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Wahre Tugenden: Vorbildliche Helden

Quelle: Handelsblatt Online

Gierige Banker, plagiierende Politiker, ein Präsident, der sich Vorteile verschafft, und ein Kapitän, der zuerst von Bord geht: Reihenweise purzeln Vorbilder von ihren Sockeln. Das muss kein Nachteil sein.

Uli Hoeneß: Der Sohn eines Metzgers blieb seiner Linie stets treu. Quelle: Reuters
Uli Hoeneß: Der Sohn eines Metzgers blieb seiner Linie stets treu. Quelle: Reuters

Die Würde eines Berufsstandes zerschellte an einem Felsen im Mittelmeer. Als Kapitän Francesco Schettino am Abend des 13. Januar das Kreuzfahrtschiff Costa Concorda vor der Küste Giglios zum Kentern brachte, versenkte er zugleich einen Mythos. Der Kapitän, jener Held in Weiß, der den Wirren der Weltmeere trotzt und bei einer Havarie als letzter Mann von Bord geht, ist nur noch Nostalgie. Francesco Schettino ging als Erster.

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Der Respekt vor dem höchsten Amt im Staat ist nicht zerstört, aber er schwindet an jenem Mittwochabend, als das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland sich einem TV-Gericht von ARD und ZDF stellen muss. Beide Seiten dieser merkwürdigen Sitzung werden geschrumpft: Die Journalisten wirken wie Karikaturen ihres Berufsstands, der Präsident wie ein Schulbube, den man beim Abschreiben erwischt hat.

Damit kennt sich das Fernsehpublikum mittlerweile aus: Als das größte politische Talent, das seit längerem die Bühne der Politik betreten hatte, den ersten Gegenwind verspürte, blies es ihn weg. Karl-Theodor zu Guttenberg, der bei seiner Doktorarbeit abgeschrieben hatte, verirrte sich in Ausflüchten. Binnen weniger Tage war wieder einer abgestürzt, der noch eben als vorbildlich galt.

Und am Mittwoch vergangener Woche erinnerten sich die Herren des Geldes, denen die Welt einen Großteil ihrer Probleme zu verdanken hat, an ihr eigenes gutes Recht. Eine Reihe von Hedge-Fonds-Managern beschloss, vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ihr Recht auf Rendite einzuklagen. Was ist eigentlich das Gegenteil von Vorbild? Die Desillusionierung über „die Eliten“ hat mittlerweile das Wort „Vorbild“
selbst erreicht. Es taugt zwar noch, um romantische Gefühle zu wecken. Aber alltagstauglich ist es schon lange nicht mehr. Zu groß sind die Enttäuschungen über vermeintliche Helden, die sich meist wenig später als Spitzbuben und Schlitzohren herausgestellt haben.

Die Heroen der New Economy haben nicht das Vermögen ihrer Aktionäre, sondern nur das eigene gemehrt. Der einstige Daimler-Chef Jürgen Schrempp schuf nicht die versprochene Welt-AG, sondern hinterließ einen Sanierungsfall. Bertelsmann-Boss Thomas Middelhoff, der in besonderer Weise junge Führungskräfte für sich einnahm, endete als fragwürdiger Karstadt-Sanierer, der hohe Boni kassierte und teure Privatflieger nutzte, als die Firma schon am Boden lag.

Über Ethik wird derzeit viel gesprochen – aber nicht in den Vorständen, sondern an Universitäten und bei Buchvorlesungen. An der Wall Street und in London gehen derweil die Exzesse munter weiter. Der Vorstandschef einer großen deutschen Versicherung sagt: „Im globalen Kasino wurden nicht die Regeln geändert, sondern ein Tisch zusätzlich hineingestellt.“

Geradezu hastig haben die Dax-Konzerne mit dem Abflauen der Börsenwelle die Bezahlung ihrer Top-Leute von Aktienoptionen auf höheres Festgehalt und saftige Pensionszusagen umgestellt. Auch das trägt nicht gerade dazu bei, Vorstandsvorsitzende zu Vorbildern zu stilisieren. Für Daimler-Chef Dieter Zetsche etwa wurden Pensionsrücklagen in einer Gesamthöhe von 26 Millionen Euro gebildet.


Der Leitstern wird eigenhändig zusammengeschweißt

Da der Mensch dennoch nicht ohne Leitbild leben kann und leben will, sucht er sich statt der Vorbilder das Vorbildliche. Das klingt ähnlich, aber ist doch sehr verschieden. Nicht mehr der eine überlebensgroße Mensch steht im Mittelpunkt der Sinnsuche, sondern die Werte, denen zu folgen sich lohnt.

Es ist ähnlich wie in der Religion, wo keine der großen Kirchen mehr für sich Begeisterung entfachen kann. Und dennoch ist das Spirituelle, die Sehnsucht nach einem Sinn jenseits von Konsum und Bruttosozialprodukt nicht verlorengegangen. Die Menschen suchen sich das Beste aus dem kirchlichen Angebot heraus: die Lebensnähe der Evangelen, das Traditionsbewusstsein der Katholiken, das Entspannende der Buddhisten. Die Soziologen sprechen von einer „Bastelreligion“, die immer mehr Menschen sich nach eigenem Gusto zusammenstellen.

