ThemaRichtig versichert

alles zum Thema

Versicherer: Fragwürdige Kettengeschäfte

Versicherer: Die dubiosen Methoden der Volksfürsorge

« 3 / 5 »

Fragwürdige Kettengeschäfte

Auftritt

In Strukturvertrieben wie AWD, der einmal von Carsten Maschmeyer geführt wurde, gelten strenge Kleidervorschriften für Vermittler. Die Berater wirken deshalb oft zum Verwechseln ähnlich: Dunkler Anzug, weißes Hemd, farblose Krawatte. Kritiker raten, hinter das seriös wirkende Äußere zu blicken. So zeigte der Film "Versicherungsvertreter" MEG-Vermittler, die sich erst beim Kunden auf Augenhöhe einschmeicheln und hinterher mit dem flotten Sportwagen abrauschen. Das Erscheinungsbild kann blenden und verrät nichts über Beratungsqualität.

Bild: ap

Wie sehr die Volksfürsorge die fragwürdige Aktion zulasten vieler Kunden forcierte, zeigt die Art und Weise, mit der sie dabei zu Werke ging. Stellt beispielsweise ein Kunde eine Lebens- oder Rentenversicherung beitragsfrei und schließt dafür einen neuen Vertrag ab, ist dies normalerweise „kein echtes Neugeschäft“, kurz: KEN, wie dies intern heißt. Dafür erhält der Berater üblicherweise keine Provision, hat also eigentlich kein Interesse an einem solchen Kettengeschäft. Deshalb wurde die Regelung bei der Volksfürsorge für diese Kampagne jedoch ausdrücklich ausgesetzt.

Führungsdruck auf Mitarbeiter

„Die Aktion hat auf den Vertrieb in etwa dieselbe Wirkung, wie wenn man einer Gruppe hungriger Wölfe ein Stück Fleisch hinwirft“, sagt eine Führungskraft. „Es stand für die Mitarbeiter gar nicht zur Debatte, ob sie da mitmachen“, sagt ein Kollege. Denn auch bei der Volksfürsorge wird die Vertriebsleistung jedes einzelnen Mitarbeiters gemessen, das heißt, er muss auch bestimmte Ziele erfüllen. Ergebnisse und Zielerreichung werden für jede regionale Vertriebsdirektion zusammengefasst und in einem bundesweiten Ranking, das sich „Vertriebs-Cockpit“ nennt, veröffentlicht.

Zudem wurde dokumentiert, wer die Kunden, die von der Zentrale für die Vertriebsaktion herausgesucht wurden, zu einem Vertragsabschluss bewegen konnte. Dadurch konnte sich kein Mitarbeiter leisten, die Aktion zu ignorieren oder daraus kein Geschäft zu generieren, sagen mehrere Berater. Die Volksfürsorge sagt hierzu, dass ihr keine Beschwerden über „Führungsdruck“ bekannt seien.

Schlechte Tipps der Volksfürsorge-Berater

  • Weniger als möglich

    Wer auf Anraten des Volksfürsorge- Beraters etwa seine alte, hoch verzinste Kapitallebensversicherung beitragsfrei stellte, um die Prämie in eine staatlich geförderte Rürup- oder Riester-Rentenversicherung einzubezahlen, hat oft mit Zitronen gehandelt. Der Lebensstandard im Alter bleibt häufig unter dem bisher erwartbaren Niveau.

  • Geringe Versorgung

    Der Vorschlag der Volksfürsorge-Berater, eine Versicherung aufzulösen, um sich mit dem Rückkaufwert gegen Erwerbs- oder Berufsunfähigkeit abzusichern, ist teuer. Häufig bekommen die Kunden nicht einmal ihre eingezahlten Beiträge zurück.

  • Später Fehler

    Die Idee der Volksfürsorge-Berater, etwa eine Rentenpolice aus jungen Jahren gegen eine neue zu tauschen, geht oft zulasten der Versicherten. Diese zahlen dann erst mal über viele Jahre die Kosten des neuen Vertrags ab. In die Altersvorsorge wandert kaum etwas.

Viele Berater bezweifeln, dass nur solche Kunden den Vertrag wechselten, für die es auch wirklich sinnvoll gewesen sei, etwa weil die staatliche Förderung den Steuernachteil nicht kompensiert. Die Nettorenten hätten die Berater ihren Kunden gar nicht vorrechnen können, weil die Software das nicht hergegeben habe. Doch das wäre für einen fairen Vergleich nötig. Die Volksfürsorge sagt hierzu, sie hätte sichergestellt, dass keine Vertragsumstellungen zum Nachteil der Kunden vorgenommen werden konnten.

Gefährliche Abwärtsspirale

Die dubiose Aktion war für die Volksfürsorge eine „Erfolgsstory“, wie Vorstandssprecher Felske im Intranet berichtete. Sodass das einstige Gewerkschaftsunternehmen die ersten beiden Geschäftsjahre als Vertriebsorganisation von Generali mit Gewinn abschloss. Auch im vergangenen Geschäftsjahr hat die Volksfürsorge ihre selbst gesteckten Ziele zu mehr als 100 Prozent erfüllt. Allerdings wurde das Geschäft Ende 2011 durch eine Art Schlussverkauf beflügelt, weil der Garantiezins zum Jahreswechsel von 2,25 auf 1,75 Prozent fiel.

