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USA: Wie 400 Mann den US-Versicherer AIG zu Fall brachten

von Andreas Henry (New York), Stefani Hergert und Wilfried Eckl-Dorna

AIG war einmal der weltgrößte Versicherer. Nun ist das Unternehmen eine Riesenlast für die US-Steuerzahler. Wie eine 400-Mann-Abteilung AIG in den Untergang reißen konnte – und warum der Staat ihn am Leben hält.

Ein Mann in der Drehtür eines Quelle: REUTERS
Ein Mann in der Drehtür eines AIG-Gebäudes: Eine 400-Mann-Abteilung brachte mit riskanten Geschäften den größten US-Versicherer zu Fall. Quelle: REUTERS

Einst war AIG der größte und mächtigste Versicherer der Welt, vergangene Woche verkündete er den höchsten Jahresverlust, den je ein Unternehmen in den Büchern hatte. Eine kleine interne Abteilung fällte den Konzern mit weltweit 116.000 Mitarbeitern fast im Alleingang. Nur der Staat hält ihn noch am Leben – weil sonst ein weltweiter Finanzkollaps droht. Wie konnte ein Versicherer mit Prämieneinnahmen von mehr als 80 Milliarden Dollar ein Minus von fast 100 Milliarden Dollar einfahren? Offenbar kein Problem, wenn man konservative Geschäftsstrategien komplett ignoriert.

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Mit mehr als 40 Milliarden Dollar fiel ein Großteil der Verluste aus dem vergangenen Jahr bei AIG Financial Products (AIGFP) an. Die Spezialisten in London schlossen Wetten darauf ab, dass Kredite nicht ausfallen. Die kleine Truppe mit zuletzt weniger als 400 Leuten häufte Berge von Risiken mit Derivaten auf, hauptsächlich mit sogenannten Credit Default Swaps (CDS). Bei diesen Absicherungen zahlte etwa eine Bank der AIG eine regelmäßige Prämie. Im Gegenzug stand die Versicherung für Verluste der Bank aus einem bestimmten Bündel an Krediten gerade oder auch aus Finanzinstrumenten, die aus verschiedenen Krediten zusammengebastelt wurden.

In normalen Zeiten lassen sich die Ausfallquoten für solche Kredite relativ gut berechnen, und das Risiko für den Garantiegeber ist begrenzt. In einer Finanz- und Kreditkrise von der Dimension, wie sie durch die Ausfälle bei schlecht besicherten Hypotheken-Darlehen ausgelöst wurde, schossen die Verluste jedoch durchs Dach.

In den letzten Monaten 2008 verloren Kreditportfolios von Banken weltweit nochmals dramatisch an Wert. Mit 493 Milliarden Dollar steckte die AIGFP noch Ende September bis über beide Ohren in Kreditderivaten. Bis Ende Dezember wurde diese immer noch kritische Position unter heftigen Verlusten auf 390 Milliarden Dollar reduziert.

Verluste von 44,3 Milliarden Dollar realisierte auch die Lebensversicherung. Milliarden an Kundengeldern legt sie an den Finanzmärkten an, in Aktien, Staatsanleihen – und auch in Derivaten. Die Fehleinschätzungen der Spezialtruppe AIGFP im Hinblick auf die Entwicklung der Kredit- und Immobilienmärkte infizierte offenbar auch diese Sparte. Auf viele Anlagen musste sie 2008 hohe Summen abschreiben.Fünf Milliarden Dollar verlor die Sachversicherungs-Sparte – nicht nur durch Verluste an den Kapitalmärkten. Auch wegen zahlreicher Naturkatastrophen musste AIG mehr für Schäden und die eigene Verwaltung ausgeben, als an Prämien eingenommen wurde. Die Schaden-Kosten-Quote kletterte steil um 19 Prozentpunkte auf 109 Prozent.Neun Milliarden Miese musste die Vermögensverwaltung beichten. AIG hat offenbar nicht nur Kreditbündel oder aus Krediten gebastelte Papiere abgesichert, sondern auch mit ihnen gehandelt. Die Vermögensverwalter haben mit ihrer Anlagestrategie Milliarden verbrannt.

Kapitalspritzen von 180 Milliarden Dollar für AIG

Der amerikanische Staat pumpt 180 Milliarden Dollar in den Versicherer. „Wir hatten keine Wahl“, verteidigte Notenbank-Chef Ben Bernanke am Dienstag vergangener Woche die Rettungsaktionen, ein „Zusammenbruch von AIG hätte Schockwellen durch das Finanzsystem gesendet“.

