
Peter Bauer ist eher bekannt für leise Töne; Eigenlob und Effekthascherei sind nicht sein Ding. Umso erstaunlicher klang der Superlativ, den der Chef von Infineon, dem größten deutschen Halbleiterhersteller, am Montag der vergangenen Woche von sich gab: "Ich kann mich nicht daran erinnern, dass Infineon in den letzten zehn Jahren jemals so stark wie heute war."
Auf den ersten Blick stimmt das auch: Denn der schon länger erwartete und nun von Bauer verkündete Verkauf der Infineon-Sparte für Mobilfunkchips an den weltgrößten Halbleiterkonzern Intel spült rund 1,1 Milliarden Euro in die Konzernkassen. Zusammen mit den vorhandenen flüssigen Mitteln sitzen die Münchner Anfang 2011, wenn die Transaktion über die Bühne gehen soll, auf Barbeständen von mehr als 2,2 Milliarden Euro.
Aufsichtsräte fordern Zukäufe
Doch Branchenbeobachter wachen mit Argusaugen darüber, was Infineon mit diesem Geld anfängt. Investiert der Konzern in die verbliebenen, längst nicht so wachstumsstarken Geschäftsfelder Automobiltechnik, Industriehalbleiter und Chipkarten? Oder wagt sich Bauer an eine "kühne Strategie, die auch Zukäufe" umfasst, wie mancher Aufsichtsrat fordert? "Wer nicht zum Ziel einer Übernahme werden will, muss wachsen", sagt ein Infineon-Aufsichtsrat, der ungenannt bleiben will.
Keine Frage, Bauer steht unter dem Druck der Anleger, eine Story zu präsentieren, die den Aktienkurs beflügelt. „Ohne Akquisitionen“, sagt Theo Kitz, Analyst beim Bankhaus Merck Finck in München, "ist aus der Aktie erst einmal die Musik raus – Infineon selber würde sonst früher oder später zum Übernahmeziel."
Börsengang kam viel zu spät

Das Risiko besteht. Denn mit dem Verkauf des Handychipsegments stößt der Halbleiterkonzern fast ein Drittel seines Gesamtumsatzes ab. Und fällt mit etwas mehr als drei Milliarden Euro beinahe zurück auf das Niveau des Krisenjahres 2009, obwohl er in diesem Jahr dank eines ungeahnten Booms fast 50 Prozent wird zulegen können. Zwar setzt Konzernchef Bauer mit dem Verkauf auf "Stärkung durch Schrumpfung". Doch fragt sich, ob er damit Infineon nicht eher schwächt – bisher jedenfalls sorgt der Schrumpfkurs für gemischte Gefühle.
Noch 2006 setzten die Münchner fast acht Milliarden Euro um, machten jedoch rund 312 Millionen Verlust. Bauer-Vorgänger Wolfgang Ziebart zog daraus Konsequenzen und setzte auf Verkleinerung. Mitte 2006 spaltete er das Speicherchipgeschäft ab und brachte es an die Börse – im Nachhinein allerdings viel zu spät: Anfang 2009 rutschte der frühere Bereich unter dem Namen Qimonda in die Pleite und hätte fast noch die einstige Mutter mit in den Abgrund gerissen.
Weil Infineon zu jenem Zeitpunkt immer noch 77,5 Prozent der Anteile hielt, schlugen die Qimonda-Verluste auf die einstige Mutter durch. Allein im Geschäftsjahr 2008 (zum 30.9.2008) verbuchte Infineon inklusive Abschreibungen einen Verlust in Höhe von 3,7 Milliarden Euro, wovon mehr als drei Milliarden auf die Kappe von Qimonda gingen. Als Folge rutschte der Infineon-Börsenkurs bis Dezember 2008, zusätzlich befeuert durch die Finanzkrise, unter die magische Schwelle von einem Euro; und Infineon flog aus dem Leitindex Dax. Danach schlitterte das Papier weiter abwärts Richtung Pennystock-Niveau – bis zum Allzeittief von 39 Cent im März 2009.

Ziebart-Nachfolger Bauer gelang daraufhin ein Blitz-Comeback. Dazu trug der Verkauf der Sparte Festnetzchips bei, die im Juli 2009 für 250 Millionen Euro an den Finanzinvestor Golden Gate Capital ging. Des Weiteren schuldete Bauer intelligent um. Der Wert der Aktie verzehnfachte sich innerhalb von neun Monaten. Im vergangenen September kehrten die Münchner in den Dax zurück.
Den Erfolg an der Börse brachte jedoch längst nicht allein der Verkauf von Unternehmensteilen. Mindest ebenso beteiligt waren unternehmerischer Durchhaltewille und der Mut zu Investition. Als Ende 2006 nämlich der Mobiltelefonhersteller und Infineon-Kunde BenQ-Siemens in die Pleite rutschte, gab Ziebart das Geschäft nicht auf. Und das, obwohl die Handychipsparte laut Nachfolger Bauer mit einem Schlag rund 80 Prozent ihres Umsatzes verloren hatte: "Viele forderten, die Sparte zu schließen – das haben wir zum Glück nicht getan."
Später Lohn
Stattdessen investierte Infineon weiter, akquirierte erfolgreich neue Kunden – darunter den US-Unterhaltungselektronikriesen Apple mit den Erfolgsprodukten iPhone und iPad – und drehte das lange Zeit verlustträchtige Geschäft ins Plus. Den Lohn dafür kassiert Bauer jetzt: "Auch wenn der erzielte Preis leicht unter den Erwartungen liegt, kommt der Verkauf zum richtigen Zeitpunkt", sagt Jan Christian Göhmann, Analyst bei der Nord/LB. "Denn der Markt für Smartphones boomt, und der Produktzyklus nähert sich seinem Höhepunkt."
Kein Geld für Investitionen?

