Preis der Autonomie: Ab 2015 droht einigen Krankenkassen das Aus

Preis der Autonomie: Ab 2015 droht einigen Krankenkassen das Aus

von Anke Henrich

Krankenkassen dürfen ihre Beitragshöhe künftig wieder selbst festlegen. Das wird manche Kasse nicht überleben können.

Das Leben ist gerade schön im deutschen Gesundheitswesen. Der neue Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) überschüttet Kliniken und Ärzte mit Geld. Und auch die wohlhabenden unter den 132 gesetzlichen Kassen bekommen endlich ihren Willen: Von 2015 an gilt nicht mehr der Einheitssatz von 15,5 Prozent; sie dürfen die Beiträge dann wieder selbst festlegen und sich so von der Konkurrenz abheben.

Doch Gröhes Wohltat könnte sich als Bumerang für finanzschwache Kassen herausstellen. Denn unterschiedliche Beitragssätze werden jedem Kunden sichtbar machen, was der Einheitsbeitrag heute noch gnädig vernebelt: Der Kassenwechsel lohnt sich wieder. Seit dank guter Konjunktur keine Kasse mehr einen Zusatzbeitrag fordern muss, war das weniger augenfällig.

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Spätestens ab 2015 werden sich notleidende Krankenkassen, denen dann angesichts höherer Beiträge in Scharen die Versicherten weglaufen, einen Fusionspartner suchen müssen. Aber am Ende trifft es auch rentable Anbieter: Falls sich für einen lädierten Konkurrenten kein Interessent mehr findet, haften sie für dessen Schulden mit.

Bisher zahlt jeder Versicherte 15,5 Prozent des Einkommens an seine Krankenkasse. 7,3 Prozent davon trägt er, 7,3 Prozent sein Arbeitgeber, macht 14,6 Prozent. Die restlichen 0,9 Prozent trägt das Mitglied allein.

Die Marktanteile der gesetzlichen Krankenkassen. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Die Marktanteile der gesetzlichen Krankenkassen. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Augenwischerei

Von Januar 2015 an soll es für alle Kassen eine feste Untergrenze von 14,6 Prozent geben, weiterhin hälftig finanziert. Theoretisch überweisen Versicherte dann also 0,9 Prozent weniger. Kann eine Kasse davon ihre Ausgaben nicht zahlen, darf sie einen ungedeckelt höheren prozentualen Beitragssatz vom Gehalt fordern.

Weniger Kassenbeitrag für alle – das klingt aus Kundensicht erfreulich, ist aber Augenwischerei. „Die 15,5 Prozent decken aktuell noch die Kosten. Bei 14,6 Prozent entstünde eine deutliche Finanzierungslücke“, klagt Hans Unterhuber, Chef der Siemens Betriebskrankenkasse in München. „Dieser Satz ist eigentlich für keine Kasse darstellbar.“ Unterhuber erwartet, dass die Mehrheit der Anbieter 15,5 Prozent nicht unterschreiten wird, und falls doch, dafür Reserven auflöst oder für begrenzte Zeit hohe Defizite in Kauf nimmt.

Rund 70 Millionen Deutsche sind bei Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK), Innungs- und Betriebskrankenkassen (IKK und BKK) sowie Ersatzkassen (EK) versichert. Solvente Anbieter gibt es in allen Lagern, malade auch. Doch spätestens ab 2015 dürfte die Konjunktur schwächeln, was die Einnahmen bremst. Bei den Aufsichtsbehörden sollen mehrere Kassen schon für 2014 defizitäre Haushalte eingereicht haben. Gröhes Reform wirft daher viele Fragen auf:

Wer finanziert künftig den Ausgleich?

Es gibt Kassen wie einige AOKs, die viele Wenigverdiener betreuen, die aber genauso oft krank sind wie die mehr Beitrag zahlende Klientel anderer Kassen.

Kasse in Not - wer haftet eigentlich? (zum Vergrößern bitte anklicken)

Kasse in Not - wer haftet eigentlich? (zum Vergrößern bitte anklicken)

Um den als unsolidarisch geltenden „Wettbewerb um Gesunde“ unter den Anbietern zu verhindern, heißt es im Koalitionsvertrag: „Damit die unterschiedliche Einkommensstruktur nicht zu Wettbewerbsverzerrungen führt, ist ein vollständiger Einkommensausgleich nötig“. Zum bisherigen Ausgleich für besonders teure Krankheiten käme also eine Hilfe auf der Einnahmenseite hinzu.

Thomas Drabinski, Chef des Kieler Instituts für Mikrodaten-Analyse im Gesundheitswesen: „Das ist weder ordnungspolitisch noch in seiner Umsetzung durchdacht und wegen der finanziellen Intransparenz der Kassen schwierig.“ Die konkrete Ausgestaltung ist zudem im Bundesgesundheitsministerium noch völlig unklar.

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