
Im Krankenkassenlager und auch in der Politik beschwören viele Stimmen das baldige Ende der privaten Krankenversicherung. Haben Sie Ihre Vertriebler schon darauf eingestimmt, dass sie bald keine Krankenversicherungen mehr verkaufen müssen?
Nein, natürlich nicht. Ich habe da persönlich auch überhaupt keine Sorgen. Die private Krankenversicherung wird es noch in vielen Jahrzehnten geben.
Ja, weil Sie Ihre Altkunden weiter behalten dürfen. Aber dürfen Sie auch noch neue Kunden aufnehmen?
Ich glaube, dass auch die Parteien, die statt der GKV und PKV eine Bürgerversicherung für alle proklamieren, damit nicht weit kommen werden. Wenn man von der Neiddebatte wegkommt und eine Politik mit Weitblick betreiben will, wird man schnell feststellen, dass die Gesundheitsleistungen nur mit Privatversicherten finanzierbar sind. Unsere Gesundheitswirtschaft wird ohne PKV nicht bezahlt werden können.
Warum?
Keiner hat sich bisher Gedanken darüber gemacht, welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen es eigentlich hätte, wenn es keine PKV mehr gibt. Die Ärzte werden doch gar nicht mehr ihre Praxen aufrechterhalten können. Oder die Zahnärzte, die Apotheken, die Krankenhäuser. Die sind doch alle angewiesen auf die Mehrzahlungen der Privatpatienten. Das wird immer völlig vergessen. Bei den Ärzten bringen zehn Prozent Privatpatienten rund dreißig Prozent der Einnahmen.
Wollen die Kunden denn noch in die PKV wechseln?
Wenn man sich die vergangenen Jahre anschaut, dann haben wir immer gewonnen. Auch im Jahr 2011 haben wir Marktanteile hinzugewonnen. Natürlich wechseln auch Privatversicherte in die gesetzliche Krankenversicherung - oft aber nur, weil sie dies müssen, also weil sie versicherungspflichtig werden. Mehr Leute gehen den umgekehrten Weg. Und die kommen freiwillig zu uns, nicht aus Zwang. 96 Prozent unserer Kunden sind zufrieden, ergeben Meinungsumfragen. Das kann man in der Diskussion doch nicht einfach ignorieren.
Aber es gab doch zuletzt enorme Preissteigerungen, bei einigen Tarifen ist von bis zu 50 Prozent die Rede.
Die, die so etwas behaupten, sollten sich mal hinsetzen und das genau nachrechnen. Die Beitragssteigerungen in der privaten Krankenversicherung waren in den letzten Jahren nur unwesentlich höher als in der gesetzlichen Krankenversicherung - im Schnitt lagen sie bei 3,3 Prozent bei den privaten und bei 3,1 bei den gesetzlichen Anbietern. Und dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass wir jährlich Beitragsrückerstattungen zahlen, zum Beispiel 2010 rund 1,3 Milliarden Euro.
Also schneiden Sie doch nicht viel schlechter ab, wie oft behauptet?
Nein. Außerdem muss man berücksichtigen, dass in der GKV Leistungen weggefallen sind. Da bekommen Sie keine Brille mehr gezahlt. Oder wenn sie mal die Eigenbeteiligung beim Zahnersatz sehen, oder die Praxisgebühr, oder die Eigenbeteiligung bei Medikamenten - das sind alles Eingriffe gewesen, da spricht heute keiner mehr von. Bei uns weiß man: Was der Kunde einmal zugesagt bekommt, das bleibt ein Leben lang. Wir können nicht an die Tarife gehen und die Leistungen ändern.
„Das Umlageverfahren hat keine Zukunft“
Einige Anbieter aber haben sich doch offenbar verkalkuliert oder mit falschen Versprechen geworben. Sie haben mit billigen Angeboten gelockt und dann stiegen die Preise drastisch.
Wir selbst haben nie Billigtarife angeboten. Ich bin ein überzeugter Verfechter des Grundsatzes, dass die PKV mehr kostet, dafür dann aber auch mehr leisten muss. Ich bin 40 Jahre im Unternehmen, 25 Jahre im Vorstand. Mit dieser Politik sind unsere Kunden und wir immer sehr gut gefahren. Wenn hier eine andere Krankenversicherung am Markt über das Ziel hinausgeschossen ist, dann muss man sich aber auch ganz genau anschauen, von welcher Basis die Prozentsteigerung ausgeht und was das in Euro ausmacht. Eine 50-prozentige Preissteigerungen bei einem Tarif von 100 Euro sind 50 Euro. Das ist etwas anderes, als wenn eine 500 Euro teure Versicherung um 50 Prozent erhöht werden würde. Im Übrigen haben große Unternehmen die Einsteigertarife mittlerweile eingestellt. Man sieht: Der Markt funktioniert.