Der Leitstern wird eigenhändig zusammengeschweißt – aus den bekannten Zutaten entsteht etwas Neues, etwas Eigenes. Womöglich ist dieser Vorgang zwangsläufig in einer vielfach fragmentierten Gesellschaft, in der das Kollektive sich auflöst, in der die eine Firma, die eine Ehe, das eine Hobby zugunsten des Jobwechsels, der Patchwork-Familie und der schnellen Abfolge von Moden und Trends aller Art gewichen ist.

Da trifft es sich gut, dass wir auch dem einen Helden den Laufpass gegeben haben. Er hat sich nicht bewährt. Er hat uns zu oft enttäuscht. Er hat sich der Liebe, die wir in ihn investiert haben, nicht würdig erwiesen.

Wir beobachten eine Generation bei der Sinnsuche, die ihr Wissen und ihre Sozialisation Google und Facebook verdankt, nicht mehr Brockhaus und dem Gottesdienst. Sie ist es gewohnt, Lebensentwürfe anzupassen, Autoritäten zu hinterfragen, sich aus der Fülle des Materials die eigenen Vorlieben zusammenzusuchen. Man sieht das, wenn man die Deutschen nach ihren Werten fragt, wie das etwa im vergangenen Herbst die Wertestudie Yougov gemacht hat. Wichtigstes Ergebnis: Toleranz wird den Deutschen wichtiger, Tradition und Respekt aber verlieren an Wert. Eine Gesellschaft, die Toleranz über den Respekt stellt, ist zugleich eine großzügige Gesellschaft: Sie verzeiht Fehler eher als die Vätergeneration. Aber das eine überlebensgroße Idol hat in ihr ausgedient.

Doch bei allem Politikverdruss und aller Wirtschaftsfeindlichkeit werden Politiker und Wirtschaftsbosse nicht grundsätzlich abgelehnt. Man muss beispielsweise kein CDU-Parteigänger sein, um die Bescheidenheit und den Fleiß einer Angela Merkel als vorbildlich zu empfinden. Und nur die wenigsten im Politbetrieb teilen die Euro-Feindlichkeit des jungen FDP-Abgeordneten Frank Schäffler – doch der Mut, mit dem der unbekannte Hinterbänkler ein Mitgliederbegehren in Gang setzte, imponierte vielen.

Auch Menschen, die mit Gewerkschaftsfunktionären nicht viel im Sinn haben, messen den Idealen von Solidarität und Gemeinsinn heutzutage hohe Priorität zu. Als DGB-Chef Michael Sommer kürzlich seinen 60. Geburtstag feierte, freute er sich über die Aufwartung der Kanzlerin und des Außenministers einer schwarz-gelben Koalition.


Besondere Zuneigung für Anshu Jain

Den Firmen geht es ähnlich. Auch wenn Unternehmertum von Millionen Menschen als schnöde Geschäftemacherei empfunden wird, weckt ein Steve Jobs Begeisterung, nötigt ein Berthold Beitz Respekt ab, orientieren sich hierzulande viele Beschäftigte an den Familienunternehmern, die trotz Konjunktureinbruch niemanden entlassen haben und unverdrossen in Aus- und Fortbildung investieren.    

Besondere Zuneigung erfährt auch ein Aufsteiger wie Anshu Jain, der neue Chef der Deutschen Bank, der bei vielen Jüngeren die Hoffnung lebendig hält, dass ein Aufstieg auch aus kleinsten Verhältnissen für jedermann möglich ist – durch Fleiß und Ehrgeiz. Wenn die offene und schichtendurchlässige Gesellschaft des Westens ein Symbol hat, dann verkörpert er es.

So lassen sich in der heutigen Welt zwar nicht viele Vorbilder, aber eben doch viele Vorbildlichkeiten finden, die als Ansporn und Ermutigung taugen. Mit dem Absturz des Helden geht der Aufstieg von Werten einher. Nach den Erkenntnissen der Yougov-Marktforscher zum Wertebild der Deutschen wünschen sich diese zu 60 Prozent mehr Ehrlichkeit – es folgen „Treue“ (22 Prozent), „Zuverlässigkeit“ (22 Prozent), „Aufrichtigkeit“ (9 Prozent) – erst auf Platz neun folgt mit „Offenheit“ ein Wert, bei dem es nicht um Ehrlichkeit geht.

Der Frankfurter Psychologieprofessor Henning Haase sagt: „Bei Vorbildern geht es nicht mehr um Nachahmung, sondern ums Vergleichen. Die Menschen suchen nach einem Referenzmodell, einer Benchmark, an der man misst, wo man selber steht.“

Referenzmodell, nicht Kopie. Auch das ist ein Unterschied zu früher.        

Es ist noch nicht lange her, da waren Idole und Helden gefragt. Wurde in den 80ern lange Zeit Mutter Teresa als Lichtgestalt angesehen, standen später Leistungssportler wie die Tennislegende Boris Becker und Formel-1-Weltmeister Michael Schumacher in der Gunst der Bürger ganz oben. Heute sehnen sich die Deutschen, wenn man den jüngsten Umfragen trauen will, nach einem 93-jährigen Kettenraucher – Helmut Schmidt sein Name.

