Start von Solvency II: Wie krisenfest sind Europas Versicherungen?

Start von Solvency II: Wie krisenfest sind Europas Versicherungen?

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Versicherungen werden in Zukunft genauer unter einer Lupe genommen.

Erstmals müssen Europas Versicherer die Öffentlichkeit darüber informieren, ob sie Extremereignissen gewachsen sind. Halten sie den verheerenden Naturkatastrophen oder dramatischen Turbulenzen an den Finanzmärkten stand?

Wie gut ist mein Lebensversicherer aufgestellt? Wie krisenfest ist die Schadenversicherung? Erstmals seit Einführung der strengeren europäischen Regeln (Solvency II) 2016, soll sich die Öffentlichkeit ein genaueres Bild über die Lage einzelner Versicherungen machen können. Bis spätestens 22. Mai müssen allein in Deutschland rund 350 Assekuranzen detailliert darüber Auskunft geben. Ob das Kunden weiterhilft, ist allerdings fraglich.

Was müssen Versicherer genau mitteilen?

Sie müssen allgemeinverständlich über ihre Finanzlage, die Risiken und die allgemeine Geschäftsentwicklung informieren. Versicherer sollen über so viel Kapital verfügen, dass sie selbst extreme Ereignisse verkraften können, die im Mittel nur alle 200 Jahre zu erwarten sind, beispielsweise Großschäden durch verheerende Naturkatastrophen oder extreme Turbulenzen an Aktien- und Anleihemärkten. Aufschluss über die Lage des Versicherers in solchen Stresssituationen gibt unter anderem die sogenannte Solvenzquote. Ein Wert von unter 100 gilt als kritisch und würde in Deutschland die Finanzaufsicht Bafin auf den Plan rufen. Sie könnte dem Unternehmen im Extremfall das Neugeschäft untersagen.

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Wie wird die Quote gemessen und was sagt sie aus?

Die Solvenzquote setzt die Risiken ins Verhältnis zu den sogenannten Eigenmitteln des Versicherers. Eigenmittel ergeben sich aus den Vermögenswerten des Unternehmens abzüglich der Verpflichtungen. Quote ist allerdings nicht gleich Quote: Einige Assekuranzen berechnen die Zahl nach einer Standardformel, andere nach internen Modellen, die mit der Bafin abgestimmt sind. Versicherer können zudem Übergangsmaßnahmen in Anspruch nehmen. Kunden sollten daher nicht allein auf diese Kennziffer schauen, mahnt Deutschlands oberster Versicherungsaufseher, Frank Grund. „Die bloße Quote ist ungeeignet als Vergleichsinstrument und kein Kriterium für eine schnelle Kaufentscheidung.“ Er warne davor, „Äpfel mit Birnen zu vergleichen“. Ein Versicherer, der jedes Jahr nur knapp über 100 liege, sei aber sicher weniger stark als ein Unternehmen mit dauerhaft sehr guten Zahlen.

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Die bislang trägen Versicherer wollen schneller und besser erreichbar für ihre Kunden werden. Gerne auch über soziale Medien.

Ergo, Allianz und Co. müssen beim Thema Digitalisierung noch aufholen. Quelle: imago

Was können Verbraucher mit den Aussagen anfangen?

„Der Bericht kann wissbegierigen Kunden möglicherweise interessante Informationen bieten. Ob man mit einem Quotenvergleich weiterkommt, bezweifle ich allerdings“, sagt Reiner Will, Geschäftsführer der Ratingagentur Assekurata. Insbesondere Lebensversicherer, die vor allem in Staatsanleihen investieren, seien von der Zinsentwicklung am Kapitalmarkt abhängig. Entsprechend stark könne die Quote schwanken. „Die Erstellung von Hitlisten wäre alleine aufgrund der zahlreichen Besonderheiten wenig sachgerecht und irreführend.“ Versicherungskunden rät Will, sich nicht verunsichern zu lassen. „Die Durchschnittsnote beim Abitur sagt auch nichts über eine Gesamtqualifikation eines Menschen aus.“ Versicherungsmathematiker der Deutschen Aktuarvereinigung mahnen: „Für seriöse und verlässliche Aussagen muss der Verlauf der Solvenzquoten über einen längeren Zeitraum betrachtet werden.“

Was bringen die Veröffentlichungen überhaupt?

Aufseher Grund hält die Einführung von Solvency II und den jährlichen Bericht der Unternehmen zur Solvenz- und Finanzlage (SFCR) trotz des Aufwands für Versicherer für sinnvoll. „Das Risikomanagement und das Risikobewusstsein in den Unternehmen hat sich deutlich verbessert“. Die Versicherungsbranche warnt dagegen vor einem „schleichenden Kostentod“. Die Verwaltungskosten seien zwar insgesamt gesunken. „Der Rückgang wurde zum Teil aber konterkariert durch den gestiegenen Aufwand für Solvency II“, kritisiert Immo Querner, Präsidiumsmitglied des Branchenverbandes GDV.

Wie steht die Branche da?

In Deutschland fallen rund 350 Versicherer unter das Regelwerk von Solvency II. Ende März 2016 hatten drei Lebensversicherer mit vergleichsweise geringerer Marktbedeutung trotz Übergangsregeln unter der kritischen Marke von 100 gelegen. „Die Probleme der betroffenen Unternehmen sind gelöst“, sagt Grund. Lebensversicherer leiden besonders stark unter der Zinsflaute und werden von der Bafin genau beobachtet. „Wir machen sogenannte Prognoserechnungen mit allen Lebensversicherern für die nächsten zehn Jahre und verlassen uns nicht allein auf die Solvenzquote“, berichtet der Aufseher. „Damit wollen wir sicherstellen, dass die einzelnen Unternehmen auch in Zukunft in der Lage sind, ihren Verpflichtungen nachzukommen. Unser grundsätzlicher Befund ist, dass die deutsche Lebensversicherung kurz- und mittelfristig keine existenziellen Probleme haben wird.“

Mit welchen Ergebnissen wird bei den Veröffentlichungen gerechnet?

„Nach unserer jetzigen Einschätzung wird kein Unternehmen unter dem Sollkapitalbedarf liegen“, sagt Grund. Assekurata-Experte Will geht davon aus, dass die privaten Krankenversicherer mit „eher hohen Quoten“ aufwarten werden. Sie könnten zum Beispiel mit Beitragserhöhungen gegensteuern. „Bei Lebensversicherungen rechnen wir insgesamt mit niedrigen Quoten“.

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