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Volkswagen: Verbannt an die Seitenlinie

von thomas.katzensteiner@wiwo.de (Frankfurt) und martin seiwert

Im Kampf um die Macht bei Volkswagen fällt die Vorentscheidung. Alles deutet auf einen Sieg für Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hin.

Endkontrolle des VW Golf 5: Volkswagen hebt nach blendenden Zahlen die Geschäftsprognose an,   dpa
Endkontrolle des VW Golf 5: Volkswagen hebt nach blendenden Zahlen die Geschäftsprognose an, Foto: dpa

Wer schläft diese Woche wohl schlechter? Wendelin Wiedeking oder Bernd Osterloh? Der eine ist Chef der Stuttgarter Autoschmiede Porsche, die gleichzeitig größter Anteilseigner von Volkswagen ist. Der andere ist der Betriebsratsvorsitzende von Volkswagen. So unterschiedlich Wiedekings und Osterlohs Rollen sind, so sehr eint beide, dass ihre Karrieren in Händen von Richtern liegen, die in der kommenden Woche die Weichen für die Zukunft ihrer Konzerne stellen. Heute, um 9.30 Uhr im großen Sitzungssaal, wird der Europäische Gerichtshof in Luxemburg das Urteil verkünden, ob das deutsche VW-Gesetz aus dem Jahr 1960 mit europäischem Recht vereinbar ist. Kippt das Gesetz, was viele erwarten, verliert das Land Niedersachsen als Großanteilseigner seine exponierte Stellung in dem Wolfsburger Konzern. Und Wiedeking könnte die Macht bei VW übernehmen, wenn Porsche die Anteile von derzeit 30 auf über 50 Prozent aufstockt. Morgen, um 10.30 Uhr, hält das Arbeitsgericht Stuttgart eine mündliche Verhandlung ab. Hier geht der Streit darum, ob Wiedeking eine neue Porsche Automobil Holding SE ins Handelsregister eintragen darf. Das Kürzel SE steht für Societas Europaea, zu deutsch: europäische Aktiengesellschaft. Die soll die jetzige Porsche AG ablösen und künftig als Dachgesellschaft die Geschicke bei Volkswagen lenken, sollten die Stuttgarter in Wolfsburg die Macht übernehmen. Damit droht der VW-Betriebsrat seine dominierende Rolle auf Arbeitnehmerseite zu verlieren. Das will er per Gerichtsbeschluss verhindern. Entscheiden werden die Richter kommende Woche aber über noch viel mehr. Von ihrem Urteil hängt ab, wer künftig das Sagen im größten europäischen Autokonzern hat, wie der VW-Konzern in ein paar Jahren aussieht und was aus der Mitbestimmung der Beschäftigten wird, wenn VW Teil einer Europa-AG wird. So muss Osterloh fürchten, dass die VW-Arbeitnehmer am Ende „von der Seitenlinie zuschauen müssen“, wie es ein Jurist formuliert. Zwar bleibt die Mitbestimmung grundsätzlich erhalten, wenn eine deutsche AG in eine europäische Aktiengesellschaft umgewandelt wird. Bei der Zusammensetzung der Arbeitnehmervertreter werden nach der gesetzlich vorgesehenen Regelung jedoch nur das Unternehmen selbst und seine konsolidierten Tochtergesellschaften berücksichtigt. Da VW noch gar nicht konsolidiert ist, sitzen im Aufsichtsrat der neuen Porsche-Holding nach europäischem Recht bislang auf Arbeitnehmerseite nur Porsche-Vertreter. Sollte Porsche den Anteil an VW nach dem erwarteten Fall des VW-Gesetzes auf über 50 Prozent erhöhen, wird Osterloh seine herausragende Position bei VW nach der jetzigen Planung nicht in die neue Konzerndachgesellschaft Porsche hinüberretten können. Er müsste sich damit zufriedengeben – wie Porsche-Betriebschef Uwe Hück in dem zugehörigen Vertragswerk bereits festgelegt hat –, dass die Arbeitnehmerbank in der neuen Holding paritätisch besetzt wird, wenn VW dazukommt: halb von Porsche-, halb von Volkswagen-Leuten. Und das, obwohl bei VW rund 320.000, bei Porsche dagegen nur 12.000 Beschäftigte arbeiten. Damit hielte Porsche-Chef Wiedeking alle Trümpfe in der Hand. In einem Konzern, in dem der Riese Volkswagen und der Zwerg Porsche auf gleicher Augenhöhe operierten, könnte Wiedeking mit Unterstützung seiner Leute auch unpopuläre Entscheidungen, die VW betreffen, durchdrücken. Er hätte den direkten Durchgriff auf alle Produktions- und Entwicklungskapazitäten des Wolfsburger Autobauers. Auch könnte er mit Porsche bei VW unterschlüpfen, um mit dem niedrigeren CO2-Ausstoß der Volkswagen-Fahrzeuge künftig drohenden Strafzahlungen für den hohen Spritverbrauch der Zuffenhausener Sportwagen aus dem Weg zu gehen.

