Versicherungen: Mauscheln und Hoffen

Versicherungen: Mauscheln und Hoffen

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Der Ground Zero aus der Vogelperspektive

von Rüdiger Kiani-Kreß und Anke Henrich

Auch wenn viele Deutsche das Gegenteil glauben: Weder Assekuranz noch Konzerne können Megaschäden begleichen. Am Ende müssen andere dafür aufkommen.

Die Autofahrt von Neuss bei Düsseldorf nach Frankfurt führt nur selten durch landschaftliche Kleinode. Umso mehr ist die 200 Kilometer lange Strecke ein Dorado für Versicherungsexperten. An der A 57 hat der Chemiekonzern Bayer gerade eine 67 Kilometer lange Pipeline für hochgiftiges Kohlenmonoxid fast fertig gebaut – wehe, wenn die einmal leckschlägt. Wenig später liegt linker Hand das Bayer-Werk in Dormagen – viele gefährliche Anlagen.

20 Kilometer weiter, an der A 3 bei Leverkusen, ragen die Türme von noch mehr Bayer-Anlagen in den Himmel – mit noch mehr Chemikalien. Eine halbe Stunde später donnert eine Frachtmaschine über die Köpfe der Autofahrer in Richtung Flughafen Köln-Bonn. Nach Siebengebirge und Taunus, beim Wiesbadener Kreuz, erahnen Kenner das Atomkraftwerk Biblis A südlich von Darmstadt. Schließlich rücken Frankfurts Banken-Türme heran – nicht so hoch, aber ebenso imposant und symbolträchtig wie das World Trade Center in New York, das Terroristen am 11. September 2001 per Flugzeug zum Einsturz brachten.

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Deutschland ist schön – aber auch voller Risiken. Japans Atomdesaster rückt die möglichen Katastrophen auch hierzulande verstärkt ins Bewusstsein. Den Versicherungsgesellschaften ist die Wahrscheinlichkeit eines Ernstfalls klar – aber auch die eigene Begrenztheit. „Ohne staatliche Beteiligung können Extremschäden erheblich unterversichert sein“, schreibt lapidar der Rückversicherer Swiss Re in einer Broschüre. Im Klartext: Bei Terroranschlägen oder einer Kernschmelze sind die Folgen größer als alles, was Assekuranzen und Unternehmen stemmen können. Die Konsequenzen tragen die direkt Geschädigten und die Steuerzahler. Darüber sind sich die wenigsten Deutschen im Klaren. Sie glauben an das wasserdichte Zusammenwirken von Unternehmen sowie Erst- und Rückversicherern. Doch unter dem Druck der seit sieben Jahren sinkenden Prämien in der Industrieversicherung ist die Kalkulation vieler Assekuranzfirmen mehr als auf Kante genäht. „Viele Erstversicherer wenden für Schäden und interne Kosten mehr auf, als sie durch Prämien einnehmen. Der Rest muss aus Kapitaleinkünften finanziert werden, die sie aus den angelegten Kundengeldern generieren“, sagt Jochen Körner, Mitglied der deutschen Geschäftsleitung des Industriemaklers Marsh.

Oft reicht die Abdeckung von Schäden durch Prämien deshalb nur für 20 bis 30 Prozent der Schadenssumme. Christian Hinsch, Chef der HDI-Gerling Industrieversicherung, sagt: „Diese Versicherer greifen dann zur Quersubventionierung durch ihr profitableres Kerngeschäft, weil sie beispielsweise einem ihrer großen und ertragreichen Vermittler ein großes Industrierisiko nicht ablehnen wollen.“ Viele gehen solche gefährlichen Wege auch, weil sie andere Verträge mit diesem Kunden nicht verlieren wollen oder das Unternehmen als Vorzeigekunden benötigen. Diese ungute Entwicklung zulasten Dritter könnte jetzt gebremst werden, indem die Versicherer die Tragödie in Japan nutzen, um die die Prämien zu erhöhen. „Wann, wenn nicht jetzt“, sagte der Vorstand einer großen Versicherung.

Gefährliches Kräftemessen

Was ein Risiko kostet und in welchem Umfang es abgedeckt wird, handeln Unternehmen, Makler, Erst- und Rückversicherer untereinander aus. Eine einzelne Versicherung übernimmt in der Regel einen Schaden von maximal gut einer Milliarde Euro. „Mehr kann keine Versicherung für ein einzelnes Unglück abdecken“, sagt ein Brancheninsider. Zwar schließen sich Versicherer nicht selten zu Konsortien zusammen, um viel höhere Risiken zu stemmen. Aber selbst noch hohe Summen können zu niedrig sein. Japans Regierung kalkuliert inzwischen mit Fukushima-Kosten von 220 Milliarden Euro für alle Folgen durch Erdbeben, Tsunami und Atomdesaster. „Schon 50 Milliarden Euro Deckungssumme wären zu viel, selbst wenn sich alle großen Versicherer der Welt zusammenschlössen“, so der Insider.

Im Idealfall läuft ein Deal zwischen Unternehmen und Versicherungen so ab: Der Chef etwa eines Chemieunternehmens wendet sich zunächst an einen Industriemakler, der für ihn – oft anonymisiert – erste Angebote einholt. Das Unternehmen entscheidet sich für das beste Angebot mit der günstigsten Prämie, anschließend taxiert der Versicherer das Risiko und kalkuliert ein Angebot. Das Unternehmen willigt ein, der Makler kassiert von der Versicherung seine Provision. Die Versicherung ihrerseits sucht gegen zusätzliche Prämie Rückendeckung bei einem Rückversicherer. Die Praxis sieht oft anders aus. Für viele Unternehmen zählt nur die Prämie, auch wenn die nur Promillewerte der Versicherungssumme ausmacht. Der mögliche Schaden tritt in den Hintergrund. Stefan Röhrig, Senior Risk Consultant beim Versicherer Chartis aus Frankfurt, erklärt das so: „Die Prämie ist sofort fällig; aber ob der Schaden jemals eintritt – wer weiß? Viele Kunden fragen sich dann, ob nicht die bestehende oder eventuell eine bessere Eigenvorsorge reicht. Das belastet die Bilanz weniger, verbessert Rating und Dividende.“

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