Der ehemalige Bundeskanzler und SPD-Vorsitzende verkörpert wie kein anderer Bundespolitiker die Sehnsucht der Deutschen nach Kompetenz, Glaubwürdigkeit und moralischer Instanz. Mitten in der ersten Ölkrise rief der Ökonom Schmidt zusammen mit dem früheren französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing den Weltwirtschaftsgipfel ins Leben, den Vorläufer zur heutigen G20-Runde der Staats- und Regierungschefs. Schmidt reihte sich so ein in eine Phalanx aus politischen Glanzlichtern, zu denen die Deutschen aufschauten – und es heute wieder tun.

Zu solchen politischen Großtaten zählen auch das Wirtschaftswunder unter Kanzler Konrad Adenauer und Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, die Ostpolitik von Willy Brandt und die Wiedervereinigung Deutschlands durch Helmut Kohl. Auch die Trümmerfrauen, die mitgeholfen haben, die zerbombten deutschen Städte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vom Schutt zu befreien, sind für viele Bürger noch immer vorbildlich. Die Deutschen schauen zu ihnen auf.


Erzogen in der Tradition des Jainismus

Der Soziologe Robert Wicklund hat die Suche nach Vorbildern einst als „symbolische Selbstergänzung“ beschrieben. Und so schauen sich die Menschen um, ohne Unterlass. Sie schauen zur Seite, auf den Nachbarn und Kollegen, vor allem aber schauen sie nach oben. Die Kanzlerin taugt für viele auf höchst unpolitische Art zu Identifikation. Man schätzt ihre Bodenhaftung, ihre Strebsamkeit, und auch das Uneitle wird ihr hoch angerechnet.

Wenn Merkel auf europäischer Bühne zwischen einem selbstverliebten Nicolas Sarkozy und einem breitbeinigen Silvio Berlusconi auftritt, sieht sich der Deutsche in ihr. Merkel hat sich, als sie 2005 Kanzlerin wurde, auf den „Alten Fritz“ bezogen, Friedrich den Großen, den Preußenkönig, der das Preußentum einst zum Leitbild deutscher Befindlichkeit erhob: Sie wolle Deutschland dienen als Kanzlerin. Die oberste Machtfrau Deutschlands, ja vermutlich Europas, stellte sich als Servicekraft vor. Das wärmt nicht nur die Herzen, das erfreut auch den Verstand. In schwieriger Zeit ist es besser, da ist jemand am Steuerrad, der nicht mit sich, sondern den zu lösenden Aufgaben beschäftigt ist.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass in diesen Tagen ein zweiter Mann eine Schlüsselrolle in der Finanzkrise übernehmen wird, der in manchen Dingen dieser Kanzlerin ganz ähnlich ist. Nur dass ihn nicht eine gewisse Bescheidenheit, sondern brennender Ehrgeiz nach oben gebracht hat, der selbst in einer Branche voller Karrieresüchtigen seinesgleichen sucht.
Ehrgeiz, das kann das Gieren nach Macht sein. Das kann aber auch das Verlangen sein, aus dem eigenen Potenzial möglichst viel zu machen.

Es ist diese Art von Ehrgeiz, die Anshu Jain auszeichnet. Zielstrebig, durchsetzungsfähig, strebsam – es sind immer wieder die gleichen Attribute, die man zu hören bekommt, wenn man sich mit seinen Kollegen oder ehemaligen Weggefährten über den kommenden Chef der Deutschen Bank unterhält. Viele Worte, die vor allem für einen Charakterzug des Investmentbankers stehen: Ehrgeiz.

Man kann durchaus kritisieren, wie stark Anshu Jain die Deutsche Bank quasi zu einem Hedge-Fonds umgebaut hat, man muss seine Ansicht von der Rolle des Bankers in der Gesellschaft nicht teilen. Aber man kann diese Willensstärke bewundern, mit der Jain sich aus einer indischen Mittelschichtfamilie in den Geldadel vorgearbeitet hat.

Seine Eltern erzogen ihn in der Tradition des Jainismus, einer 2.000 Jahre alten indischen Religion, zu deren Prinzipien die Gewaltlosigkeit gegenüber allen Lebewesen gehört, aber auch Disziplin, Askese und Strenge. „Verbessere dich selbst!“ lautet eine der Grundregeln des Jainismus.

Selbst Jains Kritiker würden ihn wohl nicht in die Schublade des „gierigen Bankers“ stecken. „Auf seinem alten Posten hätte er problemlos mehr Geld verdienen und sich all den politischen Ärger und die Intrigen an der Spitze einer Großbank ersparen können“, sagt ein bekannter Deutschbanker.


Ann-Kristin Achleitner - gefragte Expertin

Jain treibe schlicht der Ehrgeiz an, überall der Beste sein zu wollen. Schließlich hätten seine Konkurrenten Bob Diamond bei Barclays und Stuart Gulliver bei HSBC auch den Aufstieg vom Chef-Investmentbanker zum Vorstandschef geschafft, und der Inder halte sich mindestens für genauso gut wie diese beiden Größen der Londoner City.

Jain ist eine Ausnahme, aber kein Zufallsprodukt. Das sieht, wer auf andere Lebensläufe schaut. Lebensläufe wie den von Ann-Kristin Achleitner.