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Die Gerichtsurteile werden auch den heutigen VW-Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch treffen. Der 70-Jährige wird die geschwächten VW-Arbeitnehmervertreter wohl kaum mehr nutzen können, um seine Interessen durchzusetzen. So durfte Piëch vor Jahren mit Unterstützung der Arbeit-nehmervertreter Luxusmarken wie Lamborghini, Bentley oder Bugatti übernehmen, obwohl alle drei, milde formuliert, Sanierungsfälle waren. Dafür verzichtete Piëch auf groß angelegte Stellenstreichungen und billigte der VW- Belegschaft einen Haustarifvertrag zu, der deutlich über dem lag, was in der übrigen Metallindustrie seinerzeit üblich war. IG-Metaller beklagen bereits, sie hätten von dem VW-Patriarchen, dessen Familie knapp 47 Prozent der Porsche-Stimmrechte hält, in jüngerer Zeit ein klärendes Wort vermisst. „Das hat uns sehr überrascht. Früher hätte er sich in einer solchen Situation auch mal öffentlich geäußert“, sagt ein Metaller. Doch Piëch blieb still. Dafür drängt in jüngster Zeit Piëchs Vetter Wolfgang Porsche offenbar mehr ins Rampenlicht. Die Porsche-Familie hält mehr als 53 Prozent an dem Stuttgarter Autobauer und damit auch an der neuen Holding. Damit könnte Wolfgang Porsche die Oberhand gewinnen und mit Wiedeking den Rest der Anteilseigner einschließlich VW dominieren. Dabei ist offen, welche Rolle VW-Konzernchef Martin Winterkorn in diesem Reigen spielen würde. Ein Platz im Vorstand der neuen Porsche-Holding ist für ihn zur- zeit nicht vorgesehen, wäre theoretisch aber denkbar, wie Porsche-Finanzvorstand Holger Härter kürzlich durchblicken ließ. Allerdings fühlten er und Wiedeking sich momentan „auch so“ wohl. Vielleicht ist es deshalb am Ende Winterkorn, der böse erwachen wird. VWler in Wolfsburg sorgen sich inzwischen, Wiedeking könnte in der neuen Konzernstruktur die acht Marken von Volkswagen mit Porsche organisatorisch auf eine Stufe stellen. Zwar werden derlei Pläne bei Porsche gegenwärtig entschieden bestritten. Käme es allerdings doch einmal dazu, bräuchte es möglicherweise gar keinen VW-Konzernchef mehr. Dass Winterkorn sich einmal als einfacher Markenchef und Angestellter von Wiedeking an der kurzen Leine führen lassen würde, kann sich jedenfalls kaum einer vorstellen, der den stolzen Ingenieur kennt.

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