Die Kunden klagen, dass vor allem im Alter die Preise kräftig steigen. Bildet die Branche zu wenige Rückstellungen?
Wir haben mittlerweile 170 Milliarden Euro Altersrückstellungen gebildet, um die demografische Entwicklung abzufangen. Wenn man sich anschaut, wie es sich mit der Bevölkerung bis 2020 oder 2030 weiterentwickelt, dann wird man feststellen, dass die PKV exzellent aufgestellt ist.
Laut einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey im Auftrag der Krankenkasse AOK sind die Rückstellungen aber noch zu niedrig und reichen nicht aus, um Beitragsstabilität zu gewährleisten, beispielsweise weil sie mit zu geringen Lebenserwartungen rechnen.
Das sehe ich absolut anders. Unsere Aktuare berechnen das genau. Das kann ich auch bei unserem eigenen Unternehmen sehen. Wir haben die Signal Kranken und die Deutsche Ring Kranken, bei uns gibt es sogar Kunden, die müssen im zunehmenden Alter erheblich weniger zahlen, weil die Rückstellungen greifen.
Wenn es gar keine Demografieprobleme in der PKV gibt, warum wird das dann so oft behauptet?
Einige Funktionäre der gesetzlichen Krankenkassen wollen vielleicht ein bisschen davon ablenken, dass sie vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung selbst große Probleme haben. Einige Gesundheitsökonomen rechnen damit, dass in den nächsten Jahrzehnten eine Verdopplung der Beitragssätze in der GKV nötig werden dürfte von derzeit 15,5 auf 30 Prozent.
Warum das?
Schon heute zahlen die Rentner in der gesetzlichen Krankenversicherung nur 40 Prozent dessen, was sie an Leistungen in Anspruch nehmen. Den Rest müssen die Erwerbstätigen mitbezahlen. Doch künftig werden wir viel mehr Rentner haben und weniger Erwerbstätige. Dieses Generationenabkommen wird so auf Dauer nicht mehr haltbar sein. Die Bildung von Altersrückstellungen in der PKV ist da solider.
Also haben nicht Sie, sondern die gesetzlichen Kassen ein Demografieproblem?
Das Umlageverfahren hat keine Zukunft. Ohne die GKV angreifen zu wollen, muss ich sagen, es gibt mathematische Gründe, warum das auf Dauer nicht funktionieren kann. Darauf haben Wissenschaftler wie Professor Meinhard Miegl und Professor Kurt Biedenkopf schon vor 30 Jahren hingewiesen, nur keiner hat auf sie gehört. Schon damals hätte man das System ändern können.
„Wir stehen alle hinter der privaten Vollversicherung“
In den vergangenen Monaten hat sich der Ton verschärft. Der Streit zwischen GKV und PKV wird mit immer härteren Bandagen geführt. Woran liegt das?
Ich glaube, dass die gesetzlichen Kassen ständig unser Wachstum sehen und dass sie sehen, dass wir auch im Zusatzgeschäft unglaublich wachsen. Und das bedeutet nichts anderes, als dass die Kunden mit den Leistungen der GKV nicht zufrieden sind und deshalb Zusatzleistungen bei uns einkaufen.
Es gibt doch auch bei den privaten Krankenversicherern Stimmen, die nicht mehr an die Zukunft der privaten Vollversicherung glauben?
Nein, wir sind alle überzeugt, dass diese Form der Krankenversicherung die Zukunftsform ist. Wir haben deswegen jetzt auch eine entsprechende Anzeigenkampagne geschaltet mit den Unterschriften aller Vorstandsvorsitzenden der privaten Krankenversicherung. Natürlich stehen wir alle hinter der privaten Vollversicherung.
Es gibt sehr viele private Anbieter. Wäre eine Konsolidierung wünschenswert, damit größere Unternehmen dann effizienter arbeiten?
Wir haben 43 Versicherer, die eine Vollversicherung anbieten. Das muss auch so sein, damit wir genügend Wettbewerb haben.
Der starke Wettbewerb hat aber auch zu Provisionsexzessen geführt. Um Kunden von anderen Versicherern abzujagen, haben einige Anbieter sehr viel Geld an die Makler gezahlt.