Ihre akademischen Titel sind allenfalls die Grundlage für ihren Aufstieg. Die Karriere der Ann-Kristin Achleitner ist vor allem der Beleg dafür, dass eine Eigenschaft, ein Wert noch immer reüssiert, wenn man ihn nur ernst genug nimmt: Wissen. Oder Können. Oder die Kombination aus beidem.

Achleitner ist doppelt promoviert, in Betriebswirtschaftslehre und in Jura, und zwar nicht irgendwo, sondern in St. Gallen. Die anschließende Habilitation war da schon erwartbar. Mit 29 Jahren wurde sie Professorin. Das andere, das Topping auf dieser Grundlage, ist ihre aufgeschlossene Art und ihre Fähigkeit, extrem schnell und vernetzt zu denken.

In Davos scheint die 45-Jährige manchmal an mehreren Orten gleichzeitig zu sein – in Gedanken und physisch. Die Sozialunternehmer der Schwab Foundation, der Private Capital Industry Agenda Council des Weltwirtschaftsforums, die Young Global Leaders – das sind nur drei ihrer Engagements, die sie seit vielen Jahren vorantreibt.

„Ihr Wissen in Bezug auf Finanzierungsfragen ist einmalig. Hinzu kommt ihre unglaubliche Hilfs- und Einsatzbereitschaft“, sagt Mirjam Schöning von der Schwab Foundation.

Ihr Wissen und ihre Art sind nicht nur auf 1.600 Meter Höhe gefragt. So ist Achleitner inzwischen in den Aufsichtsräten der Dax-Konzerne Metro und Linde, im Verwaltungsrat der Schweizer Privatbank Vontobel und Mitglied der deutschen Corporate-Governance-Kommission. Und überall gibt es nur Gutes über sie zu hören – über ihre Expertise in Finanzierungsfragen und ihr Engagement.


Ein Schlagerwort der neuen Patchwork-Helden: Prinzip

„Ja, ich könnte, aber will ich auch?“ Das ist eine Frage, die sich Achleitner häufig stellen muss. Die Gefahr, sich zu verzetteln, ist immer da, ob in Davos oder auf Normalnull. Sie macht deshalb nur Dinge, bei denen sie sich als Expertin einbringen kann und etwas lernt. So prüft sie Angebote wie neue Aufsichtsratsmandate sehr genau, bevor sie sich bindet, und zieht sich auch schon einmal aus Gremien wieder zurück. „Proforma-Sitzungen und rein zeremonielle Veranstaltungen lehne ich ab“, sagt sie. Das ist eines ihrer Prinzipien.

Sie nennt damit so eines dieser Schlagerworte der neuen Patchwork-Helden: Prinzip. Man könnte es auch Haltung nennen. Jene Charakterstärke, die es nicht nur Prominenten erlaubt, sich Anerkennung und Respekt zu erarbeiten. Wie sehr die Menschen in Krisenzeiten nach solchen inneren Ankern greifen, zeigt sich daran, das selbst Normalsterbliche verehrt werden, nur weil sie Haltung und Standfestigkeit gezeigt haben.

Vor der Wohnungstür von Fregattenkapitän Gregorio De Falco lauern die Kameras, seit Tagen schon. Journalisten verfolgen ihn auf dem Weg von Livorno nach Grosseto, wo er vor Gericht seine Aussage macht über die Unglücksnacht, in der das Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ vor der kleinen Insel Giglio einen Felsen rammte. De Falco ist kein Held. Keiner hätte ihn bis vor zwei Wochen je als Vorbild genannt. Er wollte auch keines werden. Er wurde eins.

Denn De Falco ist der Mann, der mit seiner resoluten Haltung, seinem Appell an die Ehre des Kapitäns des verunglückten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia zum Helden dieses Unglücks wurde. Die Mitschrift dieser Heldenwerdung kursiert in ganz Europa in vielen Sprachen. „Gehen Sie zurück an Bord, das ist ein Befehl!“, blafft De Falco. Kapitän Schettino darauf: „Nein, ich weigere mich.“

De Falco: „Sie weigern sich, an Bord zu gehen, Kapitän? Sagen Sie mir den Grund, warum Sie nicht dahin gehen?“

Schettino: „Ich gehe da nicht hin, weil hier ein weiteres Rettungsboot angehalten hat.“ De Falco (sehr wütend und sehr bestimmt): „Sie gehen an Bord, das ist ein Befehl. Sie müssen keine weiteren Einschätzungen geben. Sie haben erklärt, das Schiff verlassen zu haben. Jetzt habe ich das Kommando. Sie gehen an Bord. Ist das klar? Hören Sie mich nicht? Gehen Sie und rufen Sie mich direkt von Bord aus an.“ So geht es noch Minuten weiter.

Man weiß nicht viel über De Falco. Er muss nicht besonders tugendhaft sein, nicht besonders brav, vielleicht ist er auch nicht besonders charismatisch. Aber er hat an diesem Tag bewiesen, wonach sich angesichts so vieler gefallener Helden Menschen sehnen: Haltung. Und Ethos. Da hat einer seine Pflicht getan.


