Was Mode ausdrückt: Kleidungsstücke sind opportunistisch

Was Mode ausdrückt: Kleidungsstücke sind opportunistisch

Es ist bestimmt mehr als 25 Jahre her, dass wir Besuch hatten von einem chinesischen Freund aus Peking, der an der Mainzer Universität ein Gastsemester absolvierte und mit dem ich einen Spaziergang durch die Wiesbadener Innenstadt machte. Sein dringlichster Wunsch war es, leibhaftige Punks zu sehen, von denen er in chinesischen Zeitungen gelesen hatte.

er sprach sie „Pönk“ aus, und tatsächlich konnte ich ihn an einen Ort führen - ich glaube, es war das damalige Hardrock-Café -, vor dem ein paar Punks mit ihren bunten, steilen Haarskulpturen herumstanden: Irokesenschnitt, Sicherheitsnadeln, schwarzumränderte Augen usw. Unser chinesischer Freund war’s zufrieden. Wie gesagt, das ist mehr als 25 , womöglich 30 Jahre her – trotzdem gibt es die Punks noch immer, während sich an die Popper kaum noch jemand erinnern kann. Mit unglaublicher Zählebigkeit halten sie in den Innenstadt-Bioptopen unserer Metropolen, zum Beispiel in Köln, am Eingang zur B-Ebene des Kölner Hauptbahnhofs, da, wo es zu den Straßenbahnen geht. In kleinere oder größeren Pulks kauern sie vor den Treppen, Jungs und Mädchen gemischt, manchmal mit Hunden, immer noch mit schwarzen Lederklamotten, Schnürstiefeln, zerrissenen Strümpfen, orangefarbenen Igelfrisuren, dunklen, mit Marker bemalten Fingernägeln usw.

Genau genommen kann man nicht mehr von einer Mode sprechen, eher von einem Sozialtypus, bei dem die Männer eindeutig das Sagen haben. Punk ist ein Jungsphänomen. Oder, wie Hannelore Schlaffer in ihrem Buch „Mode. Schule der Frauen“ (Suhrkamp 2007) schreibt: „Auf der Straße … klammerte sich das Kindergesicht, das aus dem Modeschreck hervorsah, an die Bande, die es schützend umgab. Nie betrat eine Punkerin eine Bar, ein Bistro allein. Ohne den Hintergrund der Männergruppe hätte sie ihre Identität verloren, die darin bestand, der Verschönerung des männlichen Triumphs zu dienen.“

Anzeige

Anders verhält es sich mit dem Palästinensertuch. Das war mindestens 25 Jahre von der deutschen Bildfläche verschwunden und ist seit knapp einem Jahr wieder da. Früher stand es – ja wofür denn? – wahrscheinlich für eine vage Protesthaltung, womöglich für die Solidarität mit den Unterdrückten und Entrechteten dieser Welt im Allgemeinen und den Palästinensern im Besonderen, auch für einen nicht weiter definierten linken Schick: Wer ein Palästinensertuch trug, verweigerte den Kriegsdienst, trug Flickenjeans und rauchte selbstgedrehte Zigaretten. Vielleicht ließ er sich auch mal an der Startbahn West blicken.

So allgegenwärtig war das rot oder schwarz gemusterte Tuch in den späten Siebzigern bei Demos und Uni-Vollversammlungen, dass es emblematisch wurde für die damals entstehenden „Neuen sozialen Bewegungen“, für Feminismus, Pazifismus und Anti-AKW – und später Museumsreife erlangt hat: Im Bonner Haus der Geschichte gehört es in der Abteilung „Von 1974 bis zur Gegenwart“ neben dem Parka zu den Insignien der BRD. Genau genommen war das Palästinensertuch, das sich so wunderbar weich um den Hals wickeln ließ, die Windel zum Kampfanzug. Und es spricht für das Erwachsenwerden der Republik, dass es spätestens nach der Wiedervereinigung in den Regalen verschwand.

Dachte ich jedenfalls, bis mich Wikipedia eines besseren belehrte. Das Palästinensertuch, heißt es da, sei in der 90ern beliebt geworden bei Neonazis, die damit ihre antiisraelische und überhaupt antikonforme Haltung signalisierten.

Was wiederum belegt, dass Kleidungsstücke grundsätzlich opportunistisch sind. Sie sind in ihrer Substanz unpolitisch und flattern deshalb in jeder Windrichtung. Kein Wunder, dass das Palästinensertuch inzwischen wieder als völlig unschuldiges Modeaccessoire bei H & M erhältlich ist. Das SZ-Jugendmagazin „jetzt“ konstatiert sogar seine Renaissance und fühlt sich in den Fußgängerzonen wieder an die Siebziger erinnert. Winterliche Palästinensertücher, die grün, blau oder orangefarben eingefärbt sind. Ich müsste auch noch eins zu Hause haben, tief vergraben in der untersten Schublade meines Wäscheschranks, vielleicht mit ein paar Schwarzer-Krauser-Krümeln im Gewebe und blauroten Rändern von Rotwein der Marke „Kalterer See“.

Anzeige
Unternehmer stellen sich vor
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%