Verschärfte Rahmenbedingungen: RWE rechnet mit Gegenwind

Verschärfte Rahmenbedingungen: RWE rechnet mit Gegenwind

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RWE-Chef Jürgen Großmann

Der zweitgrößte deutsche Energiekonzern RWE rechnet im laufenden Jahr 2008 mit Gegenwind durch verschärfte Rahmenbedingungen im C02-Emissionshandel und weitere Kürzungen durch die Bundesnetzagentur.

Jürgen Großmann erlebt, was alle anderen RWE-Kapitäne bisher vor ihm zu spüren bekamen: Gegenwind aus einer Energie-Großorganisation, die sich so leicht nicht verändern lassen will. Auf seinen Sprechzetteln standen bisher Dinge, die sich auffallend ähnelten mit den Worten seiner Vorgänger. Heute erlebte Jürgen Großmann seinen ersten, wirklich spannenden Tag bei RWE. Es war Bilanzpressekonferenz – und der Wahl-Hamburger, der erst seit Oktober im Amt ist, musste schon Rede und Antwort stehen. Bereits jetzt hat der impulsive Stahlunternehmer, der die Georgsmarienhütte sein Eigen nennt, als angestellter Vorstandschef bei RWE einiges durcheinandergerüttelt. Und RWE wäre nicht RWE, wenn aus dem Unternehmen nicht kräftige Gegenwehr zu spüren wäre.

So will Großmann RWE zentralisieren, den Konzernstandort Essen stärken und Kompetenzen vom zweiten Standbein in Dortmund auf Essen übertragen. RWE-Serviceunternehmen sollen zum Teil aufgelöst oder zusammengefasst werden. „Wir brauchen kürzere und transparentere Entscheidungswege“, hat Großmann bereits verkündet. Jetzt schon hat er deswegen die Betriebsräte am Hals. Und auch Dortmunds Oberbürgermeister Gerhard Langemeyer, der dem RWE-Aufsichtsrat angehört, ist nicht sehr begeistert von den ersten Großmann-Vorschlägen. Von Arbeitnehmervertretern kommt hartes Kaliber. Grossmann wolle RWE „faktisch zerschlagen“. Eine doch maßlose Übertreibung.

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„Woran merkt man, dass man ein leitender RWE-Manager ist“, fragt in diesen Tagen ein leitender RWE-Manager. „Daran, dass die größten Feinde bei RWE arbeiten“,  so die sarkastische Antwort. Wenn Thomas Hobbes mit seinem Satz „homo hominem lupus est“ je recht gehabt hätte, dann müsste Hobbes ein RWE-Mitarbeiter gewesen sein, der des Menschen Wolf bei den Rheinischen Westfälischen Electricitätswerken angetroffen und beschrieben hat.

Nettoergebnis eingebrochen

Denn der zweitgrößte deutsche Energiekonzern RWE rechnet im laufenden Jahr 2008 mit Gegenwind durch verschärfte Rahmenbedingungen im C02-Emissionshandel und weitere Kürzungen durch die Bundesnetzagentur. In der Summe würden diese beiden Faktoren zu einer Ergebnisbelastung von mehr als 1,5 Milliarden Euro führen, heißt es in einem zur Bilanzvorlage heute in Essen vorgelegten Redemanuskript von RWE-Chef Jürgen Großmann.

Nach einem kräftigen Anstieg des betrieblichen Ergebnisses im zurückliegenden Jahr 2007 um 14,8 Prozent auf 6,52 Milliarden Euro blieb der RWE-Chef bei der Prognose für 2008 zurückhaltend. Erwartet werde, dass mindestens das Niveau des Vorjahres erreicht werde, so Großmann. Ausschlaggebend für den kräftigen Anstieg des betrieblichen Ergebnisses im vergangenen Jahr seien unter anderem gute Erträge im Stromgeschäft gewesen, so Finanzvorstand Rolf Pohlig laut einem Redemanuskript. Das Nettoergebnis brach im vergangenen Jahr jedoch deutlich um 31 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro ein.

Der Umsatz verharrte bei 42,51 Milliarden Euro. Der Finanzchef machte dafür Sondererträge aus dem Jahr zuvor durch eine niedrige Steuerquote und den Verkauf der britischen Wassertochter Thames Water verantwortlich. Im vierten Quartal des vergangenen Jahres habe zudem eine Wertberichtigung von 429 Millionen Euro auf die US-Wassertochter American Water vor dem Hintergrund des geplanten Börsengangs vorgenommen werden müssen. Für das laufende Jahr kündigte Großmann jedoch wieder einen Anstieg des Nettoergebnisses um mehr als zehn Prozent an.

