
HamburgEr zeigt gerne, dass er sein Handwerk versteht: Martin Winterkorn. Wenn alle zwei Wochen auf dem Schadenstisch des Autobauers Volkswagen in Wolfsburg die Komponenten landen, die bei der Entwicklung neuer Modelle nicht funktionieren, greift der Chef zum Werkzeug. Genauer gesagt: zum „Winterkorn-Besteck“.
Dazu gehören ein Feuerzeug, ein Nagel, diverse Schraubenzieher und -schlüssel. Mit diesen Utensilien traktiert er die Bauteile. Der Mann mit der kräftigen Statur lässt sich nichts vormachen. Sein Handwerk hat er im Labor gelernt: erst als Physiker, dann als Qualitätssicherer. Winterkorn liebt die Präzision.
In einem Alter, in dem andere in Rente gehen, will der VW-Chef beweisen, wer der Beste ist. Heute wird der Manager aus Münchingen bei Stuttgart 65 Jahre alt. Seinen Vertrag hat der Aufsichtsrat verlängert - und zwar nicht nur um ein paar Monate, sondern um Jahre. Bis Ende 2016 soll Winterkorn VW führen. Anschließend gilt sein Wechsel in den Aufsichtsrat als sicher.
Seine wichtigsten Aufgaben auf dem Weg zum Weltmarktführer sind: profitables Wachstum, die schwierige Integration von Porsche und schließlich der Generationswechsel an der Spitze.
Bei VW ist alles eine Nummer größer als anderswo. Der Konzern verfügt nach dem Kauf von MAN und Ducati über elf Marken, produziert an 100 Standorten weltweit. Kein anderer deutscher Vorstandschef trägt Verantwortung für mehr als eine halbe Million Menschen weltweit, die gut 160 Milliarden Euro umsetzen.
Und kein Chef eines Dax-Unternehmens verdient mehr: Gut 16,5 Millionen Euro zahlte VW Winterkorn im vergangenen Jahr. Sein Rekordgehalt - für die „Bild am Sonntag“ der „heißeste Lohnzettel Deutschlands“ - hat die Debatte über eine Deckelung von Managerbezügen neu entfacht.
„Ich vergesse nicht, wo ich herkomme“
Das Geld legt Winterkorn vorwiegend in Immobilien an. Er bleibt bodenständig - trotz des vielen Geldes und der zahlreichen Preise und Ehrungen, die er seit Amtsantritt vor fünf Jahren bekommen hat. „Einem wie Martin Winterkorn nimmt man ab, dass er auch im Erfolg nicht abhebt“, sagt Bosch-Chef Franz Fehrenbach. Der Chef des weltgrößten Autozulieferers erkennt in Winterkorns „Kultur der Präzision“ den Schwaben wieder, der die erste Karrierestation Ende der 70er-Jahre bei Bosch absolvierte.
Winterkorn hat sich nach oben gearbeitet. Er ist der Sohn eines 1946 aus Ungarn vertriebenen Donauschwaben, dessen Familie anfangs in Baracken lebte. „Ich vergesse nicht, wo ich herkomme“, sagt Winterkorn und verlangt auch von anderen Bodenhaftung. Mit 18 Jahren kaufte sich der jüngste von drei Söhnen als erstes eigenes Auto einen rostigen Ford.
Winterkorn stieg 1981 in die Automobilbranche ein, als Assistent des Qualitätsvorstands bei der VW-Tochter Audi. Dort trifft der neugierige Wissenschaftler einen Mann aus besseren Kreisen, der sein Leben verändert: den Porsche-Enkel Ferdinand Piëch.
Der zehn Jahre ältere Piëch ist damals Technikvorstand bei den Ingolstädtern. Beim Spanisch-Sprachkurs lernten die beiden Männer sich kennen und schätzen. Seit 30 Jahren bilden sie mittlerweile das erfolgreichste Duo der Industrie - auch wenn sie sich immer noch siezen. „Er macht die Innovationen, ich sichere sie ab“, sagt Winterkorn über Piëch, der VW-Chefaufseher ist.
Winterkorn ist selten im Büro. Um VW zur Nummer eins weltweit zu machen, um also Rivalen wie Toyota und General Motors zu überholen und Allianzen schwächelnder Konkurrenten wie die zwischen Fiat und Mazda auf Abstand zu halten, testet er lieber neue Modelle in Grenzbereichen, beispielsweise im ewigen Eis der Arktis.
Und was macht er am Geburtstag? Was er jeden Tag macht: arbeiten.
























