Versicherung: Explosive Stimmung bei der Allianz

Versicherung: Explosive Stimmung bei der Allianz

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Das Logo des Versicherungskonzerns Allianz

Es brodelt bei der Allianz: Nach dem Bericht der WirtschaftsWoche über Missstände machen viele Mitarbeiter ihrem lange aufgestauten Ärger Luft.

Die Stimmung im Allianz-Konzern ist explosiv. Vertreter kämpfen verzweifelt gegen sinkende Marktanteile, Mitarbeiter im Innendienst sind zermürbt vom größten Unternehmensumbau aller Zeiten. Gleichzeitig sorgt sich das Top-Management um die Konzerntochter Dresdner Bank. Analysten rechnen damit, dass die Dresdner infolge der internationalen Kreditkrise weit höhere Beträge abschreiben muss als bislang bekannt.

In dieser Situation wirkte der Bericht der WirtschaftsWoche über die Missstände beim einstigen Vorzeigekonzern wie ein Stich ins Wespennest. Auf der Internet-Seite wiwo.de war der Bericht mit dem Titel „Blaues Wunder“ in kürzester Zeit der mit Abstand meistgelesene und kommentierte Text. Zu Dutzenden machten Allianz-Mitarbeiter im Online-Forum ihrem offenbar lang aufgestauten Ärger Luft. Gleichzeitig wurde die Story massenhaft per E-Mail versendet, Vereinigungen der Allianz-Vertreter verbreiteten den Artikel über das eigene Intranet.

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Die Kommentare bestätigen nur, was der WirtschaftsWoche-Report zutage fördert. „Die Missstände, die Sie beschrieben haben, stimmen zu 100 Prozent“, schrieb etwa Theodor M.* aus Frankfurt am Main, seit fast 20 Jahren im Innendienst der Allianz. „Die Stimmung im Unternehmen ist eine absolute Katastrophe. Sie ist so schlecht, dass die Ergebnisse der Mitarbeiterbefragung 2007 nur im Kreis von wenigen Mitarbeitern diskutiert und dann zur Geheimsache erklärt wurden. Der alte Geist der Allianz, die Begeisterung der Mitarbeiter für ihr Unternehmen, ist Geschichte.“

Seit Deutschland-Chef Gerhard Rupprecht 2006 den Umbau des Konzerns angekündigt hatte, sei die Kluft zwischen dem Management und den übrigen Angestellten immer tiefer geworden, schreibt der Innendienstler. „Die Führung hat keine Bindung mehr zu ihren Mitarbeitern. Sie hat keinerlei Unterstützung für den Umbau, sie erteilt deshalb nur noch Befehle. Ihr ist jedes Verständnis für die realen Verhältnisse im Konzern abhandengekommen.“

Einen Grund für die Malaise sieht Theodor M. in eingeschüchterten Führungskräften: „Aus Angst, ihren Job zu verlieren, traut sich keiner, Kritik zu äußern. Jede Führungskraft schönt die Berichte, die nach oben abgegeben werden. Bis die Berichte in der Konzernzentrale in München angekommen sind, sind sie so verfälscht, dass sie fast nichts mehr mit der Realität zu tun haben.“

Susanne C.*, Sachbearbeiterin in Baden-Württemberg, nennt den angestrebten Personalabbau von über 5000 Allianzlern „absolut unsinnig“. Dies führe zu „Rückständen an fast allen Allianz-Standorten, zu Zusatzschichten am Abend und am Wochenende“. Mitarbeiter würden unter Druck gesetzt, sich an zusätzlichen Arbeitseinsätzen zu beteiligen. „Drohungen, dass die Arbeit ansonsten nach extern verlagert wird, sind an der Tagesordnung.“ Viele seien „fertig mit den Nerven, die sitzen vor ihren Aktenbergen und heulen“, schreibt die Sachbearbeiterin. „Jedes Mal, wenn ein Sturm über Deutschland hinweggeht, hoffen alle, dass es nicht zu großen Schäden kommt. Sonst würde die Schadenbearbeitung vollends zusammenbrechen.“

Um Rückstände abzuarbeiten, würden nun Hunderte externer Aushilfskräfte eingesetzt. „Statt sich einzugestehen, dass die Allianz mit 5000 Leuten weniger nicht funktioniert, werden immer mehr unqualifizierte Aushilfen geholt“, schreibt die langjährige Mitarbeiterin. „Es geht nur darum, dass Konzernchef Michael Diekmann vermelden kann, dass das Abbauziel erreicht wurde. Dass dabei der Service baden geht, wird einfach in Kauf genommen.“

Andere Mitarbeiter fühlen sich in ihrem Selbstverständnis als Allianzler verletzt. Außendienstler Christian W.* etwa schreibt, er habe von Kindesbeinen an gelernt, was die Allianz von den anderen Anbietern unterscheide. „Mein Vater begann im Außendienst der Allianz, als ich sechs Jahre alt war“, schreibt er in einem langen Brief an die Redaktion. „Ich bin quasi mit dem blauen Adler aufgewachsen. Wir sprachen zu Hause von der ,Mutter Allianz‘.“ Jetzt müsse er aber erkennen: „Zufriedene Kunden oder fast nicht messbare Stornoquoten werden bei der Allianz nicht honoriert. Bezahlt wird Neugeschäft um jeden Preis.“ Ständig würden die Vorgaben hochgeschraubt. „Nur wer die Vorgaben erfüllt, kann noch eine Bonifikation bekommen.“ Bei derlei wollte er aber nicht mitmachen, sondern habe seinen Kunden nur Policen verkauft, die sie wirklich brauchten. „So habe ich mir den Weg zu den Boni verbaut. Aber ich konnte wenigstens noch in den Spiegel schauen.“

Nach fast 30 Jahren bei der Allianz zieht er eine bittere Bilanz: „Die Mutter Allianz hat sich zur bösen Stiefmutter gewandelt.“ Die Aktionäre gingen im Unternehmen über alles, schreibt er, „die Mitarbeiter und Kunden werden dagegen mit Füßen getreten“. Seine Konsequenz: „Ich habe zu einem Wettbewerber gewechselt. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Hier steht der Kunde noch im Mittelpunkt.“

Konzernchef Michael Diekmann kennt die Probleme und will bis 2010 in den meisten Märkten weltweit, auch in Deutschland, die Allianz zum Versicherungsunternehmen mit den zufriedensten Kunden machen. Bei Mitarbeitern sorgen die hehren Ziele jedoch für Bitterkeit: „Als ich das in Ihrem Text gelesen habe, wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, schreibt Rupert O. aus Bayern. „Das sind leere Versprechungen. Wir können das Geschwätz von der Kundenorientierung nicht mehr hören. Bei uns Vertretern gibt es einen Spruch, der den Umgang des Allianz-Managements mit den Kunden auf den Punkt bringt: Die Kundeninteressen stehen im Mittelpunkt – und dort stören sie gewaltig.“

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