Hätte man AIG untergehen lassen, so die düstere Prognose, hätte es einen unkontrollierbaren Dominoeffekt gegeben. Denn die AIG hatte weltweit mehr als 100.000 Geschäftspartner, die auf ihre Solvenz vertrauten, darunter fast alle Großunternehmen der USA. Viele davon wären ins Schleudern geraten und hätten möglicherweise sogar Insolvenz anmelden müssen, wenn AIG als Garant ausgefallen wäre.

Lesen Sie weiter, warum die Banken vom AIG-Kollaps überrascht wurden...

Verluste potenzierten sich mit hohem Tempo

Aber AIG war vor allem ein Geschäftspartner und signifikanter Garantiegeber für einige der wichtigsten Finanzinstitute der USA, die ihre Bilanzen mit Kreditvergaben gigantisch aufgeblasen hatten. Dort dachte man, das Risiko im Griff zu haben. Denn es gab da ja die kleine und praktisch unter keiner staatlichen Aufsicht stehende AIGFP. Die versicherte immer größere und riskantere Kreditpakete. Mit dem Platzen der Immobilienblase potenzierten sich dort die Verluste mit hohem Tempo.

Banken wurden von AIG-Kollaps überrascht

Banken konnten sich bei AIG zwar Schutz vor Verlusten kaufen. Dass sich der Konzern dabei jedoch gewaltig übernahm, die Risiken total unterschätzte und sich so an den Rand des Kollaps manövrierte, kam auch für sie überraschend. Plötzlich mussten sie fürchten, dass sich der Schutz gegen Kreditmarktverluste bei einem AIG-Konkurs als wertlos herausstellen würde. Sie hätten die Verluste dann schultern müssen. Selbst Edward Liddy, der den Posten des AIG-Chefs nach der ersten Rettungsrunde im Herbst übernommen hat, räumt ein, dass viel von den Staatshilfen an AIG wie ein durchlaufender Posten an andere Finanzinstitutionen weitergereicht wurde. Nun werden Forderungen drängender, die Namen der Banken zu veröffentlichen.

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Ein AIG-Zusammenbruch hätte besonders für europäische Banken dramatische Folgen. Eine Fußnote im Jahresbericht zeigt das Risiko. Danach haben „Finanzinstitute, hauptsächlich in Europa“, Garantien im Wert von 234 Milliarden Dollar von AIG bekommen.

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10 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 04.04.2009, 16:01 UhrHansiHansenHans

    Das ja lustig, ich glaube kaum das 400 Mitarbeiter aus Spaß an der Freude Trälla hier die Firma nahe in den Ruin getrieben hat. Ja Profitgeilheit spielt ja eine Rolle. AbER hier haben anscheinend zuviele Kontrollinstanzen versagt. ich glaub nicht das die dumme Mitarbeiter einstellen. bei so Großkonzernen gibs normalerweise harte Accessmentcenter.

    Merkt den ein Abteilungsleiter nichts wenn was mit zu hohem Risiko sich aufbauscht? Merkt der Abteilungsleiter der Abteilungsleiter nichts? Merkt der Spartenmanager nichts? Spätestens beim Vorstand sollte man es doch merken? Oder egal eierschaukeln und solang die Zahlen stimmen und die Tantiemen kommen ist alles OK?

  • 13.03.2009, 16:31 Uhrbewian

    So ist das halt, wenn man meint mit Geld Geld zu verdienen. Geld schafft keine Werte, es ist nur ein komfortables Tauschmittel für unterschiedlich zu bewertende Waren und Dienstleistungen. Leider hat man dieses wichtige und wertvolle Gut der Allgemeinheit vollständig der bereicherung weniger ausgeliefert. Eine unkontrollierte, überwiegend digitale Vermehrung von Geld ohne tatsächliche Werthinterlegung in Form von realen Gütern und Werten, Überbewertung von Sicherheiten und Rückversicherungen von Risiken, führt zu dem Chaos der Finanzkrise. ich vermisse Anklagen gegen Verantwortliche aus Politik und Finanzindustrie wegen Kapitalterrorismus. Osama bin Laden hätte keinen größeren Schaden anrichten können. ihn wirds freuen.

  • 12.03.2009, 17:41 UhrKarsten

    Mir war die AiG schon immer verdächtig, dass sie Profite scheinbar so aus der Luft saugte sagte alles.

    Und das sie CDOs in Riesensummen versicherte sagt genug. Wer brocken stemmt, wird auch leichter unter ihnen begraben.

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