Allianz wird digital: Bätes riskante Kulturrevolution beginnt

Allianz wird digital: Bätes riskante Kulturrevolution beginnt

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Allianz-Konzern in der Digitalisierung.

von Matthias Kamp

Allianz-Chef Oliver Bäte steht vor einer Herkulesaufgabe: Er will aus dem risikoscheuen Traditionshaus einen flexiblen Internetkonzern formen. Die Macht der Juristen und Versicherungsmathematiker soll gebrochen werden.

"Die Digitalisierung an sich ist ja nichts Neues“, sagt Oliver Bäte lakonisch. „Es ist die Geschwindigkeit, mit der auf einmal ganze Geschäftsmodelle umgewälzt werden“, etwa durch den Taxidienst Uber und den Zimmervermittler Airbnb. Die Sorge des Allianz-Chefs: „Unser Geschäft wird von solchen Veränderungen besonders betroffen sein.“

Bäte, der im Mai die Nachfolge von Michael Diekmann angetreten hat, drückt darum aufs Tempo beim weltgrößten Versicherer. Der ehemalige McKinsey-Berater will nicht warten, bis die Welle der Digitalisierung das Geschäftsmodell der 125 Jahre alten Dame Allianz unter sich begräbt, sondern sich an die Spitze der Bewegung setzen.

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Die Niedrigzinsphase macht vielen Lebensversicherern zu schaffen Quelle: dpa

Monatelang haben Arbeitsgruppen und Komitees an Modellen und Konzepten getüftelt. Sie haben sich über mehr Kundenorientierung den Kopf zerbrochen, neue Wachstumsmärkte definiert und überlegt, wie sie Prozesse verschlanken und die IT-Infrastruktur aufrüsten können. Am Dienstag nun will Bäte Analysten und Investoren auf dem Kapitalmarkttag seine Strategie präsentieren, mit der er den Traditionsversicherer ins digitale Zeitalter führen will.

„Kontinuität und Erneuerung“ hat der 50-Jährige das Programm getauft. Was beliebig klingt, soll nicht weniger als eine Kulturrevolution werden. Aus dem Reich der Vertreter, die in vielen kleinen Agenturen Kfz-, Hausrat- oder Lebensversicherungen verkaufen, soll nach Bätes Willen ein schlagkräftiger Internetkonzern werden, der es mit Vergleichsportalen wie Check24 oder neuen Playern wie dem Internetgiganten Google, der in den USA und Großbritannien bereits Versicherungen anbietet und angeblich bald auch in Deutschland starten will, aufnehmen kann.

Die mitunter träge Allianz soll flotter werden, sich mutig neue Märkte und Geschäftsfelder erschließen und mit ungewöhnlichen Produkten auch mal Risiken eingehen. „Es geht im Grunde darum, die Macht der Juristen und Versicherungsmathematiker zu brechen“, sagt ein Manager, der lange dabei ist. Die nämlich seien vor allem auf Vorsicht und Risikominimierung bedacht. Mit diesem Kurs ist die Allianz aber über Jahrzehnte solide und wirtschaftlich erfolgreich gefahren. Die Strategie des gelernten Betriebswirts Bäte birgt daher auch viele Risiken.

Kern soll die Digitalisierung so gut wie aller Prozesse im Konzern sein. Einen Milliardenbetrag, heißt es in Konzernkreisen, will Bäte dazu investieren. Große Teile sollen in die Aufrüstung der IT-Infrastruktur fließen.

Konkret heißt das zum Beispiel: Die Regulierung eines Schadens nach einem Autounfall erledigt künftig kein Sachbearbeiter mehr, sondern der Computer. Der Vorgang soll nicht wie bisher zwei Wochen, sondern nur noch vier Stunden dauern.

Versicherungs-Chinesisch: Wie Sie Ihren Bescheid richtig lesen

  • Leistungsübersicht

    Sie zeigt zum Stichtag (zum Beispiel "Stand 01.06."), was gezahlt wird, wenn der Versicherte bis Vertragsende durchhält, wenn er vorzeitig kündigt oder falls er stirbt.

