US-Autoindustrie: Showdown in Detroit

US-Autoindustrie: Showdown in Detroit

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Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat Mitt Romney bei der Auto Show in Detroit

Übles Timing für die Detroit Motorshow: Während US-Automanager ihre neuesten technischen Errungenschaften vorführen, finden im Bundesstaat Michigan ausgerechnet heute Vorwahlen der Republikaner statt. Die Favoriten Mitt Romney und John McCain streiten nun öffentlich darüber, ob die Umweltpläne der Präsidentschaftskandidaten die US-Autoindustrie umbringen.

Markige Sprüche und bemühte Aufbruchsstimmung gehören ebenso zum Autosalon in Detroit wie die Präsentation der neuesten Pickup-Generation. Doch in diesem Jahr ticken die Uhren in Detroit ein wenig anders: Ford, Chrysler und General Motors entdecken plötzlich ihre Freude am Benzinsparen – und Politiker liefern sich einen öffentlichen Schlagabtausch über die Zukunft der US-Autoindustrie.

"Ich habe Michigan im Herzen und Autos im Blut," verkündete Mitt Romney, einer der Favoriten unter den republikanischen Präsidentschaftskandidaten, gestern vollmundig. Romney liefert sich in Michigan ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit John McCain. Der Vorsprung des in Michigan geborenen Romney ist in den letzten Umfragen deutlich zusammengeschmolzen – und deshalb kämpft Romney sichtlich um jede Wählerstimme in Michigan.

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Zu seinem politischen Programm gehört neuerdings ein Plan zur Belebung der darniederliegenden US-Autoindustrie. Romney will die Bundesförderung für Forschung im Energie- und Automobilbereich glatt auf 20 Milliarden Dollar verfünffachen. Er macht sich für eine grünere, forschungsintensive amerikanische Automobilbranche stark. Öffentlich prangert er die Belastungen der Detroiter Autobauer durch US-Bestimmungen für umweltfreundlichere Kraftstoffe an. Die Regelungen haben sich in enormen Ausgaben für Schadenersatz niedergeschlagen, behauptet Romney - und deshalb brauche die Branche Bundesförderungen.

Das kommt gut an in Detroit, einer der bedeutensten Städte Michigans. Denn die Autometropole, von Amerikanern auch „Motown“ genannt, leidet unter dem Niedergang der US-Autobauer. Die Arbeitslosenrate in Detroit liegt bei 7,6 Prozent, deutlich über dem bundesweiten Durchschnitt von 4,7 Prozent. In den letzten Jahren sind zehntausende Jobs in Detroit weggebrochen. In den Armutsstatistiken sinkt die Stadt weiter und weiter ab.

Den rosigen Aussagen von Romney gegenüber steht John McCain, Vietnamveteran und Präsidentschaftskandidat. Nach seinem Überraschungssieg bei den Vorwahlen in New Hampshire gehört der Siebzigjährige wieder zum Kreis der republikanischen Favoriten. Er wolle den Leuten nichts vormachen, sagte McCain wiederholt. Die Jobs in der Detroiter Autoindustrie seinen unwiderruflich verloren.  „Michigan hat eine leuchtende Zukunft vor sich. Aber diese lässt sich nicht erreichen, indem man versucht, die Vergangenheit wiederauferstehen zu lassen,“ sagt Cain.

Doch die Republikaner sind längst nicht die einzigen, die mit Umweltplänen bei den Wählern punkten wollen. Bei den Demokraten etwa setzt Barack Obama auf die Symbolkraft der Eskimos, um für seine Umweltpläne zu werben.

Die Eskimos von Shishmaref haben lange durchgehalten. 4000 Jahre trotzten die Einwohner des 600-Seelen-Dorfes im unwirtlichen Nordwesten Alaskas der Kälte und dem Hunger. Auf einer schmalen Landzunge wohnten sie direkt am Meer – bis der Klimawandel die schützenden Eismassen an der Küste wegschmelzen ließ. Die Folge: Sturmfluten rissen Dutzende Häuser ins Meer. 2002 mussten die Eskimos ihr Dorf aufgeben.