Kompetenz ist ein Grundwert

Haltung muss nicht heißen, gegen Autoritäten aufzubegehren, Haltung heißt aber schon, gegen den Mainstream zu schwimmen, wenn dieser einem falschen Leitbild folgt. Der deutsche Princeton-Professor Markus Brunnermeier, 42, hat sich in dieser Disziplin hervorgetan. Er stammt aus dem Örtchen Altdorf bei Landshut und ist dank seines Sachverstands, seiner wissenschaftlichen Kreativität und seines kritischen Geists einer der weltweit gefragtesten Makroökonomen.

Spekulationsblasen auf Immobilien- und Anleihemärkten sind Brunnermeiers großes Thema; ebenso wie die Stabilität des Bankensystems und Reformen der Finanzmarktregulierung. Viel früher als die meisten seiner Kollegen stellte Brunnermeier dabei ein in der Wirtschaftswissenschaft lange akzeptiertes Dogma infrage: dass die Finanzmärkte effizient funktionieren.

Der US-Notenbankchef Ben Bernanke kennt nicht viele Deutsche, aber Brunnermeier ist einer davon. Und er kennt ihn nicht nur, er hört ihm zu. Auch der amerikanische Finanzminister Timothy Geithner ist an seiner Einschätzung interessiert.

Kompetenz ist ein Grundwert, der in Deutschland seit jeher verehrt wird. Glaubwürdigkeit gehört auch dazu. Sie rangiert unter den oberen drei der Charaktereigenschaften, die sich die Deutschen laut Umfragen wünschen. So erklärt sich etwa auch die Karriere des Joachim Gauck. Den Namen Gauck kannte kaum einer, als SPD und Grüne ihn vor zwei Jahren zum Bundespräsidenten vorschlugen. Trotzdem eroberte er in nur vier Wochen die Herzen des Landes. Auch die zunächst noch Wulff-freundliche „Bild“-Zeitung ließ sich von ihm anstecken und jubelte: Yes, we gauck!

Gauck brachte etwas mit, das nicht nur Christian Wulff fehlt, sondern den meisten Politikern unserer Zeit: Die Glaubwürdigkeit. Er wirkte nicht wie einer, der um jeden Preis ein Amt will, sondern im Gegenteil: Er schien wie der, den das Amt dringend brauchte. Man nahm ihm ab, dass er das, was er sagte, auch so meinte, dass er auf niemanden so sehr vertraut wie auf die eigene Urteilsfähigkeit.

Es geht Gauck da wie Axel Weber: Glaubwürdigkeit gelingt über Unabhängigkeit. An einem Montagmorgen Anfang Mai 2010 trifft Weber eine Entscheidung, die vielleicht bedeutet, dass seine Träume schon bald platzen, er aber seine Glaubwürdigkeit behalten kann. Er muss für sich in diesem Moment wissen, dass sein Lebensglück zur Not von seinem Job an der Spitze einer Notenbank unabhängig ist, denn dieser Schritt könnte diesen Posten kosten. Weber beschließt, gegen einen ehernen Kodex dieser eigenen Welt zu verstoßen, in der er nun lebt. Er wird sein Schweigen brechen.

Als die Mehrheit des EZB-Rats 2010 entscheidet, künftig Staatsanleihen zu kaufen, geht Weber mit seinem Protest an die Öffentlichkeit. „Der Ankauf von Staatsanleihen birgt erhebliche stabilitätspolitische Risiken, und daher sehe ich diesen Teil des Beschlusses des EZB-Rats auch in dieser außerordentlichen Situation kritisch“, sagt er. Man muss den Korpsgeist der Notenbanker verstehen, um die Schwere des Verrats zu ermessen, den sie empfinden. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis, ihr Herrschaftswissen vor der Welt zu hüten.


Papst Wolfgang Schäuble

Es gehört aber zum Selbstverständnis von Weber, sich nicht so von einem Amt abhängig zu machen, dass er dafür seine Glaubwürdigkeit opfern muss. Selbst dann nicht, wenn es das Amt des Präsidenten der Europäischen Zentralbank ist. Weber ist zu diesem Zeitpunkt der Favorit unter den Kandidaten für den nächsten Zentralbankchef. Es geht also für ihn um einiges, als er sich auf seinen Glaubensgrundsatz einer orthodoxen Geldpolitik beruft. Und Weber blufft nicht.

Es wird in der Folge zunehmend einsam um ihn. Kollegen aus dem Ausland, Politiker, sie alle rücken von ihm ab. Nach außen gibt Weber im Streit über Staatsanleihen den Hardliner, bei den EZB-Ratstreffen selbst ist er Teilnehmern zufolge eher still, in Pausen oft allein.

Die Situation setzt ihm zu. Schließlich macht Weber den klaren Schnitt: Er tritt als Bundesbank-Präsident zurück, opfert damit den Posten des EZB-Chefs – und muss sich inhaltlich nicht verbiegen.

Die Deutschen lieben ihn dafür, sie achten eine solche Entscheidung. Sie mögen mit den Auswirkungen seiner harten Geldpolitik, die auch mal Wachstumseinbrüche und sinkende Löhne zur Folge haben kann, nicht immer einverstanden sein. Aber sie verneigen sich vor dieser Unabhängigkeit. Sie imponiert ihnen. Wer Axel Weber in Davos erlebt, hat einen Mann vor sich, der mit sich im Reinen ist. Man sucht seinen Rat, seine Nähe, vielleicht fällt ja ein Schimmer seines Glanzes auch auf seine Gesprächspartner ab.

