Volkswagen: Kampf um VW: Piëch hat gute Karten gegen Porsche

Volkswagen: Kampf um VW: Piëch hat gute Karten gegen Porsche

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Glanzvolles Gezank: Porsche-Chef Wiedeking und Aufsichtsratschef Piech streiten um die Vormacht bei VW und Porsche

Heute kommt sogar Bundeskanzlerin Merkel zur Betriebsversammlung der VW-Belegschaft in Wolfsburg. Hinter den Kulissen tobt ein Kampf um die Macht bei Volkswagen. VW-Aufsichtsratschef Piëch hat dabei gute Karten. Porsche-Chef Wiedeking muss die Wogen glätten, weil er Wolfsburg existenziell braucht.

Wendelin Wiedeking hat wieder einmal eine Rekordernte eingefahren – auf seinem Acker in Bietigheim: Weit über eine Tonne Kartoffeln „von festkochender Sorte“ hat er in den vergangenen Wochen mithilfe seiner Nachbarn eingebracht und in einer Scheune zwischengelagert. „Da kann man einen ganz tollen Kartoffelsalat draus machen“, schwärmt der Porsche-Chef.

Auch über sein Kerngeschäft mit Fahrzeugen weiß Wiedeking an diesem Abend in der „Ochsen-Post“ zu Tiefenbronn bei Stuttgart Positives zu berichten. Das Geschäftsjahr 2007/08 entwickele sich ausgezeichnet und auf einen neuen Rekordgewinn zu: „Wir haben alle Ziele erreicht – unsere Aktionäre werden zufrieden sein.“

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Ja, alles könnte so schön sein, hätte es am vorvorigen Freitag auf der VW-Aufsichtsratssitzung nicht diesen Eklat gegeben, indem der 71-jährige Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch seinem 65-jährigen Cousin Wolfgang Porsche und den übrigen Anteilseignern durch Abwesenheit und Enthaltung eine Abstimmungsniederlage beibrachte. Und es zeigt sich nun, da Zeit ins Land gezogen ist, noch etwas anderes: Nämlich dass Piëch gute Karten besitzt, um seine Macht in Wolfsburg zu konservieren – obwohl Porsche Volkswagen mit der Aufstockung seiner Beteiligung von gut 30 auf 35,14 Prozent in der vergangenen Woche zur Tochterfirma degradiert hat.

Zu verzwickt ist das Macht- und Interessengefüge bei Europas größtem Autohersteller, als dass der oberste Kontrolleur abgesetzt und Porsche-Chef Wiedeking als Nachfolger inthronisiert werden könnte. Und zu weit ist andererseits die Übernahme von VW durch Porsche fortgeschritten, als dass eine der Parteien zurückrudern oder einen Stellungskrieg durchhalten könnte: Die Verschmelzung von Porsche und VW ist nicht mehr aufzuhalten. So wird diese Woche eine 200 Mann starke Mannschaft der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young in Wolfsburg aufmarschieren, um die Bücher des Konzerns penibel zu prüfen und damit die spätere Konsolidierung von VW in der Bilanz von Porsche SE vorzubereiten.

Wiedeking will Dauerclinch mit VW nicht riskieren

Schon ließ Wiedeking am Dienstagmittag via Pressemitteilung verbreiten: „Wir freuen uns auf die Fortsetzung und Vertiefung der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit dem Volkswagen-Vorstand.“ Einen Tag später legte er noch einmal nach und lobte die Arbeit der VW-Manager („Die leisten ganz tolle Arbeit“).

Ein Blick nach Ingolstadt, wo die VW-Premiumtochter Audi residiert, gibt eine Ahnung davon, weshalb Wiedeking den Dauerclinch mit Wolfsburg nicht riskieren will. Denn hier in Bayern zeigt sich ein zentraler Punkt des Konflikts zwischen Wolfsburg und Stuttgart: nämlich dass Porsche von VW bisher profitierte und in Zukunft noch mehr profitieren will.

Allen voran Audi-Manager klagen, bei ihnen seien Porsche-Kollegen aufgelaufen, die durch das Unternehmen marschiert seien nach dem Motto: „Macht mal eure Schubladen auf und zeigt, was ihr habt. Ihr gehört ja eh bald zu uns.“ Was mit den Regeln der guten Unternehmensführung (Corporate Governance) ohnehin nicht vereinbar ist, wie ein jüngst im VW-Konzernauftrag erstelltes Rechtsgutachten nahelegt, packt die Audi-Ingenieure auch bei ihrem Stolz. Mancher hegt die Befürchtung, dass die Stuttgarter Kollegen ihr Know-how absaugen wollen, um eigene Entwicklungskosten zu sparen.

Richtig ist: Der große VW-Konzern verfügt über alles, was der Sportwagenhersteller, der gerade mal rund 100.000 Autos pro Jahr baut, für die Zukunft braucht: sparsame Dieseltechnik – vom kommenden Jahr an wird der Porsche-Geländewagen Cayenne mit einem Sechszylinder-Dieselmotor von Audi angeboten; den direkten Zugriff auf die besten Technologien der Zulieferer, die Volkswagen mit über sechs Millionen Autos stets den Vorzug geben gegenüber einem Kunden, der nur mit 100.000 Einheiten winkt.

Auseinandersetzung schwelt weiter

Doch bei Audi scheint der Wille zum Kuscheln mit Porsche nicht allzu groß. Bei Verhandlungen über ein Audi-Werkzeug für die Fahrwerksabstimmung bei Porsche kam es vor einigen Wochen zum Showdown. Nachdem der Audi-Manager einen Verkaufspreis genannt hatte, der nach Porsche-Schätzungen 30 Prozent überhöht war, erinnerte der aufgebrachte Besucher aus Stuttgart seinen Kollegen an die neuen Besitzverhältnisse im Konzern und drohte ihm mit personellen Konsequenzen – worauf der Audi-Mann den Konzernbetriebsrat zu Hilfe rief.

Solche Vorfälle dürften dazu beigetragen haben, dass der ehemalige VW- und Audi-Chef Piëch im Aufsichtsrat die Notbremse zog, indem er der Sitzung demonstrativ fernblieb. Er gab seinem Stellvertreter, dem früheren IG-Metall-Chef Jürgen Peters, die Vollmacht, über Entscheidendes mit Enthaltung zu stimmen. Folge: Porsche muss sich künftig in einem speziellen Ausschuss des VW-Aufsichtsratspräsidiums jede Kooperation mit Audi genehmigen lassen. Piëchs Cousin Wolfgang Porsche, der für den anderen Teil des Piëch-Porsche-Clan im VW-Aufsichtsrat sitzt, war, wie er sagte, „entsetzt“.

Damit schwelen die Auseinandersetzungen weiter, die Europas Autoprimus seit Monaten in Atem halten: um Arbeitnehmermitbestimmung und die Einflussnahme von Porsche bei der künftigen Entwicklung und Modellplanung des VW-Konzerns; um die künftige Struktur der Porsche SE-Holding, zu der auch VW als Tochtergesellschaft gehören wird – und die Frage, wer künftig wo das letzte Wort hat.

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