Entsprechend mau läuft das Geschäft in diesem Jahr an. Laut interner Zahlen, die der WirtschaftsWoche vorliegen, hat die Volksfürsorge bis zum 18. Mai ihr Verkaufsziel lediglich zu 74 Prozent erreicht. In der für sie so wichtigen Produktkategorie Lebens- und Rentenversicherungen schaffte das Unternehmen die Vorgaben sogar nur zu 70 Prozent. Von knapp 3000 hauptberuflichen Mitarbeitern, die länger als fünf Monate dabei sind, gelten laut Vertriebs-Cockpit gerade einmal 772 als „produktiv“. Das heißt, sie haben ihre gesteckten Ziele im Vertrieb erreicht. 1778 Volksfürsorge-Mitarbeiter dagegen gelten bezogen auf die ersten fünf Monate dieses Jahres als nicht produktiv.

Damit droht dem Unternehmen eine gefährliche Abwärtsspirale. Denn geht ein Mitarbeiter mit einem dicken Minus ins zweite Halbjahr, wird er seinen Rückstand bis Ende Dezember kaum noch aufholen können. Aber nur dann bekommt er zu seinem festen Gehalt noch einen Bonus für jeden Vertragsabschluss. Die schlechten Aussichten sind geeignet, den Vertrieb für den Rest des Jahres zu lähmen.

Verschärft wird dieses Problem durch die hohe Fluktuation bei der Volksfürsorge. Von 100 Vertriebsassistenten sind laut einer internen Präsentation mit dem Titel „Unser Weg zur Vision 2015“ nach 36 Monaten nur noch 20 als hauptberufliche Verkäufer tätig und gerade mal sechs davon sind „produktiv“. In den ersten vier Monaten dieses Jahres kommen auf 91 neu eingestellte Vertriebsassistenten 106 Abgänge. Für das Unternehmen ist das ein Drama.

Anzeige

Erstens kostet die Ausbildung eines Mitarbeiters die Volksfürsorge laut Insidern im ersten Jahr rund 60.000 Euro. Die Volksfürsorge gab hierzu keine Stellungnahme ab. Das Geld ist futsch, wenn der neue Kollege gleich wieder geht. Zudem müssen sich die Kunden immer wieder an neue Ansprechpartner gewöhnen.

Zu diesem Artikel
76 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.02.2013, 14:48 UhrBauzaun

    Noch etwas, nachdem ich mich um noch eine kleine Weile als MIZ betätigt hatte und dies jetzt nach Umstrukturierungen nicht mehr wollte kam eine kleine Rechnung aus der Zeit der Hauptberuflichen Tätigkeit. SIe haben über dem Garantieeinkommen verdient und hatten Stornos,überweisen Sie den genannten Betrag bis innerhalb von zwei Wochen oder wir werden die Summe gerichtlich einfordern und Säumnisse werden mit 5% über dem Zinsatz von 4,86% verzinst eingefordert. Ihr Michael Möller. Vielen Dank dass man so nette Briefe bekommt

  • 06.08.2012, 23:13 UhrVofueaner

    Mittlerweile fahren die Organistionsdirektoren durch
    die Lande und verunsichern die Bezirksdirektoren!
    Dieses Unternehmen wird nur noch mit Panikmache
    geführt ! Und die ganze Sache mit Fairness und Verlässlichkeit
    ist nichts als purer Hohn! Keine Führungskraft (Od und VD)
    interessiert es wie es den Menschen geht! Alles nur Söldner !!
    RETTE SICH WER KANN !!!

  • 20.07.2012, 14:16 UhrVersicherungsmaklerbureau

    @ Realist

    Mit Ihrem letzten Absatz sagen Sie eigentlich schon Alles.

    Und - Warum wurde denn wohl der Garantiezins auf 1,75% gesenkt!?

    Geben Sie hier Vorgaben Ihres Vertriebsleiters zum Besten oder haben Sie sich hierzu auch eine eigene Meinung gebildet.

    Fondsgebundene Riesterprodukte liegen bei jährlichen Kostenquoten von mind. ca. 8 - 12%.

    Welche Rendite möchten Sie denn Ihrem Mandanten dauerhaft versprechen um alleine diese Kostenquote aufzufangen!?

    Wo liegt bei einer derart hohen Kostenbelastung der Vorteil eines Mandanten im Vergleich zu seinem Altvertrag.

    Sonstige Vorteile des Altvertrages respektive Nachteile des Neuvertrages mal nicht berücksichtigt.

    Gewinner sind auf jeden Fall erst einmal Sie.

    Förderprodukte lohnen sich, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, für Geringverdiener mit vielen Kindern und Doppelverdiener mit sehr hohen Einkommen mit/ohne Kinder.

    Ansonsten einzig und alleine für den Vermittler.

    Und der ist meist ein Jahr später nicht mehr da um ihn haftpflichtig machen zu können.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Was die Bahn bewegte: Rückblick auf die Woche 21
Was die Bahn bewegte: Rückblick auf die Woche 21

Viel passiert ist nicht. Die nachrichtenarme Zeit haben Institutionen und Verbände genutzt, um auf den desolaten Zustand...

    Folgen Sie uns im Social Web

WirtschaftsWoche Shop

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.