  • Garantierte Kapitalleistung

    Ergebnis aus den mit dem Garantiezins verzinsten Beiträgen. Angelegt und verzinst wird nur der Sparanteil der Beiträge. Der bleibt übrig, nachdem Vertriebs- und Verwaltungskosten abgezogen wurden. Bei guten Versicherern werden 80 Prozent der Einzahlungen als Sparanteil angelegt und verzinst, bei teuren nur 60. Was garantiert ist, hat der Kunde sicher, wenn er den Vertrag bis zur Fälligkeit behält.

  • Überschussbeteiligung

    Erwirtschaften Versicherer mit Kapitalanlagen mehr als den Garantiezins, gibt es für den Kunden noch etwas oben drauf. Von den Zinsüberschüssen müssen sie mindestens 90 Prozent an die Kunden auszahlen. Im Bescheid steht der Betrag als garantierte Leistung aus Überschussbeteiligung. Von Gewinnen, die darüber hinaus entstehen, wenn der Versicherer etwa die Verträge günstiger führt als zuvor berechnet, fließen maximal 75 Prozent in die Überschussbeteiligung. Aus Überschüssen, die den Kunden zustehen, speisen sie auch die Zinszusatzreserve. Die Branche bunkert dort aktuell 13,3 Milliarden Euro. Jetzt ausgezahlte Verträge profitieren davon nicht. Wenn weitere Überschüsse bleiben, dürfen die Versicherer ihr Grundkapital mit mindestens vier Prozent verzinsen. Das passiert derzeit selten.

  • Mögliche künftige Leistung aus Überschussanteilen

    Garantiert dem Kunden gutgeschrieben wird ein Teil der jährlichen Überschüsse, den Rest hält der Versicherer bis Vertragsende in der Kasse. Diese Leistung wird oft auch Schlussgewinn genannt. Dessen Höhe ist nicht gesetzlich geregelt. Verträge mit hohem Garantiezins haben oft magere Schlussgewinne, die bei Kündigung wegfallen können.

  • Leistung bei Rückkauf

    Die Summe bekommen Kunden, die kündigen, zum angegebenen Stichtag. Der genannte Betrag im Bescheid ist garantiert, der Rest sind unverbindliche Beteiligungen an Überschüssen.

  • Bewertungsreserven

    Sie entstehen durch Kursgewinne auf die vom Versicherer gehaltenen Wertpapiere. In einem Beispielfall stellte die Versicherung sieben Monate vor Wirksamwerden der Vertragskündigung noch eine Schlusszahlung aus Bewertungsreserven in Höhe von 6629 Euro in Aussicht. Mit der Kündigung zum 1. Januar 2014 schrumpfte der Betrag auf 4896 Euro. Ob das in Ordnung geht, kann nur die Aufsicht BaFin nachrechnen. Tipp: Wenn Sie Ihren Versicherer nach dem "Sockelbetrag" und dem "volatilen Anteil an den Bewertungsreserven" fragen, kann er sie nicht mit pauschal zu niedrigen Werten abspeisen.

Darüber hinaus wollen die Allianz-Manager in der Sachversicherung neue Kfz-, Hausrat- und Gebäudepolicen auf den Markt bringen, die so einfach aufgebaut sind, dass der Kunde sie im Internet abschließen kann. „Um ein Angebot für einen Kfz-Tarif zu bekommen, braucht der Kunde künftig keine 25 Fragen mehr zu beantworten“, sagt Bäte. Kunden werden stärker als bisher ihre Verträge elektronisch verwalten können. Außerdem arbeitet die Allianz an Telematiktarifen bei Kfz-Versicherungen. Für spezialisierte Direktversicherer ist das meiste davon allerdings längst Tagesgeschäft.

Frische Köpfe sollen den Umbau beschleunigen. So schafft Bäte eine Einheit für digitale Transformation, geleitet vom 41-jährigen bisherigen Chef des Türkeigeschäfts, Solmaz Altin. Niederschlagen dürfte sich der Veränderungswille aber auch im Konzernvorstand, wo bis 2017 mehrere Verträge auslaufen, sagt ein Insider. Bäte baue sich in den kommenden 18 Monaten eine Mannschaft auf, die die Digitalisierung verkörpere.

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