Vor Hiesinger-Amtsantritt: Alan Hippe flüchtet aus der ThyssenKrupp-Führung

Vor Hiesinger-Amtsantritt: Alan Hippe flüchtet aus der ThyssenKrupp-Führung

von Andreas Wildhagen

Mit Alan Hippe geht der erste Vorstand - bevor Heinrich Hiesinger das Zepter als Konzernchef von ThyssenKrupp übernimmt.

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Alan Hippe

Am Freitagmorgen schlug die Nachricht fast wie eine Bombe ein: Der Finanzchef von ThyssenKrupp, Alan Hippe - erst seit knapp über einem Jahr bei ThyssenKrupp in Amt und Würden - verlässt mit sofortiger Wirkung des Konzern. Sofort nach Veröffentlichung der Nachricht, die als erste das Handelsblatt in ihrer Onlineausgabe publizierte, begannen die Spekulationen um die Stimmung im ThyssenKrupp-Vorstand: Warum geht Hippe so Knall auf Fall? Gehen die anderen auch? Olaf Berlien, der Technologie-Vorstand, Edwin Eichler, der Stahlchef - sie gelten auch als Fluchtkandidaten.

Kronprinzen waren sie alle drei - Hippe, Eichler und Berlien. Sie alle erfüllten eine strikte Vorgabe von Krupp-Stiftungschef Berthold Beitz und Aufsichtsratschef Gerhard Cromme für die Neuberufung von Vorständen bei ThyssenKrupp: Sie sollten von außen kommen, nicht knöcheltief in der Stahlbranche und in der Revierkultur des Ruhrgebiets stecken. Sie sollten alle in Unternehmen weitab von ThyssenKrupp schon an der Führungsspitze gestanden und bewiesen haben, dass sie Konzerne führen können. Hippe kam von der Continental, wo er Finanzchef war. Eichler kam von Bertelsmann und hatte die Mohn-Druckereigruppe geleitet, Berlien kam von Zeiss. Vor Hippe war ein Metro-Finanzchef in den ThyssenKrupp-Vorstand berufen worden, der bei Beitz aneckte - und der innerhalb des Konzerns persönliche Bande küpfte, die Cromme zuviel waren. Zuviel Verständnis darf ein ThyssenKrupp-Vorstand seinen Mitarbeitern auch nicht entgegen bringen.

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Dumm nur, dass dem Trio - jedem für sich - die Chance für das Aufrücken in die Chefposition zumindest in Aussicht gestellt wurde. Hippe schien zum Schluß am nächsten dran gewesen zu sein. Der 44-Jährige war schon Kronprinz bei Conti-Chef Manfred Wennemer, bis dieser nach dem unglücklichen Einstieg der Schaeffler-Gruppe bei Conti gehen musste und Hippe seinen Mentor verlor. Diesmal schien er einen gehabt zu haben: Gerhard Cromme. Doch der entschied sich im Sommer für den Siemens-Industriechef Heinrich Hiesinger. Hiesinger war der Außen-Außen-Mann von ThyssenKrupp. Ex-Bertelsmann Eichler war nach zwei Jahren Stahlveranwortung schon zuviel Stahlmann für Beitz und Cromme, Berlien zu tief im Anlagenbau versunken - und Hippe in der im Konzern recht strittigen Einschätzung von Anlaufverlusten der viel zu teuer gebauten Stahlwerke in Brasilien und in Alabama (USA) verhakt.

Der Aufsichtsrat, aber auch schon der scheidende Vorstandschef Ekkehard Schulz wollten die Anlaufverluste so niedrig wie möglich einschätzen. Nichts für Hippe, der das Risiko weitaus höher einschätzte als es der Aufsichtsrat aktzeptieren wollte.

Alle drei waren maßlos enttäuscht gewesen, dass Cromme niemanden von ihnen zum Chef machte, sondern sie alle schon als verstrickte Insider bei ThyssenKrupp galten, die nicht mehr über den Tellerrand gucken können. Das traute ihnen Beitz nicht mehr zu. So schnell wird man zum Propheten im eigenen Land. Hiesinger, der erst seit Oktober als stellvertretender Vorstandschef agiert, hat gerade noch den Newcomer-Bonus, bevor auch er zum ThyssenKrupp-Inside-Bewahrer wird. Ab dem 21. Januar, dem Tag der Hauptversammlung von ThyssenKrupp in Bochum.

Wo geht ein Mann mit dem Kaliber von Hippe hin? Als Finanzchef zu Daimler, so das Gerücht. Wer ist der nächste bei ThyssenKrupp? Edwin Eichler, so die Konzerngerüchteküche in Essen. Eichler hat das Stahlgeschäft zumindest aus der Verlustzone geholt - und wirkt schon wie altes Eisen. Er fühlt sich karrieremäßig aber ziemlich rostfrei - und "wird sich auch unter Hiesingers Ägide nicht abschleifen", sagt ein ThyssenKrupp-Kenner. Derselbe will wissen, dass Eichler schon früh triumphiert haben soll, dass er sich die Führungsschlachten in Essen künftig aus sicherer Entfernung in seiner Büroflucht an der Kaiser-Wilhelm Straße in Duisburg ansehen wird. Dort blickt er auf das riesige Stahlwerk, das er verantwortet - und wird nicht abgelenkt von schleichenden Demontageprozessen woanders.

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