Dem haben wir inzwischen mit der neuen Provisionsregelung einen Riegel vorgeschoben. Bei solchen Problemen spricht unser Verband mit der Regierung und wir suchen dann gemeinsam nach Lösungen. Die Neuregelung mit der Deckelung der Provisionen und der verlängerten Stornohaftung ist sinnvoll.
Um Kunden von der PKV zu überzeugen, bieten Sie bessere Leistungen als die Kassen. Das ist teuer. Müssen Sie nicht viel stärker auf die Kosten achten?
Durch den medizinischen Fortschritt und die älter werdenden Menschen werden die Kosten sowohl in der GKV als auch in der PKV weiter steigen. Aber wir reden mit der Bundesärztekammer, damit die Gebührenordnung, die seit 30 Jahren besteht, künftig mehr atmet als bisher. Da sind wir guten Mutes.
Was heißt das genau?
Wir wollen mehr vergüten für die sprechende Medizin, also wenn der Arzt den Patienten berät. Die Gebühren für die Apparatemedizin wollen wir zurückfahren. Da zahlen wir beispielsweise für die gleichen Laborleistungen bisher deutlich mehr als die GKV
„Ärzte müssen ordentlich bezahlt werden“
Ein zweigeteiltes System wie in der Bundesrepublik gibt es in kaum einem anderen Land. Warum sollten wir daran festhalten?
Wir haben hier in Deutschland eine der besten medizinischen Versorgungen auf der ganzen Welt. In Großbritannien warten sie auf einen Facharzt bis zu 18 Wochen. In den Niederlanden - wo das duale System 2006 abgeschafft wurde - haben sie heute teilweise sechs Monate Wartezeit.
Und das liegt daran, dass dort die private Krankenversicherung fehlt?
Es ist wichtig, dass Ärzte ordentlich bezahlt werden. In Großbritannien gibt es einen Ärztemangel. Junge Leute lassen sich nicht mehr zum Arzt ausbilden, die fangen kein Medizinstudium mehr an. Am Wochenende sind die Flugzeuge zum Teil voll mit deutschen Ärzten, die nach Großbritannien fliegen und dort privat behandeln und privat abrechnen. All dies sollte man berücksichtigen, wenn man eine Neiddebatte um die PKV führt und es gerne für alle gleich hätte.
Viele Menschen haben aber schon den Eindruck, dass hier in Deutschland durch die beiden Krankenversicherungssysteme eine Zwei-Klassen-Gesellschaft herrscht.
Wenn Kassenpatienten lange Wartezeiten in Kauf nehmen müssen oder sie beim Arzt keine Termine erhalten, dann hat das damit zu tun, dass die gesetzlichen Krankenkassen die Leistungen für die Ärzte budgetiert haben. Wenn das Budget nach zwei Monaten im Quartal ausgeschöpft ist, dann nehmen viele Praxen keine Kassenpatienten mehr. Aber das kann man doch nicht der PKV zur Last legen.
Aber vielleicht wäre ein einheitliches System effizienter und für alle kostengünstiger?
Nein, das ist wie bei der Deutschen Bahn: Wenn Sie da die erste Klasse abschaffen würden, dann wird es für alle in der zweiten Klasse teurer.
Wenn die private Krankenversicherung so gut ist: Sollte man vielleicht die gesetzliche abschaffen und alle versichern sich privat?
Otto von Bismarck hat damals die gesetzlichen Kassen geschaffen für all diejenigen, die sozial besonders schutzbedürftig sind. Das waren damals vielleicht zehn Prozent der Bürger. Dann wurde auch aus Finanzierungsgründen der Kreis der Kassenpatienten immer mehr erweitert, indem man die Pflichtgrenze immer weiter erhöht hat.
Und was bedeutet das heute?
Heute sollte man darüber nachdenken, ob man die Pflichtgrenze nicht wieder heruntersetzt, damit mehr die Möglichkeit erhalten, sich privat zu versichern. Auch damit mehr Menschen selber für die Zukunft vorsorgen. Der Staat hat in den vergangenen Jahren Milliardenzuschüsse in die gesetzliche Krankenversicherung gegeben, auch das wird immer ausgeblendet. Wenn ich mir die Schuldendiskussion ansehe, auch in Deutschland, muss doch jeder klar denkende Mensch sagen: Das wird es künftig so nicht mehr geben.
Herr Schulte, vielen Dank für das Interview.
