Dabei teilen nicht alle seine harte Haltung, was ihn gedanklich in die Nähe des Papstes befördert. Wenn man Positionen von Benedikt zur Familienplanung, zur Rolle der Frau, zum Verhältnis von Staat und Religion zur Abstimmung stellen würde, gut drei Viertel der Deutschen würden dem Pontifex niemals zustimmen. Dennoch pilgern sie in Scharen zu seinen Predigten und Reden. Weil er eine Lücke füllt, die diese unruhigen Zeiten gerissen haben. Der Papst liefert keine schnellen Antworten, die fürs Frühstücksfernsehen taugen. Aber er imponiert mit seiner Nachdenklichkeit. Ein bisschen Papst-Sein, das wünschen sich die meisten Deutschen auch von den anderen Würdenträgern der Gesellschaft.

Einer, der dem Papst in Sachen Pflichterfüllung und gedanklicher Tiefe nahekommt, ist ohne Zweifel Wolfgang Schäuble, obwohl er der anderen großen Kirche angehört. Er selbst nennt sich einen „Protestanten aus Baden“, und diese erfüllten eben ihre Pflicht.

Niemand zweifelt bei Schäuble, dass es diese Grundhaltung ist, aus der heraus er seit nunmehr 40 Jahren Politik betreibt. Mit oder ohne Rollstuhl. Als er im Jahr 2010 schwer erkrankte, bot er Merkel seinen Rückzug an – und blieb, als sie ihn darum bat.


Fleiß ist tief in der deutschen Geschichte verankert

Die anderen, die nur vorgeben, ihre Pflicht zu tun, und sie in Wahrheit verletzen, haben es heute schwerer denn je. Denn es gibt nicht nur Tugenden, die wir verehren. Es gibt auch Tugendverstöße, nach denen gefahndet wird.

Martin Heidingsfelder hat dafür sogar einen Preis bekommen, den „Grimme Online Award“, dafür, dass er eine Internetseite namens Vroniplag gegründet hatte. Die Mitglieder der Plattform sezieren in ihrer Freizeit die Doktorarbeiten von Prominenten und suchen darin nach Plagiaten. Das Vorbild für die Aktion hieß Guttenplag und hat einen Teil dazu beigetragen, dass der damalige Verteidigungsminister zu Guttenberg sein Amt niederlegen musste. Dank der akribischen Recherche zahlloser Freiwilliger war irgendwann für jeden offensichtlich, dass so viele Fundstellen kein Zufallsprodukt sein können.

Heidingsfelder war einer von ihnen. Aber Guttenberg hat ihm nicht gereicht. Als Nächstes nahm sich der Freiberufler die Tochter von Edmund Stoiber vor, Veronica Saß. Es gehört eine gehörige Portion Fleiß dazu, Doktorarbeiten von vorne bis hinten durchzulesen mit so ansprechenden Titeln wie „Das Kontraktionsverhalten des isolierten Papillarmuskels des Menschen bei unterschiedlichen Mitralklappenvitien.“ Man könnte Menschen wie Heidingsfelder auch „verbissen“ nennen. Doch wer sich nie in etwas verbeißen kann, der nimmt auch nichts ernst.

Die Deutschen mögen das Wort „Fleiß“ so sehr, weil es tief in ihrer Geschichte verankert ist. Was der US-Wirtschaft ihre Garagengründungen, die später zu Konzernen wurden, sind den Deutschen ihre Familienunternehmer. Wackere Männer und Frauen, die durch Tatkraft, Fleiß und Exzellenz eine Wirtschaft schufen, die allem Auf und Ab an den Märkten derzeit trotzt.

Die Schäfflers, von Metzlers, Herrenknechts, Würths, Bettermanns, Fischers und Kannegiessers haben Unternehmen geschaffen, die nicht wie die Großkonzerne vor sich selbst erstarrt sind. In denen geschuftet, nicht gemanagt wird, in denen die Werkbank mehr zählt als die Strategieabteilung. Ein bisschen patriarchisch, manchmal eigenbrötlerisch sind sie – aber was ist das gegen die Stärke, durch Fleiß und harte Arbeit die Grundlage des deutschen Exportwunders gelegt zu haben?

Man sieht das an einer Frau wie Nicola Leibinger-Kammüller, der Chefin des Maschinenbauers Trumpf. Als sie Anfang des vergangenen Jahrzehnts begann, die Geschäfte von ihrem Vater Berthold Leibinger langsam zu übernehmen, war sie in der handfesten Maschinenbau-Branche als Frau zunächst eine Exotin. Heute ist sie fest etabliert. Souverän führt sie einen global aufgestellten Mittelständler, der mit zwei Milliarden Euro Umsatz die Größe eines Konzerns erreicht, aber die Seele eines Familienunternehmens behalten hat.

