder fünften Familie ist die Frau Haupternährerin. „Schatz, bleib doch zu Hause, es lohnt sich nicht“ – das ist nicht mehr die Realität der breiten Masse.

Ändert die Krise die Rollen, weil Männer-Jobs eher wegfallen als die der Frauen?

Dieser Trend hat längst eingesetzt und wird durch die Krise verstärkt. Es sind die Industriearbeitsplätze, die wegfallen. In Dienstleistungen und sozialen Berufen, wo typischerweise Frauen arbeiten, ist die Nachfrage ungebrochen. Ein Indiz dafür ist auch, dass sich immer mehr Frauen aus dem Hausfrauendasein heraus auf Jobs bewerben – in der Gewissheit: Zwei Einkommen sind in Krisenzeiten besser als eines.

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