Um angesichts immer kürzerer Produktzyklen bei gleichzeitig immer neuen technischen Features im Handygeschäft weiter mitmischen zu können, hätte Infineon kräftig in die Sparte investieren müssen. Doch dazu ist das Unternehmen nicht in der Lage. "Trotz der Sanierungserfolge haben wir nicht die Größe, die erforderlichen Investitionen bei den Mobilfunkchips zu stemmen", sagt Bauer, "ohne die anderen Bereiche zu schwächen."
Ein solches Dilemma glaubt Bauer mit den verbliebenen Kerngeschäften Automobiltechnik, Industriehalbleiter und Chipkarten in Zukunft vermeiden zu können. Infineon verfüge nun erstmals über ein Portfolio mit vergleichbaren Produktzyklen und Technologieanforderungen. "Die drei Bereiche sind stark miteinander vernetzt, da gibt es keinen weiteren Anpassungsbedarf", verspricht Bauer. Außerdem sei Infineon im Gegensatz zu den Mobilfunkchips in den anderen drei Sparten jeweils Weltmarktführer mit Marktanteilen von neun Prozent (Automobil), elf Prozent (Industrie) und 26 Prozent bei Chipkarten. Die erforderlichen Stückzahlen, um die Kosten auf möglichst viele Produkte umlegen und die Anlagen auslasten zu können, fertige man bereits. "Aus reinen Größenerwägungen muss Infineon nicht zukaufen", sagt auch Günther Hollfelder, Analyst bei UniCredit.

Derart gelassen gibt sich aber längst nicht jeder bei den Münchnern. Im Infineon-Aufsichtsrat sorgt sich mancher, zum Übernahmeziel zu werden: "Das Unternehmen braucht eine gewisse Größe, um unabhängig zu bleiben", sagt ein Aufseher, der nicht namentlich genannt werden will. Zwar wurde Infineon-Boss Bauer in der vergangenen Woche nicht müde, das Potenzial seines Unternehmens auch für organisches Wachstum zu skizzieren, etwa bei Sensoren für Autos. Doch das bietet bestenfalls einstellige Wachstumsaussichten. "Sieben Prozent pro Jahr sind realistisch", sagt UniCredit-Analyst Hollfelder. Das ist für Anleger nicht allzu viel. Deshalb hat Vorstandschef Bauer Akquisitionen auch nicht ausgeschlossen: "Zukäufe sind Element unserer Strategie."
Bauer verspürt keine Eile
Branchenbeobachter haben denn auch längst interessante Chiphersteller identifiziert, vor allem jenseits des Atlantiks. Die wären für Infineon attraktiv, weil Infineon seine Chips kaum in den USA verkauft: "Amerikanische Industrieunternehmen tragen aktuell nur rund fünf Prozent zum Infineon-Umsatz bei", sagt UniCredit-Mann Hollfelder. "Zukäufe in den Vereinigten Staaten könnten dabei helfen, neue Kunden zu erschließen, an die Infineon auch bestehende Produkte verkaufen und dadurch zusätzliche Synergien heben könnte."
Für Infineon interessante US-Chiphersteller seien etwa die kalifornischen Unternehmen Fairchild Semiconductor aus San Jose und International Rectifier aus El Segundo, die sich beide auf sogenannte Leistungshalbleiter spezialisiert haben, die für hohe Spannungen und Ströme konzipiert sind. Weitere passende Kandidaten könnten der Halbleiterhersteller Austriamicrosystems aus Unterpremstätten bei Graz sowie Elmos Semiconductor aus Dortmund sein. Elmos ist spezialisiert auf Chips für die Automobilindustrie; die Österreicher beliefern zudem auch Industrie- und Medizintechnikunternehmen.
Mit einer sofortigen Einkaufstour rechnen Unternehmenskenner jedoch nicht. "Wir erwarten Zukäufe erst ab Frühjahr 2011", sagt UniCredit-Analyst Hollfelder. Erstens fließt erst dann das Geld von Intel für die Mobilfunksparte. Zweitens sind derzeit die Bewertungen für potenzielle Übernahmeziele recht hoch. Peter Bauer sieht das offenbar ähnlich: "Wir verspüren keine Eile".