Engagiert mischt sie sich in gesellschaftliche Debatten ein, wenn die Politik in Sachen Bildung versagt oder mit Quoten die Wirtschaft knebeln will. Einfluss, den sie sich durch Fleiß, aber auch durch Einfallsreichtum, erworben hat. Doch die Bewunderung gilt weniger der Frau als der Institution, die sie verkörpert. Das Familienunternehmen ist für die Deutschen ein Stück Heimat in einer sich beschleunigenden Welt.


Ein Film verleiht Menschlichkeit ein neues Gesicht

Von dieser Tatkraft hat sich Leyla Piedayesh etwas abgeschaut und ist damit selbst für viele zum Vorbild geworden. Die junge Frau fällt sogar im unüberschaubaren Meer der Berliner Kreativen noch auf: Unangepasst, jederzeit bereit Regeln zu brechen – so hat die gebürtige Iranerin mit Lala Berlin eine Marke geschaffen, nach der heute die Reichen und Schönen begierig greifen. Binnen acht Jahren wurde ihre Marke zum Unternehmen mit 30 Mitarbeitern und 3,5 Millionen Umsatz. Es ist das einzige deutsche Label, das es regelmäßig in die angesehene britische „Vogue“ schafft.

Lange war Kreativität nicht mehr so frech. Und damit so erfolgreich. Auch, weil Piedayesh nicht nur den guten Geschmack trifft, sondern weil ihre Geschichte berührt. Die der jungen iranischen Frau, die es weit nach oben gebracht hat. Das wärmt – und Wärme, Gefühl, auch danach sehnt sich der Deutsche. Empathie ist einer der Werte, die in Zeiten von Dauerkrisen eher an Bedeutung gewonnen haben.

Deswegen werden in diesen Tagen auch Menschen wie Driss, ein junger Schwarzer aus Frankreich, zu Helden. Obwohl es Driss eigentlich nicht gibt. Er ist eine Filmfigur im derzeitigen Erfolgsstreifen „Ziemlich beste Freunde“. Er gibt der Menschlichkeit ein neues, ein zeitgemäßes Gesicht. Driss, ein vorbestrafter Kleinkrimineller, hilft als Pfleger – zunächst wider Willen – dem reichen Rollstuhlfahrer Philippe. Sie werden „ziemlich beste Freunde“.

Die Verfilmung dieser wahren Geschichte ist ein unglaublicher Erfolg. Mehr als jeder vierte Franzose hat sich den Film angesehen; auch in Deutschland sind es nach nur drei Wochen schon gut 1,5 Millionen Zuschauer und damit ist er Nummer eins der Kinohitparade. Philippe und Driss heißen im wahren Leben Philippe und Abdel. „Dies ist keine Geschichte über Behinderte“, erklärt der wahre Philippe, Philippe Pozzo di Borgo, im Gespräch mit einer französischen Journalistin, „eher eine Lehrstunde über zwei Verzweifelte, die sich unterstützen. Unsere Gesellschaft spielt verrückt, alles gerät in Unordnung, die Finanzmärkte und der ganze Rest. Man muss auch zusammenhalten.“

Dieser Zusammenhalt gründet auf dem besonderen Einfühlungsvermögen von Driss, seiner Empathie, mit der er Philippe begegnet. Philippe will nicht wie ein Kranker behandelt werden. Jeder in seinem Umfeld tut das. Driss aber denkt gar nicht daran. Er mit seiner zweifelhaften Vergangenheit weiß, wie sehr es an jemandem zehren kann, nach den gängigen Klischees behandelt zu werden.

Driss behandelt Philippe wie jeden anderen Menschen auch, ohne dieses gönnerhafte Mitleid. „Genau das ist es, was ich will: kein Mitleid“, sagt Philippe im Film. Empathie ist Mitfühlsamkeit – und damit etwas ganz anderes.

Die Frage nach dem Vorbildcharakter beantwortet sich nicht über die Zugehörigkeit zu einer Schicht oder Klasse. Auch von unten kommend lässt sich Großes leisten. Mit Durchsetzungswillen und Anstand. Uli Hoeneß verkörpert diese Ideale. Unbeugsam, geradlinig, durchsetzungsstark. So ist aus dem kleinen Jungen aus Bayern nicht nur der erfolgreichste Fußball-Manager dieser Zeit geworden, sondern auch ein Mensch, der seine Wurzeln nicht vergessen hat.


Idole sind keine Heiligen

Legendär, wie er beim FC Bayern auch jenen eine dritte und vierte Chance gibt, die die erste und zweite verspielt haben, wie er die Auswüchse des Finanzkapitalismus geißelt, wie er mit Managementmethoden von gestern den Erfolg von morgen bereitet. Unter Hoeneß’ Führung steigerte sich der Umsatz bei Bayern München von 12 Millionen D-Mark 1979, dem Jahr seines Amtsantritts als Manager, auf zuletzt 350 Millionen Euro. Hoeneß redet in diesem Zusammenhang dann gern auch von der Abteilung Festgeld in einer Bank und nicht von jenen Dienststellen, in der die Kredite verhandelt werden. So ist er von seinen Überzeugungen und Werten nie abgerückt – und hat doch den modernsten Fußballkonzern Europas geformt.