Neu an der Vorstandsspitze

Hickhack, Aufregung, bei allem, was bei RWE neu vorgeschlagen wird. Das war bei Großmanns Vorgängern nicht anders: Dietmar Kuhnt erlebte eine Welle von Häme, als er das Mehrfachstimmenrecht der kommunalen RWE-Aktionäre abschaffte und damit aus RWE ein richtiges privatwirtschaftliches Unternehmen machte. Clemens Börsig, heute Deutsch-Banker und früher RWE-Finanzchef, schwappte eine ähnliche Welle des Hasses entgegen. Kuhnt selber verhielt sich selbst auch nicht anders, als sein Nachfolger Harry Roels ante portas stand. Der Holländer sei auf Segeltour und nicht zu erreichen, ließ er streuen. Außerdem könne Roels gar kein Deutsch sprechen. Als Roels Chef wurde, ließ er seine Managerumgebung erst einmal von einem Unternehmensberater durchchecken und kontrollieren, ob sie des Englischen mächtig sei. Wer das nicht konnte, blieb bei Roels-Runden außen vor. Denn Englisch war auch bei RWE tatsächlich die Lieblingssprache des früheren Shell-Vorstands.

Die Anfangsstory über neue RWE-Vorstandschefs ist immer dieselbe: Der Neuankömmling verkündet, dass alles ganz anders werden wird. RWE solle schlanker, die Entscheidungswege gekürzt, die Führung effizienter werden. Der Konzern will sich beim Neubeginn stets von Stund an nicht länger als Versorger, sondern als marketing- und kostenbewusstes, schlagkräftiges Unternehmen präsentieren. Eine allgemeine Kulturrevolution wird angekündigt.

So war es auch bei der ersten Pressekonferenz von Dietmar Kuhnt, dem neuen RWE-Chef in den neunziger Jahren: RWE muss seine Bunkermentalität aufgeben, hieß es. Das damals neue Credo: „RWE soll transparenter werden.“  Kuhnt preschte im Interview vor, das er in seinem frisch bezogenen Büro in einem aus Glas und Stahl bestehenden Turm gab, der neuen RWE-Hauptverwaltung:  „Wir wollen vor allem an Ertragsstärke und Wettbewerbskraft gewinnen“. Dann warf Kuhnt noch den Satz hin: „Rückblickend war es falsch, dass RWE das Erdgas nicht als Schlüsselenergie angesehen hat.“ Das Interview wurde sogar in einem RWE-Buch abgedruckt. Kuhnt lässt den Bild- und Textband an Kunden und Redaktionen verschicken. Der Titel klingt programmatisch: „Der gläserne Riese. Ein Konzern wird transparent.“

Der Holländer Harry Roels, Nachfolger von Kuhnt, sagt 2003 bei seiner ersten Pressekonferenz fast das Gleiche: „Wir müssen das Augenmerk noch stärker auf die Ertragskraft von RWE lenken“. Nachbar E.On hatte gerade seine Fusion mit Ruhrgas hinter sich gebracht, die Kuhnt nicht verhindern konnte. Also sagt Roels: „Neben Strom müssen wir stärker auf Gas setzen.“ War fast O-Ton Kuhnt.

Roels blickte damals in den seinen ersten Tagen als RWE-Lenker auf eine Seereise zurück. Den Yachttörn begann er kurz vor Amtsantritt, quasi als Erholung und Vorbereitung auf den Knochjob. Auch Großmann ist vor Amtsantritt mit der Yacht Parsifal in See gestochen, ebenfalls, um abzuschalten und um sich „einen alten Traum zu verwirklichen“. Aber auch um in der Seemannschaft quasi Programmatisches zu erleben, das er von den Planken des Decks auch auf das RWE-Parkett übertragen will – „Teamgeist, Ausdauer, das Teilen von gemeinsamen Erfolgen und Niederlagen.“ So sagt es Großmann in einem Buch, dass zwar nicht „Der gläserne Riese“ heißt, sondern „Traum Atlantik“. Er verschickt das Buch wie Kuhnt mit seinen Worten an Redaktionen und … siehe oben.

Das Buch hat nicht Großmann selbst verfasst, es wurde von einem Mitglied des feinen Hamburger Segelclubs „Norddeutscher Regattaverein“ (NRV) geschrieben, dem Skipper Dieter Schweer. Der NRV ist ein Traditionsverband, seine offizielle Clubfahne ähnelt der Reichskriegsflagge von 1914. Die Ehrenvorsitzenden der NRV sind mit „Kommodore“ anzureden. Der Skipper, der das Bordtagebuch für Großmann führt, verbrachte seine Zeit nicht immer beim NRV, sondern meistenteils in NRW, in Essen. Dort war er auch mal Pressechef von Dietmar Kuhnt und für eine Weile auch von Harry Roels. Nutzte er das „Lustsegeln“, wie es laut Homepage beim NRV heißt, um Großmann das ein oder andere Interne von RWE beizupulen?   

Eines aber wird beim Hamburger Großmann grundlegend anders: Seine Vorgänger Kuhnt und Roels zogen für ihre Pressekonferenz demonstrativ in den RWE-Turm. Das Prinzip „gläserner Riese“ sollte hautnah zum Anfassen sein. Großmann geht den umgekehrten Weg: Er zieht für die Bilanzpressekonferenz mit seinem Troß in den „Mehrzwecksaal“ von RWE, einem Altbau gleich gegenüber, im früher „Wattikan“ genannten Bau aus den siebziger Jahren. Dort ist alles nicht so transparent wie Glas und nicht so rund wie ein Turm. Schwindelig kann einem da nicht werden, die Räume sind quadratisch, praktisch gut - Wände und Türen schallisoliert.

Es ist noch zu früh, dies für ein Symbol zu halten.  

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