Jahre später sollten die Ureinwohner an der Beringstraße einen prominenten Fürsprecher bekommen: Barack Obama, demokratischer Senator aus Illinois und einer der aussichtsreichsten Kandidaten für das Präsidentenamt in den USA. „Shishmaref war erst der Anfang“, warnte Obama in einer flammenden Wahlkampfrede. „Das Schicksal dieses Dorfes war das Vorzeichen eines beängstigenden, globalen Phänomens: vom Menschen verursachte Katastrophen.“ Und er folgerte: „Wir müssen uns deshalb auf zwei Dinge konzentrieren: die Autos, die wir fahren, und den Sprit, den wir nutzen. Wenn wir die Tyrannei des Öls beenden wollen, müssen wir bei den Autos anfangen.“

Die Präsidentschaftsvorwahlen in den USA entwickeln sich zunehmend zur Bühne, auf der auch die Vorentscheidung über die Zukunft der nordamerikanischen Autoindustrie fällt. Allen voran überbieten sich die demokratischen Kandidaten mit Plänen, die Autoindustrie zum Bau sparsamerer und klimafreundlicherer Fahrzeuge zu zwingen. Aber auch in den Reihen der Republikaner finden sich inzwischen scharfe Kritiker der PS-Branche. Damit lautet die heißeste Frage der Automesse in Detroit, die in dieser Woche ihre Pforten öffnet: Wer wird in den Vorwahlen des Präsidentschaftswahlkampfes siegen – und was bedeutet das für die angeschlagenen amerikanischen Hersteller?

Die Vorschläge der Präsidentschaftskandidaten treffen die US-Autoindustrie in der schwierigsten Lage ihrer Geschichte. Eine verfehlte, auf Spritfresser zielende Modellpolitik, mörderische Rabattschlachten und milliardenschwere Pensionslasten haben Ford, General Motors (GM) und Chrysler in eine lebensbedrohliche Krise gestürzt. Kommen nun noch neue Umweltauflagen hinzu, droht den einstigen Industrie-Ikonen Amerikas der totale Absturz.

Denn bei Verbrauch und CO2-Ausstoß sind die Konkurrenten aus Europa und Japan teilweise haushoch überlegen. „Hier haben die europäischen Hersteller nun ganz klar die bessere Ausgangsposition“, sagt Autoanalyst Werner Stäblein von Standard & Poor’s. „Über strengere Umweltauflagen in den USA kann sich die deutsche Automobilindustrie eigentlich nur freuen, vor allem innovative Zulieferer wie Bosch oder Continental, die bei wichtigen Spritspartechniken weltweit führend sind.“

In diese Kerbe schlägt zum Beispiel der demokratische Präsidentschaftskandidat Obama: Amerika habe es seit Jahren versäumt, die eigene Autoindustrie zum Bau verbrauchsärmerer Fahrzeuge zu verpflichten – aus Angst vor den wirtschaftlichen Folgen für die heimische Autoindustrie. Durch diese falsche Rücksicht seien die heimischen Hersteller nun gefährdet: „Ganz ohne Zweifel gehört die Zukunft den sparsamen Fahrzeugen“, sagt der 46-Jährige. „Wenn die Autoindustrie noch ein Teil dieser Zukunft sein möchte – wenn sie wirklich hofft, zu überleben –, dann muss sie endlich anfangen, solche Autos zu bauen.“

Obama will deshalb die US-Hersteller zu ihrem Glück zwingen: „Ich will unsere Autoindustrie nicht zerstören, ich will ihr helfen, den Weg ins 21. Jahrhundert zu finden.“ Der promovierte Harvard-Jurist will per Gesetz festschreiben, dass der Verbrauch von Neuwagen jedes Jahr sinken muss. In 18 Jahren sollen die Autos dann nur noch rund die Hälfte verbrauchen. Obama weiß aber auch, dass Ford und Co. einen solchen Kraftakt mit eigenen Mitteln kaum noch stemmen können. Deshalb plant er, dass der Staat einen Teil der Krankenversicherungslasten der Hersteller übernimmt. Das eingesparte Geld sollen die Autobauer dann in die Entwicklung von Spritspartechnik investieren. Der Name des Programms: „Health Care for Hybrids.“

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