Eine Merkel begeistert durch ihren Fleiß, ein Driss durch seine Courage, eine Achleitner durch Wissen. Und dennoch sind sie keine Heiligen. Wir verehren sie nicht, nur manche ihrer Eigenschaften. Der Investmentbanker würde von Cherry-Picking sprechen. Auch deswegen haben die Bastel-Vorbilder einen Vorteil: Sie bewahren davor, zu Moralaposteln zu werden. Das allzu perfekte ist uns eher suspekt. Hinter all den Schwiegersöhnen – wir wissen es längst – steckt doch nur der Schnäppchenjäger.

Der deutsche Trend zur Auswahl von Teil-Idolen, zur Orientierung am Unfertigen und Halben, ist auch international in Mode. Das erfährt, wer sich dieser Tage umhört, wo sich die treffen, die gerne Vorbild wären oder sein sollten: Beim Weltwirtschaftsgipfel in Davos. Über „New Leadership“ diskutieren sie dort – mit demselben Ergebnis. „Es gibt nicht mehr DAS Vorbild. Ein Jack Welch allein reicht nicht, um alle Anforderungen zu erfüllen“, sagt Jasmine Whitbread vom Global Agenda Council on New Models of Leadership.

Der ehemalige Außenminister Joschka Fischer, der sich Zeit seines Lebens als Maßstab selbst genügte, hat im Magazin Cicero die Diskussion über Bundespräsident Wulff so kommentiert: „Ich habe mein Leben so geführt“, sagte Fischer, „dass ich den hohen moralischen Standards, die neuerdings an öffentliche Ämter durch die Medien angelegt werden, nicht mehr gerecht werde. Demnächst wird der Bundespräsident über das Wasser wandeln müssen.“

Er trifft damit auf große Sympathie. So wie die Deutschen sich der Finanz- und Euro-Krise der vergangenen Jahre gestellt haben, so begegnen sie dem Leben im Allgemeinen: nüchtern, ohne große Aufregung, ein wenig skeptisch. Die Unaufgeregtheit ist zum ersten Buchstaben im genetischen Code dieser Republik geworden. Das passt aber nicht zu den großen Allheil-Versprechen der Berufs-Gutmenschen.

Wer wie zuletzt die ZDF-Moderation Bettina Schausten im Gespräch mit Christian Wulff Ansprüche zu Standards erheben will, die kein normaler Mensch erfüllen kann, bewegt sich selbst ins Abseits. Ihre Vorhaltungen an den Bundespräsidenten, weil dieser seinen Freunden keine 150 Euro für eine Übernachtung zahle, während sie, Schausten genau dies tue, brachte ihr nicht Bewunderung, sondern Spott und Häme ein. Plötzlich war die selbst ernannten Moralpriesterin Ziel des Zorns. „Wann Schausten vorbei?“ wurde eine der beliebtesten Spott-Seiten bei Facebook.


Günter Jauch: „Wir werden nur als Projektionsfläche genutzt“

Heute funktioniert die Heldenverehrung, wenn es sie überhaupt noch gibt, genau andersherum. Margot Käßmann etwa, die evangelische Bischöfin, die einst von ihrem Amt zurücktrat, weil Polizisten sie betrunken beim Autofahren ertappten, wurde erst dadurch so richtig populär. Der Bürger will keine unbefleckten Helden, den Jungfräulichkeits-Wahn hat er überwunden. Der Bürger will Authentizität und nicht ein Ideal von dem er schon ahnt, dass er es selbst nie wird erfüllen können.

Frank Dopheide ist ein ehemaliger Werber, der seit einiger Zeit versucht, deutschen Managern so etwas wie ein Leitbild ihrer selbst zu vermitteln. Er sagt: „Es ist nicht der unbefleckte Held gefragt. Das Bild eines Menschen muss in sich stimmig sein, dann verzeiht das Publikum auch Makel.“ Ein Ferdinand Piëch etwa kann menschlich durchaus anstrengend sein, er ist als Technik-Genie so überzeugend, dass das wieder zusammen passt. „An einem Vorbild muss ich mich auch reiben können“, sagt Dopheide. Und Reibung entsteht nicht an glatten Flächen.

Selbst Günter Jauch, der in jeder Umfrage unter Deutschen nach ihrem Vorbild locker den Dalai Lama und den Papst abhängt, meint: „Wir werden doch nur als Projektionsfläche genutzt. Irgendwann wird die Fallhöhe so hoch, dass es nur mit einem möllemannschen Absturz enden kann.“

Die Abkehr von dem überlebensgroßen Helden muss für die Gesellschaft kein Nachteil sein. Vielleicht ist eine Welt der vielen kleinen Heldchen und Teil-Heldinnen alltagstauglicher.

Warum sollen wir bei der Auswahl unserer Leitbilder alles auf eine Karte setzen? Hatte das eine große Vorbild nicht immer auch etwas Stupides und Armseliges? Sollte der moderne Mensch nicht generell mehr auf sich vertrauen als sein Vertrauen in andere auszulagern?

Vielleicht kann der Einzelne erst jetzt, befreit von Vorbildern aller Art, zum Helden seines eigenen Lebens werden. Die Rückmeldung an uns selbst würde dann lauten: Vorbild gesucht und gefunden. Die Welt würde nicht perfekter – aber vielleicht menschlicher.

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